Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1882)
- Date
- 1882-01-10
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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nach der Erhaltung und Ausbildung ihrer religiösen Institute. Irgend-ein anderes Streben, ein anderes Wollen und Verlangen, ein anderes Zusammengehen und Zusammenwirken kennen sie nicht, und hiermit ist die Idealität dessen, was ich ihr „ Bewußtsein der Zusammengehörigkeit" nannte, vollständig erwiesen. Es beruht dieses Bewußtsein in der Gemeinschaftlichkeit des im Mosaismus begründeten Monotheismus, in der Erkenntniß der gemeinsamen Mission, 'diese Gotteslehre aufrecht zu erhalten für sich und inmitten aller welthistorischen Erscheinungen, in der Gemeinschaft ihres geschichtlichen Daseins und dem natürlichen Interesse an dem Geschicke Aller, welche diesem religiösen BekenNtniß angehören. Ein solches Bewußtsein besteht in allen Religionen" und Konfessionen, so lange diese auf die ihnen Angehörigen einen 'kräftigen Einfluß mben, in ihnen lebendig sind, wird aber bei den Juden durch die Gemeinschaft der Abstammung Md der Geschichte noch mehr berechtigt und gestärkt. Es ist dies ein wesentlich idealer Zug, der die Menschen über die Zufälligkeiten der nationalen und staatlichen Zugehörigkeit und der örtlichen Existenz hinweg um der religiösen Ueberzeugung willen einander nähert, mit einander verknüpft. Darum ist es auch nur da kräftigvorhanden, wo die, Ideen dieses religiösen Be-- kenntnisses klar und lebendig erkannt und wirksam sind und die Kenntniß ihrer Geschichte in den Geistern vorhanden ist. Und hierin liegt der Grund, warum in den letzten Jahrhunderten .geistiger Erstarrung bei den Juden. ein lebendiges Gefühl und.eine kräftige Bethätigung dieser Zusammengehörigseit fast ganz geschwunden war. Jeder Jude kannte nur seine Gemeinde und deren begrenztes Weichbild. Sein Blick, sein Interesse und seine Thatkraft reichte nicht darüber hinaus. Was anderswo vorging,, welche die Zustände, die Leiden und Freuden anderer Gemeinden seien, war ihm unbekannt und gleichgültig. Eine Verbindung zwischen den einzelnen Gemeinden fand nicht statt; selbst eine gemeinschaftliche Literatur gab es nicht, denn die wenigen Bücher, die erschienen, hatten nur einen kleinen Kreis von Liebhabern und wurden nicht durch den Buchhandel, sondern nur durch kleine Bücherhändler oder als Gegenstand des. Bettels vertrieben. - Die einzige Vermittelung bestand in der Korrespondenz der, Rabbiner unter einander, die jedoch nur kasuistische Fälle und Fragen befaßte, und durch die landauf, landab streichende Wanderung der Bettler, die am Sabbath und Festtagen eine Ruhestätte und Verpflegung in den Gemeinden fanden, die sie zufällig oder absichtlich erreicht hatten. Anstalten, welche einen größeren Kreis als die Hülfsbedürftigen des Ortes befaßten, gab es selbst in den -größeren Gemeinden nichts So war es bis zu 'den' dreißiger Jahren. Auchhier' war eine völlige Umgestaltung nothwendig; aber sie war.um so schwieriger, Weib eine totale- Aenderung der Anschauung, der Gesinnung/ der Gefühlsrichtung erforderlich war und ein' naheliegendes Be-, dürfniß, wie bei der Gemeindeorganisation, nöthigend nicht einwirkte. Indessen war doch der Boden' vorbereitet. Der Eintritt in das allgemeine Kulturleben Mußte doch die jüdischen Geister auch auf ihre Religion lenken - und alsbald ein Reformbedürfniß wecken, das, zuerst im Innern vorhanden, nach Bethätigung im Kultus streben mußte. Hier war man aber sofort auf dem Terrain angelangt, welches der jüdischen Gesammtheit angehörte, und auf dem alle. Juden wie von einem elektrischen Strome berührt werden mußten. Andererseits fand innerhalb anderer Confessionen ein geistiger Aufschwung, ein neuer kritischer Prozeß statt — ich erinnere nur an Strauß' „Leben Jesu" und die ungeheure Wirkung, die dieses Buch in allen Kreisen übte — und dieser mußte auch die jüdischen Geister berühren und, auf die Fragen lenken, welche die Existenz, den Inhalt und die Aufgabe der eigenen Religion befaßten. Nur durch diese Vorbereitung war allen Bestrebungen, welche in objektiver, selbstloser Weise zur Belebung des Gemeinsinns, zur Herstellung eines Gesammtinteresses, zur Aufklärung über die Zwecke, den Inhalt und die Mission des Judenthums dienten, ein günstiger Erfolg gesichert, eine immer wachsende Ausdehnung, die Erreichung praktischer Ziele und einer idealen Auffassung und Verständigung. Es geschah dies zuerst durch -die Schöpfung einer - regelmüßigen, dem Judenthum gewidmeten Presse, wie sie» nach und nach in allen civilisirten Ländern entstand und -durch die Mittheilungen aus allen Weltgegenden und die Besprechung aller gemeinsamen Gegenstände das Bewußtsein einer Zusammengehörigkeit innerhalb der oben gezeichneten. Grenzen weckte und befestigte. Hieran schloß sich die Entfaltung einer reichen Literatur, welche nach und nach alle Zweige des Judenthums in ihr Bereich zog, bald ganz besonders die Geschichte desselben bearbeitete' und zur allgemeinen Kenntniß brachte; Versammlungen und Vereine knüpften sich hieran,' der Kampf um die bürgerliche Gleichstellung wurde bei den Strömungen der Zeit immer lebhafter; das Streben, das Judenthum auch in der allgemeinen Welt zu rehabilitiren wurde immer drängender, und war erst der Gemeinsinn geweckt, so blieb auch die Errichtung umfassender Anstalten, Namentlich für Lehrzwecke und Wohlthätigkeit nicht aus. Unselige Ereignisse kamen dazu, ich erinnere z. B. an die Damasker Blutbeschuldigungen, welche eine "gemeinsame Abwehr, forderten. So wurde durch große- Anstrengungen, durchausdauernde Bemühungen und durch die Entwickelung der Geister das Ziel erreicht, und das-Bewußtsein der. Zusammengehörigkeit geschaffen^ wie es für den - Fortbestand des Judenthums eine a Lebensbedingung ausmachte. Um einen Beweis zu liefern, wie lebendig, dasselbe, geworden, gestalte ich mir einen kurzen Blick uns die Bezeugungen der Theilnahme zu werfen,-die mir" an meinenr 70sten Geburtstage geworden.sind„ und für welche ich den innigsten