Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1882)
- Date
- 1882-01-03
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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das im Elsaß gebräuchliche Jüdisch-Deutsch gesprochen hätten *); noch mehr, daß. einer von ihnen eines jener großen Messer in der Hand gehalten habe, die nach dem jüdischen Ritus zum Schächten des Viehes dienen. Am Morgen des 10. Dezember begaben sich, auf Requirirung des Sohnes der Wittwe, der Amtmann von Ribeau- Pierre und der Fiskal-Procurator nach Hauzen, um die Angelegenheit an Ort und Stelle zu untersuchen. Man wirst dem Amtmann vor, bei dem' Sohne der Klägerin gewohnt und gespeist zu haben. " Der Offizier der Gensdarmerie sandte an demselben Tage einen Reiter aus seiner Truppe, um sich zu informiren, auf welche Weise der Diebstahl begangen worden. Außerdem begaben sich noch .an demselben Tage der Brigadier der Gensdarmerie und einer seiner Reiter, die, nachdem sie vom Diebstahl gehört, sich auf den Weg machten, nach Hauzen und verhörten die Wittwe. Aus dem Protokolle des Reiters, der Gensdarmerie geht hervor, daß Madeleine: folgende, drei Juden des Verbrechens beschuldigte: Hirtzel L6vi, aus Wedelsheim, Menehek Levi, aus Wedelsheim, Moses Lang, aus Ribeauville. Nach dem Protokolle des Brigadiers hingegen hatte die Klägerin erklärt, die Schuldigen durchaus nicht zu kennen, „aber daß sie.glaube, es könnten keine anderen sein" als die drei genannten Juden. In demselben Protokolle erklärte die Magd der Wittwe, daß der einzige Dieb, den sie erkannt habe, Hirtzel Levi aus Wedelsheim sei, der die Magd und ihre Herrin zusammen gebunden hätte.' Die drei Angeklagten und dann noch ein-vierter Jude, Namens Feiß, kamen fast alle Tage nach Hauzen (ein Dorf, in dem keine Juden wohnten). Jedermann liebte und achtete sie, selbst die Kinder kannten sie. Ihre wahren Namen waren: Hirtz, Sohn von Jtzig (Jsaac) Lävi; Menke, Sohn von Baruch Levi, Mosche (Moses) Sohn von Jtzig Lang, und endlich Feiß, Sohn von Simson aus Grussenheim. Hirtzel war jedenfalls der reichste' und angesehenste von den Vieren und das brachte ihm das traurige Vorrecht ein, besonders durch die Anklage verfolgt zu werden. Menke's Profession .war das Schächtamt nach jüdischem Ritus. In Hauzen nannte man' ihn stets „Menke der Schächter". Moses Lang aus Ribeauville wurde „der Lange" genannt. Die Beschuldigung stützte sich nur auf hie Erklärung der Wittwe des Vorstehers und ihrer Magd, also der interessirten Partei.- Folgender Umstand hatte dazu Veranlassung geben können. Zu jener Zeit war es im Elsaß, wenigstens unter den Juden, Sitte, Ende des Herbstes einen Vorrath ') Dieses Detail könnte sehr gut historisch sein. Man weiß ganz bestimmt, daß Diebesbanden, die sich um diese Zeit an den Ufern des Rheins organisirt hatten, in ihr Argot eine große Zahl Wörter aus dem Jüdisch-Deutschen hinübergenommen hatten. Dies Argot hieß . sogar nach einem hebräischen (aber deutsch fleciirten) Worte iDDry die „Sprache der Eingeweihten". .. Fleisch zu räuchern. Acht Tage vor dem Verbrechen, hatte Hirtzel zu diesem Zweckeein Stück Vieh von der Wittwe des Vorstehers gekauft und es von Menke im Hause der Verkäuferin schachten lassen; Moses Lang, der zur selben Zeit in Hauzen von demselben Menke ein Stück Vieh hatte schlachten lassen, hatte Hirtzel geholfen, das Thier aus dem Stall zu führen. Bei keiner anderen Gelegenheit war-er in das Hans der Wittwe gekommen. Nach dem Protokolle des Brigadiers der Gensdarmerie sagte die Klägerin aus, daß sie die drei Angeklagten beargwöhne, tveil sie am Tage vorher mit ihnen in Verhandlung gestanden, um eine Kuh zu verkaufen: N . ■ ■ n. ' Diese Indizien genügten, um den voreingenommenen Magistrat zu überzeugen. Den drei Angeklagten, Hirtzel, Menke und Lang wurde die Hast dekretirt und noch an demselben Tage (den 10. Dezember) wurden die beiden Letzteren in das Gefängniß von Haüzen gebracht. Als man am Dienstag den 26. Kislev Hirtzel arretiren wollte, fand man ihn nicht und man begnügte sich damit, die Siegel auf seine Effekten zu legen. ' Feiß wurde am 12. Dezember arretirt und nach Hauzen geführt. Hirtzel war in diesem Augenblick in Sierentz bei Basel und ahnte .nicht die schreckliche Anklage die auf ihm lastete. Er hatte sich dorthin begeben, um seine Schwester zu besuchen, . welche dort wohnte und ihr seine Theilnähme.auszusprechen bei Gelegenheit des Verlustes einer verheirateten Tochter. Er hatte diese Zeit gewählt, weil es gerade Chanukkafest war. „Aber die Freude wurde in Trauer verwandelt". Ein Expreßbote ward nach Sierentz von Hirtzel's Freunden geschickt, obgleich Niemand glauben konnte, daß er wirklich in Gefahr sei, so gut war sein Ruf. Er hätte nach der Schweiz fliehen können (in' zwei Stunden wäre er dort gewesen) oder nach der Rheingrenze, eine halbe Stunde von Sierentz entfernt; aber er hatte ein gutes Gewissen und außerdem, so scheint es, verband er mit einem starken Gefühl seiner Würde auch das der Verantwortlichkeit gegen seine Mitangeklagten und gegen das ganze Judenthum, welche seine Flucht hätte com-, promittiren können. Hirtzel -widerstand mit großer Festigkeit den Bitten seiner Verwandten und Freunde. Im Gefühle seiner Unschuld begab er sich nach Medelsheim am ersten Tage des Neumondes des Tebeth (Sonntag, den 15. Dezember) in Gesellschaft seines Schwagers, Jsaac Dreyfuß, und an demselben Abend stellte er sich dem Ortsvorsteher. Dieser hatte nicht die Ordre erhalten, ihn festzunehmen und so ging - Hirtzel am anderen Morgen, Montag den 2. Tebet (16. Dezember) nach Hauzen, um sich als Gefangener zu stellen. Um /dorthin zu gelangen, kam. er durch Colmar und besuchte dort einen Kaufmann Namens Mizel, bei dem er die Frau von Rockenbach traf. Sobald diese ihn erblickte, stieß sie einen Schrei aus und bat ihn dringend, , nach dem Rhein zu. fliehen.