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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-01-03 · Heft 1 (3.1.1882) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 1 (3.1.1882)
Date
1882-01-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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während der Text selbst aus pietätvoller Scheu gegen den Autor unverändert gelassen wurde, und in einer gut und instructiv geschriebenen Vorrede zeichnet der Herausgeber eine, eng umgrenzte Charakteristik der Männer, deren geistige Hinterlassenschaft er geordnet, deren Lehrmethode und Schreibweise, die Zeitgenossen, an welche die Schreiben gerichtet sind, die Zeitverhältnisse, in .welchen diese lebten. Sehen wir zuletzt auf den Umfang der vorliegenden Sammlung, so durfte der Herausgeber mit Recht in der Vorrede sagen: „ ich kenne außer dem „Hapardes" und „Hajaschar" keine ähnliche Sammlung der französischen und lothringischen Gelehrten, wie die meine- ^ie ich hier liefere, in welcher mehr als 70 Nummern, noch nie gedruckt, erschienen sind, während die kleineren allerdings schon erschienenen Piecen doch in anderer Fassung, und meist abgekürzt Vorkommen." An dieser Stelle möchten wir uns jedoch einen Einwand erlauben. Weshalb ist die Reihe der Gutachten oder Auslegungen, welche von dem einen Autor überliefert werden, von Nummern durchbrochen, welche einem, andern angehören? Weder gelangt unsere Kenntniß von dem Autor, mit dem wir nun einmal in Berührung getreten sind, dadurch zu ihrem vollen Recht, noch bietet die Verschiedenheit des Stoffes, der uns in den neuen Nummern entgegen tritt, irgend welche Gelegenheit zu einer neuen Beleuchtung dieser oder jener eben behandelten Materie. ' Daß eine derartige Durchbrechung auch in der benutzten Handschrift vorkommt, was schon Luzzatto angedeutet hat, kann ein hinreichender Grund zur Nachahmung nicht sein, wenn dadurch der ruhige Eindruck des Studiums gestört wird. ' Fünf Namen sind es, an 'welche die von Herrn Müller herausgegebenen Gutachten und Auslegungen sich anlehnen: R. Jacob bar.Meir (Rabbenu Tham), R. Jsaac bar Juda, R. Salomo bar Jsaac (Ppschi)). R. Salomo bar Simsomund R. Gerschom bar Juda (Leuchte der Golah), von welcher drei wie Sterne erster Größe am Himmel der talmudischen Wissenschaft leuchten, während die beiden andern, Jsaac har Juda -und Salomon har Simson', gefeierte Autoritäten: sind, als Raschi's Lehrer der erstere und als . deren Zeitgenosse und Verfasser von Gutachten der zweite (vgl. Zunz „Zeitschrift" S. 316, „Literaturgesch." S.157 u. 613, „Gesch." S. 192). Der Herausgeber m öge es uns nicht verübeln, wenn wir auch hier einen taktischen Punkt berühren, der die chronologische Aufeinanderfolge der eben bezeichneten Namen betrifft. Weshalb beginnt die Reihe derselben mit dem Jüngsten und. schließt mit dem Aeltesten? Es ließe sich das allenfalls erklären, wenn die Wichtigkeit, und Bedeutung - der Bescheide oder irgend welches geschichtliche oder Kulturinteresse.daran Antheil hätte, was jedoch keineswegs der.Fall ist. Betrachten wir aus diesem Gesichtspunkte überhaupt die hier zusammengestellten Gutachten, so sind diejenigen von Jakob Tham die am wenigsten fesselnden, obwohl^wir von ihm gerade an dieser Stelle hei seinem großen Ansehen, seiner einstußreichen Stellung, seinen ausgedehnten Beziehungen und in einer, schicksalsschweren Zeit, die größte Ausbeute erwarten. Wir begegnen nur dogmatischen und rituellen Erörterungen, die in der einen oder der andern Form auch an andern Orten Vorkommen, aber keinerlei Anklang an die großen Vorgänge der Zeit, .in deren Mitte Tham steht. Nur Nr.. 34) als deren Verfasser jedoch Tham nur . unsicher 'angegeben werden kann,' macht davon eine Ausnahme. In derselben-Art verlaufen auch die Bescheide, welche Jsaac bar Juda angehören. Und doch fragen wir auf dem heutigen Standort der talmudischen Wissenschaft und der einschlägigen Forschung, so oft es.sich um die Publikation von Dokumenten handelt, die uns aus längst vergangenen Jahrhunderten Kunde bringen, —. um Gutachten und Bescheide, welche die Menschen damals zur Regelung ihres Zusammenlebens, zur Beruhigung ihres Gewissens auf religiösem und sittlichem Gebiete einholten,' nicht zuletzt danach, in wie weit wir dadurch in der allgemeinen Erkenntniß jener Zeit gefördert werden, welche Bewährung oder Bestätigung für unsere Welt- und kulturgeschichtliche Kenntniß der damaligen Zeit daraus erwächst. Gutachten und Bescheide, die in einer ausgiebigenSammlung gereiht werden, müssen, wenn sie in Wahrheit mehr als eine Gabe todter Hand sein sollen, den breiten Lebensstxom der Vergangenheit widerspiegeln Md eine annähernd sichere Anschauung der tausend Facetten des untergegangenen Lebens ermöglichen. Das ist es auch in der That, was wir zum Theil in den Gutachten von Salomo bar Simson finden und uns vor Allem diejenigen von Raschi und R. Gerschom werthvoll erscheinen läßt, um deren willen wir die gesammte in Rede stehende Responsensammlung von Herzeil begrüßen und für deren Veröffentlichung dem Herausgeber uns aufrichtig zu Dank verpflichtet fühlen. Mit der Ihm eigenen Blutwärme des Gefühls und der in seinen biblischen und talmudischen Kommentaren anheimelnden Schreibweise schildert- Raschi in den vorliegenden Bescheiden wiederholt Einzelheiten von allgemein geschichtlichem Werth, bietet, zuverläßige.Ausblicke auf das Rechts- und Verkehrsleben der Juden, ermahnt zum Frieden und zu schonender Rücksicht gegen die. ehemaligen Convertiten, die unter dem Drucke der Zeit gehandelt haben, Mrt uns in die Städte, in welchen bei Gelegenheit von Jahrmärkten und Messen die Abgeordneten der Gemeinden ihre gemeinsamen Angelegenheiten berathen, und läßt uns an der Bedrängniß seiner Person theilnehmen, die er in der allgemeinen Trübsal der 'Zeit empfindet. In gleicher Weise sind R. Gerschoms Bescheide von vollkräftigen Adern durchzogen, durch welche ein Strom-entschwundenen Lebens rinnt' und uns in warme Berührung mit der Vergangenheit bringt.- In weite -Ferne entführt . hier das Schiff die Juden zu' überseeischemHandel,. doch wiederum bezeugen blühende Felder und Weinberge den gesegneten Wohl-

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