Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1882)
- Date
- 1882-01-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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, einiger Zugang zu dem Tempel ein Umstand, der im Falle einer Feuersgefahr überaus verhängnißvoll werden müßte." - -Hier ist ein Kardinalpunkt -berührt, nämlich die Ausgänge. An und für sich enthält ja die Synagoge -nicht' viele feuergefährlichen Gegenstände. Aber, sobald in der versammelten Menge eine unruhige Bewegung entsteht, welche die Masse nach dem Ausgange zudrängen läßt, so entsteht eine' wirkliche Gefahr, wenn eben nur ein Ausgang für ' Alle vorhanden ist. Kann sich die Menge nach vorhandenen mehrfachen Ausgängen vertheilen, so ist die Gefahr verschwunden oder doch in einem hohen Grade vermindert. Selbst schon das Bewußtsein, daß man in kürzester Zeit und bequem einen Ausgang zu erreichen vermag, hebt die Angst zum größten Theile auf. Eine jede größere Synagoge muß daher mindestens drei breite Ausgänge haben, einen in der Front und einen auf jeder Seite. — Einen zweiten Kardinalpunkt bilden die Fräuengallerien. Setzen wir voraus, daß diese Gallerten fest und stark genug construirt sind, daß sie eine Gefahr nicht bieten, so kommt es doch darauf an, daß die Zugänge zu diesen Gallerten so beschaffen sind, daß sie das Ausströmen der versammelten Frauen auf eine leichte und genügende Weise gestatten. Hier liegt ein ganz besonderer Mangel in den meisten Synagogen. Es ist durchaus, nothwendig, daß jede Gallerie einen eigenen Ausgang und zwar unmittelbar rn's Freie habe. Wir glauben, der zarteren Hälfte des Menschengeschlechts nicht zu nahe zu treten, wenn wir meinen, daß sie dem Schrecken und der Angst zugänglicher ist als die Männer und wie man zu sagen Pflegt, den Kopf schneller verliert. Münden die sämmtlichen Gallerten in einen Ausgang,'und oft noch dazu auf eine enge Stiege oder gar Wendeltreppe, so entsteht ein Andrängen der gefährlichsten Art. Aber noch nicht genug : bei mehreren Vorfällen kam 'es, daß die Treppe den ungeheueren Menschenandrang nicht zu tragen vermochte und zusammenbrach oder daß das Geländer nicht aushieltbrach und die von hinten gedrängte Masse stürzte hinunter. Es muH also, wiederholen wir, jede Gallerie wenigstens einen eigenen Ausgang haben, die Treppen müssen steinerne sein und die Geländer aus Eisen und aufs Stärkste befestigt sein. Man sieht, daß diese Vorsichtsmaßregeln, sowie sie auf's Nachdrücklichste geboten sind, doch einfacher Natur sind, so daß im Grunde nur lokale Schwierigkeiten zu überwinden wären, falls die Synagoge nicht frei steht. Eines wollen wir. nur noch hervorheben, nämlich daß bei etwaigem Umbau für. diese Zwecke die architektonische Schönheit nicht in Betracht gezogen werden darf, sofern sie durch jenen verletztwürde. Die Sicherheit des Publikums wiegt jede geschädigte Symmetrie weit 'auf. Wir halten es für überflüssig, noch weitere Worte hinzuzusügen und.bemerkennur, daß es auch Pflicht jedes einzelnen Gemeindemitgliedes ist, den Gegenstand am Orte, anzuregen und die Verhandlungen so lange fortzusetzen, bis sie zu'einem guten Ziele geführt Haben. Literarischer Wochenbericht. : Potsdam, im Dezember, nsm 'Cün nnifc'n herausgegeben von Joel Müller (Wien 1881). Unter diesem Titel überreicht uns Herr Joel Müller eine aus 101 Nummern bestehende Sammlung von Gutachten und talmudischen Auslegungen der hervorragendsten französischen und lothringischen Rabbinen aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Von vornherein wird durch diese Gabe unser literarisches und historisches Interesse in hohem Gradeangeregt, weil während des ganzen Mittelalters, in keinem andern europäischen Lande das gelehrte Wissen und das bürgerliche Leben der Juden sich so eigenartig gestaltete, wie in Frankreich und Lothringen zur Zeit der Kreuzzüge. Weitab von dem Blüthentreiben in Spanien unter den Mauren und dem Blätterräuschen in Deutschland, oder dem leisen Wehen in Italien, paarten sich ebensowohl-Freiheit und Druck im bürgerlichen Leben' der Juden Frankreichs und des französischen Deutschlands, wie hohe Einfachheit in Verbindung mit tiefem Scharfsinn? — man denke nur an Raschi— das geistige Leben derselben bezeichnete. Gewiß auch hat nicht am wenigsten gerade dieser Umstand ihren gelehrten Häuptern jene stolze Bezeichnung der „Weisen von Frankreich und Lothringen" eingetragen, unter welcher sie in der späteren Literatur vollgiltiges Ansehen besitzen und durch die Ausfertigung von Gutachten, die selbst von Gemeinden fremder Länder eingeholt wurden, nach den Gaonim'Babyloniens den ersten Platz einnehmen. Einen Theil dieser Gutachten hat bereits Luzzatto nach der im Besitz des gelehrten Herrn Halb^rstamm befindlichen Hand-: schrift, welche mehr als siebenhundert Responsen der Babylonier und Abendländer umfaßt, an verschiedenen Orten publizirt. Dort aber, wo jener den Faden fallen-ließ, hob ihn Herr Müller von Neuem auf, der sich mit unermüdlichem Fleiß und kritischem Berständniß der Durchsicht jener Sammlung unterzog und das uns vorliegende Werk geschaffen hat, das wir als eine dankenswerte Bereicherung der Responsenliteratur begrüßen, ausgestättet mit den Vortheilen, welche ein seinem Gegenstände gewachsener Kenner zu gewähren vermag, der von dem Ernst seiner Aufgabe erfüllt und von so liebevoller Hingabe an sie beseelt ist. Für jedes einzelne Gutachten und jede talmudische Auslegung ist im unmittelbar angefügten Nachtrage der Name des Autors angegeben, und wo dieser nicht überliefert wird, entweder sicher nachgewiesen oder bis zur Wahrscheinlichkeit eruirt. Die Eitate aus der biblischen und talmudischen Literatur sind auf ihre namhaft gemachten Quellen zurückgeführt.;. Fehler und Jrrthümer, die im Original Vorkommen, sind in. den Anmerkungen corrigirt,