Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1882)
- Date
- 1882-01-10
- Page
- Seite 26 (sequence 10)
- Language
- German
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tchantismus, sie waren mit Vorrechten aller' Art ausgestattet And wurden seitens der Herrscher stets mit.der größten Gunst behandelt — und doch starben sie mehr und mehr aus und ihre Zahl schrumpft, von Jahr zu Jahr zusammen. So durchaus werden die Minderheiten von dem sie umgebenden über, wältigenden allgemeinen Volksthum absorbirt! Und doch suchten diese Gemeinschaften mit allen Mitteln ihren Bestand zu? erhalten. Sie, schlossen sich sorgfältig selbst vom'Verkehr mit dem übrigen Volke ab, - sie heiratheten fast nur untereinander. Alles vergebens! Und dieser Auflösungsprozeß vollzog sich innerhalb. zweier bis dreier Jahrhunderte! Wir brauchen nur die Juden zu nennen, um bei jedem Leserdas Bewußtseindes überaus, merkwürdigen Gegensatzes hervorzurufen, der zwischen ihnen, den Geknechteten und Verfolgten, und jenen begünstigten Minoritäten existirt. Die letztern sind verschwunden, die Juden aber bestehen noch kräftiger und zahlreicher, als vor achtzehn Jahrhunderten. Italien. Rom, 16. Dez. (Privatmitth.) Die treffliche italienische Uebersetzung, welche Herr vr. Ehrenreich von Dt. Philippson's Abhandlung: „Haben die Juden wirklich Jesum gekreuzigt?" veranstaltet und herausgegeben, hat auf der Halbinsel großes Aufsehen erregt. .Sie wurde in zahlreichen Journalen besprochen, und nun hat auchein frommer Advokat, Hr. Matteo Rosati, eine „Prüfung^ derselben erscheinen lassen (Rom 1881). Da muß ich Ihnen nun freilich bekennen, daß Verfasser und' Uebersetzer recht übel fortkommen/ Den „Katholiken Italiens", denen Rosati seine Broschürewidmet, müssen die beiden Herren in.sehr ungünstigem Lichte erscheinen. Denn wie ein Anwalt, mit dessen Sache es -nicht zum besten steht, wirft Rosati mit'Vorwürfen der Unwissenheit, Lächerlichkeit, Verstocktheit . um. sich, ja er nennt die beiden Rabbiner. „Verräther und Mörder^, proäitores ethomicidae. Indessen glücklicher Weise wohnt, ja den Schimpfworten wenig Beweiskraft inne. Widerlegt Herr Rosati die Broschüre ernsthaft? Nein und.ja. Neinwenn man sich auf einen unbefangenen historischen, ja, wenn man' sich aus den gläubigen katholischen Standpunkt stellt. Am meisten, empört ist nämlich der Verfasser darüber, daß die-Abhandlung, davon ausgeht, die Evangelien wären keine, zu historischensondern zu dogmatischen Zwecken bestimmte Bücher. Nein, sagt er, sie erzählen Fakten, freilich Fakten übernatürlicher Art; aber diese Fakten waren so allgemein bekannt, daß, sie gar nicht ersonnen werden konnten. Ich will auf die offenbare Fadenscheinigkeit einer solchen Beweisführung'gar nicht weiter eingehen. Aber eine Frage möchte ich doch Herrn Rosati stellen: . wie .kommt es, daß diese glaubwürdigen Geschichtsbücher, die Evangelien, sich in dm allgemein bekannten Thatsachen, von denen.sie berichten, überall widersprechen? Herr Rosati hütet sichdiese kitzliche Frage auch nur auszustellen. Für ihn' existirt hie wissenschaftliche Bibelkritik überhaupt nicht. Die drei ersten Evangelien sind ihm/ nach dem Leben Jesu zeitgenössisch. Und wie beweist er das? Durch die Kirchenväter des dritten und vierten Jahrhunderts, - ja durch ' sospäte Schriftsteller wie A. Lapide und Baronius. Man dürfte einwenden, wie Autoren des sechzehnten - und siebzehnten Jahrhunderts die Sache so genau wissen konnten? ' Aberman-bedenke doch, ' Baronius, ein Kardinal! Wer dem nicht 'glaubt, ist ein Ver- - räther und Meuchelmörder! Ihr leugnetdaß die Kreuzesstrafe bei; den Juden gebräuchlich war? Allein, sagt nicht A. Lapide, daß das Osterlamm bei den Juden in Kreuzesform auf den Tisch gebracht wurde? Ist nicht häufig in der h. Schrift von dem Aufhängen am Galgen die Rede? Und Galgen und Kreuz ist offenbar dasselbe. Ob die Leute in England, die man zum Tode verurtheilt, mit dieser Gleich - stellung zuftieden sein würden, ist allerdings die Frage. Herr Rosati hat noch andere Beweise: nämlich die Prophezeiungen des Alten Testaments. Was er da an kühner Hermeneutik leistet, möge ihm der Himmel vergeben; ein Philolog oder Historiker muß sich zum Verzeihen außer.Stande fühlen. Dazu kommen dann noch die Vorherverkündigungen der Sibyllen, das Schweißtuch' der heil. Veronikadie Erzählungen der heil. Jungfrau in ihren Offenbarungen an die heil. Brigitta. Sie' sehen, solchen Argumenten können Ungläubige oder Bekenner anderer Religionen nicht widerstehen. Und thun sie es doch, verlangen-sie für solche.Beweisführung erst wieder Beweise, so werden sie tüchtig ausgeschimpft — und dann heißt es: seht ihr, ihr Gegner, wie seit ihr doch widerlegtihr u.' s. w. u. s. w.! — Ich erspare es Ihnen , weiter auf die Einzelheiten dieser Anklageschrift — entschuldigen Sie, dieser theologischen Broschüre einzugehen; nur eine Beweisführung möchte ich noch citiren, weil sie zu gelungen ist. Herr Rosati giebt zu, daß das gerichtliche Verfahren gegen Jesuswie es in den Evangelien geschildertvöllig ungesetzlich ist. Aber, : sagt er, gegen Jesus wollten die Juden eben alle Gesetze verletzen, und dann, sie nahmen es ja nie mit den Gesetzen genau. Das ist überzeugend, nicht wahr? Ich würde meine Prozesse bem Signore awocato nicht anvertrauen! —n —n. Rußland. Petersburg, 25. Dez. (Privatmittheilung.) Man wird sich erinnern, daß die barbarischen Excesse in Südrußland der nihilistischen Partei zugeschrieben wurden, daß man diese für die begangenen Frevel verantwortlich machte. Jndeß wird diese Beschuldigung sehr verdächtigwenn man .die Schritte beachtetdie seitdem von offizieller Seite geschehen sind. Daß' man hinterdrein die Indem massenhaft aus Orten, wo sie sich niedergelassen und jedenfalls doch mit behördlicher