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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-01-10 · Heft 2 (10.1.1882) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 2 (10.1.1882)
Date
1882-01-10
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
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Opfer an Blut und Geld, wenn er ganze Klassen seiner Staatsangehörigen vor der Verletzung ihres Lebens und Eigenthums nicht schützt, nicht einmal in Städten mit , großen Garnisonen, und zwar gegen die Angriffe eines ungeregelten unbewaffneten Pöbels? Welche Vorstellungen von den Zuständen in einem solchen Staate drängen' sich unwillkürlich auf! Von welcher Beschaffenheit sind da die regierenden wie die regierten Kreise! Zweierlei geht aus diesen unseligen Ereignissen hervor: 1) daß eine Anstifterbande die Excesse eingeleitet und angeführt hat und zu diesem Behufe eine teuflische Lüge in das Volk warf. Sie verursachte zunächst die greuliche Katastrophe in der Kreuzkirche, und dann die Plünderung und Mißhandlung der Juden. Dann aber 2) daß die Warschauer Behörden diesen schmählichen Ausschreitungen gelassen zusahen. Denn daß diese Excesse drei Tage und Nächte lang dauern konnten, obschon 20,000 Mann Militär zu Gebote standen, ist ein unwiderlegbarer Beweis, um so mehr, als man schließlich einen wirklichen Widerstand nicht zu überwinden hatte. Als Grund wird angegeben, daß man zeigen wollte, zwischen . dem polnischen und russischen Pöbel sei kein , Unterschied, weil die polnische Presse diesen oft und stark hervorgehoben'hatte. Dieser Beweis ist allerdings vollständig gelungen. Daß den Tumulten auch nicht das geringste politische Motiv beigemischt war, geht aus der Ruhe der Behörden hervor: es war allein ein Werk der Antisemiten und die alleinige Absicht, die Juden auszurauben und zu mißhandeln. Allein man täusche sich doch nicht in den oberen Regionen: diesen antisemitischen Stürmern wohnen doch noch ganz andere Pläne ein, die sich zur Zeit enthüllen, werden, und die Folgen werden noch ganz andere sein, als eine Anzahl ausgeraubter Häuser und Schänken, die Juden angehört hatten. Die jüngsten Nachrichten lauten vom 31. Dezember: Von dbn Verhafteten sollen 500 vor das Kriegsgericht gestellt werden. Den Geplünderten wird größtentheils der Schaden ersetzt werden. (???) Bei den Excessen sind 30 verwundet. Handel und Verkehr sind vollständig hergestellt. 6000 Personen sind bei der jüdischen Gemeinde-Verwaltung als durch die Ereignisse obdachlos geworden angemeldet worden. Im Ganzen sollen 2000 Personen verhaftet worden sein, darunter gegen 1000, wie es heißt, welche für die Juden Partei ergriffen haben. — Der „Kuryer Warszawski" veröffentlicht iw seiner Nummer - vom 29. d. M. einen Erlaß des Stadtpräsidenten von Warschau über die Exzesse der/ vorigen Woche. Der Erlaß, welcher noch einmal in Kürze dievon uns mitgetheilten Vorgänge in ,der Kreuzkirche während des Weihnachtsfeiertages wiedergiebt, und die bedauerlichen Folgen derselben, durch welche unschuldige arme Leute ihrer Habe beraubt wurden, hervorhebt, enthält u. A. wörtlich folgende Stelle: „Zur Ehre der Wahrheit sei hiermit konpatirt,-daß-die Juden die Vorgänge in der Kreuzkirche nicht verschuldet haben, daß nicht einem einzigen Juden auch nur die geringste Schuld an dem fürchterlichen Unglück Leigemeffen werden kann; im Gegentheil begaben sich Eie Juden, Aerzte und Feldscheere, sobald das Unglück bekannt wurde, zu der Kirche und leisteten den/Verwundeten mit anerkennenswerther Hingabe Hilfe und Beistand." — „Angesichts der Größe des Unglücks .strömen die Gaben noch nicht so reichlich zu, wie man wohl erwarten dürfte. Vorgestern hat sich unter dem Präsidium unseres Stadtpräsidenten, General Starankiewicz, der Hilfsverein konstituirt. Unter den Mitgliedern des Komites, welches sich aus den angesehensten Notabeln der Stadt, Christen sowohl wie Juden, zusammensetzt, befindet sich auch der Erzbischof von Warschau, Sotkiewicz. Der Hilfsverein erläßt soeben einen Aufruf, in welchem zuerst versichert wird, daß nur die niedrigste Hefe des Volkes, nur verrottete Gesellen das Unglück über die Stadt heraufbeschworen hätten, , daß alle Bürger unserer Stadt mit Abscheu an das Geschehene zurückdenken, und fährt dann fort: „Um diese Gefühle einerseits äußerlich zu dokumentirenandererseits auch die Noth, die schreckliche Bedürftigkeit der von dem Unglück in der Kreuzkirche und von den beklagenswerth'en Unruhen Betroffenen, worunter sich sowohl Israeliten, wie auch Christen befinden, zu lindern, wurde der Stadtpräsident ersucht, unter seinem Vorsitz ein „Bürgerhilfskomite für die Opfer der Ereignisse" zu bilden. Der Präsident erhielt von dem General-Gouverneur die Erlaubniß zur Bildung dieses Komites." Der Aufruf wendet sich dann an alle Bürger Warschaus um Hilfe, schildert die große Noth der Bedrängten, und schließt: „Im Namen also der heiligen Idee der Barmherzigkeit appellirt das Komite an alle edle Herzen mit der Bitte um Hilfe angesichts des schweren Unglücks. Möge damit einerseits dokumentirt werden die heilige Idee der Nächstenliebe, andererseits, daß die hiesigen Einwohner sich mit Abscheu von Unrecht und Verfolgung abwenden." Die gestrige Zusammenkunft des Hilfsvereinshat beschlossen^ sofort mit' Unterstützungen vörzngehen. Die Sammlung unter den 24 Mitgliedern des Komites ergab die Summe.von 4300 Silberrubeln. Das Komite theilte die Arbeit unter sich in verschiedene Kommissionen. Heute findet in allen drei städtischen Theatern Wohlthätigkeitsvorfiellungen für die Opfer der unglücklichen Ereignisse statt. Um einen recht hohen Ertrag zu erzielen, hat die Elite der Warschauer Damenwelt den Verkauf der Billete übernommen. Daß jedoch.in allen drei . Theatern am selben Abenddie Wohlthätigkeitsvorstellung .stattfindet, scheint für den Zweck nicht sonderlich günstig. Dies nebenbei.' Aus Lemberg wird telegraphirt, .daß dort die unglücklichen Ereignisse bei uns allgemeine Theilnahme

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