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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-01-10 · Heft 2 (10.1.1882) · p. Seite 27

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 2 (10.1.1882)
Date
1882-01-10
Page
Seite 27 (sequence 11)
Language
German
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Zustimmung,; viele Jahre verweilten, ausgetrieben hat, daß ein-ministerielles Zirkular die, den Juden ungünstigsten Ansichtenaussprachwährend dasselbe eine Untersuchung über die Sachlage einleiten wollte, daß in die desfalsi'gen Commissionen die entschiedensten Judenfeinde zur Begutachtung 'und Vorschläge zu machen, berufen wurden, woraus dann Berichte, wie die der Petersburger, Odessaer und Wolhynischen Commission erflossen sind, daß außerdem seit Jahren, während der Excesse und nach denselben die gesammte russische Presse — mit sehr geringer Ausnahme—- die unglücklichen Juden auf's Schmählichste verfolgte, keine einzige gute Eigenschaft an ihnen anerkannte, sondern nur die haarsträubendsten Beschuldigungen auf sie häufte, ihre harmlosesten Gemeinde- und Eultuseinrichtungen als staatsgefährlich und antisozial denunzirte, und in einem Staate wie Rußland, wo zahllose Nationalitäten und religiöse Sekten existiren, die in disparatester Weise von einander verschieden sind, als nicht zu dulden erklärte — daß alle diese. Erscheinungen auch nicht im Geringsten auf einen nihilistischen Ursprung der Judenverfolgungen hindeuten, ist einsichtlich. Die nothwendige Folgerung hieraus ist-, daß . vielmehr, der Anstoß zu denselben aus, einer Partei der herr- ' jchenden Klassen hervorgegangen, zumal man. gegenwärtig.in den Ostseeprovinzen einen ähnlichen Sturm gegen die Deutschen anfachen sieht; wenn man ferner gewahrt, daß die lettischen und esthischen Bauern zum Aufstande gegen die deutschen Grundbesitzer geradezu animirt werden, so kann es nicht mehr zweifelhaft sein, daß hier ein nationaler und religiöser Fanatismus in Bewegung ist, der Alles vernichten will, was nicht zu seiner Fahne gehört.Aber ebenso sicher ist es, daß dieser Fanatismus dem russischen Reiche die tiefsten Wunden schlagen wird, an welchen es sich verbluten könnte. Denn das unermeßliche Ezarenreich ist seiner Natur und geschichtlichen Entwickelungnach auf den Verband zahlloser. Völker und Sekten angewiesen, und ein . solcher Verband wiederum kann nur durch gegenseitige- Duldung, durch Gemeinsamkeit in Pflicht und Recht, .durch Bereinigung in dem höheren Begriff der gemeinschaftlichen staatlichen Gesellschaft und im Gefühl für das vaterländische Ganze bestehen und gedeihen. Es ist daher gerade das Gegentheil des wahren Patriotismus, es ist der schmählichste Egoismus gewisser Coterien, welcher diese Zustände in Rußland?herbeiführt, erweitert und verbittert. Wir glaubendaß es nothwendig ist, sich hierüber recht klar zu werden. - , Warschau, 28. Dez. Endlich sind auch hier Excesse vorgekommen, die aus.trüber Quelle'stammen. Während des Gottesdienstes in der stark besuchten 'Kre uzkir ch e verübten zwei Individuen Diebstähle. ..Bei der Verhaftung schrie einer derselben: Feuer! Das Publikum drängte mit solcher Heftigkeit nach den Ausgängendaß 2 6 Personen im Gedränge _ umkamen, 60 schwer und sehr viele leichü verwundet wurden. Alsbald wurde das Gerücht verbreitetdaß die Uebelthater Juden wären , und es herrschte gegen die' gesammte jüdische - Bevölkerung große Erbitterung. Bei sämmtlichen jüdischen Hausbesitzern in der Jerusalemer. Allee und in der Altstadt wurden Fenster und Thüren eingeschlagen und geplündert. Militair stellte die Ordnung wieder her. Zwei Jnfanterie- und drei Kavallerie-Regimenter sind Abends auf der Straße posürt. Bor jedem 'Schanklokale stehen Militairposten. Viele Verhaftungen sind vorgenommen. Am andern 'Tage wiederholten sich, die Aufläufe, würden aber durch Militair unterdrückt. . > ■ ‘ . Warschau, 29. Dez. Es. ist jetzt constatirt, daß es eine böswillige Erfindungwar, ein jüdischer Taschendieb habe Feuer in der Kreuzkirche gerufen, vielmehr ist es eine Bande von ca. 20 jungen Leuten, Antisemiten, die das Unglück ^angeregt, um den raubgierigen Pöbel auf die Juden zu Hetzen.. Die. „Rat. Ztg." bringt-folgenden Bericht vom 27. Dez. : „Seit gestern hat man mit den Demolirungen jüdischer Häuser fortgefahren und die Unruhen haben einen wachsend bedrohlichen und gefährlichen Charakter angenommen.. Auf fänuntlichen Straßen, selbst auf den belebtesten, find die leicht, zugänglichen jüdischen Läden erbrochen worden und ihr Inhalt auf. die Straße geschleudert worden. Die 'Vorkehrungen der Behörden erweisen, sich alsunzureichend. Ich war persönlich zu wiederholten Malen gestern Augenzeuge wie etwa 15 bis 20 Schritt von dem betreffenden Hause, wo demolirt wurde, Militär stand, das abwartete, bis das Zerstörungswerk vollendet wardann erst wurden die Soldaten an den Ort der Verwüstung von den Vorgesetzten hindirigirt und auf den Trümmern wurde ein Soldat als Wache zurückgelassen..' Die Soldaten sind zum großen Theil selber betrunken und stecken Branntweinflaschen und Cigaretten 'in die Taschen. Von allen.Ecken der Städte laufen Nachrichten eindaß an-. ständig gekleideteden bessern Ständen ungehörige Einwohner .auf der Straße mißhandelt und beraubt . wurden. Das Charakteristische bleibt nach, wie vor, daß während des Tags wenigstens sieben Achtel der Exzedenten halbwüchsige Bursche waren,, welche nach übereinstimmenden Aussagen von Augenzeugen einem Anführer gehorchten. > Dieser letztere, anständiger gekleidet, gab. einen Pfiff, worauf das Bombardement begann. Ganz Warschau befindet sich in unbeschreiblicher Erregung. Würde die Behörde,' der in der Garnison Warschau mindestens 20,000 .Mann und wohl-darüber zu Gebote stehen, vorgestern= und auch gestern noch energisch - ausgetreten sein — die Demolirungen. hätten eben diesen, akuten Charakter nicht annehmew können. Der:Oberpolizei-'. meister ist zur Zeit von Warschau abwesend; zm seinem.Vertreter,. dem Generalmajor Polenow, begab sich gestern, eine aüs> angesehenen' Bürgern verschiedener. Confessionenu.züsam-> mengesetzte Deputation, die nm nachdrücklich eren, Schutz. er-'

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