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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-01-10 · Heft 2 (10.1.1882) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 2 (10.1.1882)
Date
1882-01-10
Page
Seite 21 (sequence 5)
Language
German
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glaubt, daß die Beschädigten Schadenersatz erhalten und die Schuldigen, kriegsgerichtlich abgeurtheilt werden sollen." Die übersichtlichste und objektivste Schilderung der Vorgänge (s. auch unsere Zeitungsnachrichten, aus Warschau) giebt die „Voss. Z." Mfolgender Weise. Trotzdem die russischen Behörden in Warschau den dortigen Blättern auf's Strengste verboten haben, irgend eine Mittheilung über die Judenverfolgung zu veröffentlichen, ist es doch durch die Aussagen von Privatpersonen, welche während der Weihnachtsfeiertage Warschau besucht hatten, zur Evidenz festgestellt, daß die ersten Nachrichten, welche die Judenhetze als eine Folge des Unglücks in der Kreuzkirche darstellten, vollständig falsch gewesen sind. Der Vorgang in der Kreuzkirche war nichts weiter, als eine freilich von schlimmeren Folgen, als beabsichtigt war, begleitete Episode in der schon lange vorher geplanten und gut vorbereiteten Judenhetze. Der erste Feiertag war zum Beginn des Tumultes ausersehen, weil man an diesem Tage am ehesten auf die willfährige Unterstützung eines zahlreichen betrunkenen Pöbels rechnen konnte. Das Signal sollte blinder Feuerlärm in den Kirchen sein. Außer in der Kreuzkirche ist in der Äohanniskirche, >der Kathedrale und der Karlkirche während' des Gottesdienstes Feuer! geschrieen worden, glücklicherweise, da das Publikum besonnener war, ohne Schaden anzurichten. Die Judenhetze brach am Sonntag in mehreren -von einander entferntetl Stadttheilen los, während man in den meisten noch gar keine Kenntniß von dem Unglück in der Kreuzkirche hatte. Starke Haufen angetrunkener Bürschen inscenirten sie mit Insulten gegen Juden auf der Straße, der Pöbel schloß sich jubelnd an und begann die Plünderung, der Kaufläden, Als die Meute erhitzter wurde, begnügte man sich nicht mit Angriffen auf das Eigenthum, sondern ging zu Gewaltthätigkeiten gegen die Personen über. Mehrere Juden wurden in ihren Wohnungen verwundet, andere auf der Straßedarunter einige so schwer,^ daß mildthätige Christen oft unter eigener Gefahr sie nach den Hospitälern schafften, wo vier der Unglücklichen schon verstorben sind. Die Plünderung ging in derselben Weise wie in Kiew vor sich: es wurde ebenso gestohlen mie verwüstet, Betten zerschnitten, die Federn auf die Straße geworfen, und dergleichen mehr. Unverantwortlich ist die Haltung der Behörden gewesen. Im Laufe des Sonntags ist kein Militär auf den Straßen gesehen worden, und die Polizei - verhielt sich passiv. Einzelne Beamten entschuldigten sich mit ihrer Ohnmacht, den Tumult zu hemmen. Gegen Abend begaben sich einige Notabeln, den Grafen Zamoiski an der Spitze, zum General- Gouverneur Albedinskr, um die. militärische Intervention nachzusuchen. Ihr Bemühen war vergeblich, Albedinski war nicht von der Nothwendigkeit militärischer Maßregeln zu überzeugen, er blieb dabei, der Pöbel werde sich bald beruhigen, und höhnte die- Polen, welche wenigstens um die Erlaubniß baten, eine Bürgerwehr zu organisiren, mit der Versicherung, es werde nicht so kommen wie 1863. Der Tumult tobte in der Nacht weiter. Der Montag war ver-' hältnißmäßig still, am Abend aber ging das Plündern von Neuem los. Und obgleich im Laufe des Tages zwei Regimenter von Lodz und Petrikau in Warschau eingerückt und Militär in allen Straßen aufgestellt war, war die Nacht von Montag auf Dienstag doch die schlimmste. .Höhere Offiziere, die um Hilfe gebeten wurden, wiesen alle Ansuchenden mit der Erklärung zurück, daß sie den Befehl hätten , von den Waffen keinen - Gebrauch zu machen und sich darauf beschränken müßten, Kämpfende von einander zu trennen. Die Juden hatten sich nämlich zum Widerstände vorbereitet und vertheidigten Eigenthum und Leben. Als das Militär sah, daß die Sache nicht ernst genommen wurde, mischten sich Soldaten unter die Plünderer und betranken sich mit ihnen. In den beiden nächsten Nächten wiederholten sich die Scenen der Plünderung und Gewaltthätigkeit. Am Mittwoch kehrte der Polizeipräsident Buturlin von seinem Urlaube zurück und erließ eine beruhigende Proklamation. Gleichzeitig nahmen die militärischen Maßregeln einen ernsteren Charakter an, und, die Verhaftungen begannen zahlreicher zu werden. Als wenn es den Behörden auf einmal klar geworden wäre, daß sie recht viele Schuldige brauchen würden, verhafteten die Kosaken nun Alles, was in ihre Hände fiel, Tumultuanten wie Neugierige. Da am Mittwoch endlich auch der Befehl gegeben wurde, von der Feuerwaffe Gebrauch zu machen, so zeigte sich bald die Wirkung der ernsten Maßregeln, es trat Ruhe ein. Die wichtigste Frage ist nun:, wo sind.die Anstifter zu suchen? In 'einzelnen Blättern wird die russische revolutionäre Partei für die Judenhetze verantworlich gemacht. Unsere Privatmittheilungen sprechen dagegen. Bestimmte Führer, deren Anweisungen die Tumultuanten folgten, sind zweifelsohne durch die ganze Stadt vertheilt gewesen. Ein Augenzeuge versichert uns nun, daß diejenigen, in deren Nähe ihn der Zufall führte, so reines Polnisch sprachen, daß er überzeugt istes können nicht Russen gewesen sein. Ein anderer, unserer Zeugen hat sogar einemRädelsführer deutsch reden hören. Unter diesen Umständen müssen wir uns jeder Muthmaßung enthalten. Die Untersuchung wird wohl nie Aufklärung bringen." Die Zahl der Verhafteten wird zwischen 15—1900 angegeben, von denen jedoch viele wieder entlassen wurden. Der Verlust an Eigenthum Seitens der Juden soll'ungeheuer, groß sein, da ganze Stadtviertel demolirt wurden. Zahllose Familien -sind bettelarm und erwerblos geworden. Dies sind die Thatsachen, und es giebt Wohl keine Worte, welche die Empfindung der Entrüstung, die jedes mitfühlende Herz erfüllt, auszudrücken vermögen. 'Wozu, fragt mau sich, ist ein Staat da, fordert die schwersten

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