Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1879)
- Date
- 1879-12-23
- Page
- Seite 826 (sequence 10)
- Language
- German
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826 München, 4. Dec. In einigen Theilen Baicrns, besonders in Unterfranken, haben die Israeliten noch immer sogenannte „Neujahrsgelder", „Stolgebührdeputate", „Juden steuer" und dergleichen persönliche Abgaben an katholische oder protestantische Geistliche, Kirchendiener, Schullehrer rc. zu bezahlen. Es beziffern diese Abgaben allerdings sich nur auf ca. 3000 Mk. im ganzen Lande, allein es handelt sich hier nicht um die Größe der Summe, sondern, abgesehen von Anderem, um eine den heutigen Rechtsanschauungen und Rechtszuständen widerstrebende, aus früheren Jahrhunderten stammende Abgabe. Auf eine Petition mehrerer israelitischer Kultusgemeinden um Aufhebung dieser Abgaben haben denn auch beide Kammern des Landtages von 1874 an die Staatsregierung das Ersuchen gestellt, über die in der Petition bezeichneten Abgaben genaue Erhebungen pflegen Zu lasten und eventuell dem künftigen Landtage eine Vorlage zu machen. Der königliche Landtagsabschied vom 15. April 1875 hat hierauf Zusage erthcilt und das königliche Kultusministerium mit der Vornahme dieser Erhebung betraut. Nachdem nun die im Vollzüge dieses königlichen Befehls bethätigten Verhandlungen zum Abschluste gelangt und auch die betheiligten kirchlichen Oberbehörden — die Bischöfe und das protestantische Oberkonsistorium — mit ihren Erklärungen und Erinnerungen ernvernommen wurden, hat nun der königliche Staatsminister, Herr v. Lutz, im Austrage Sr. Maj. des Königs der Kanuner einen Gesetzentwurf vorgelegt, welcher die Aufhebung der in Rede stehenden Abgaben bezweckt. Dieselben sollen ohne Entschädigung der Bezugsberechtigten aufgehoben werden und hiervon nur jene Abgaben ausgenommen sein, welche aus rechtskräftigen richterlichen Erkenntnissen beruhen. Die Abgaben dieser Art sollen durch den 25fach.cn Jahresbetrag abgelöst und die Entschädigungskapitalien hierzu aus Staatsfonds entnommen werden. Dies die wesentlichsten Bestimmungen dos Gesetzentwurfs. Aus den Motiven zu denselben — die ein schönes Zeugniß von der toleranten Gesinnung des „bairischen" Kultusministeriums liefern — ist auch zu entnehmen, daß sich nicht nur sämmtliche einvernommene königliche Aemter und Stellen, sondern auch die betheiligten katholischen und pro teftantischen kirchlichen Obcrbehörden übereinstimmend für die Aushebung der in Rede stehenden persönlichen Abgaben der Israeliten in Baiern ausgesprochen haben. .Stuttgart, 10. Deeember. (Privatmitth.) Die Bürgervereine der hiesigen Stadt und die freisinnigen Elemente unserer Bürgerschaft haben bei der nun beendigten Gemeinderathswahl über die antisemitisch gesinnte deutsch-conscrvative Partei den Sieg davon getragen. Herr Hofrath Dr. Levi besten Wiederwahl diese Partei hintertreiben wollte, erhielt eine glänzende Stiinmenmajorität von 2828 Stimmen. Da Herr Dr. Levi hier eine allgemein geachtete Persönlichkeit ist, so konnte die Opposition gegen seine Wiederwahl blos in religiöser Intoleranz ihren Grund haben. Die Sache der Israeliten in unserem Lande vertritt besonders kräftig der „Beobachter", das Organ der württcm. Volksparte», und dürste dasselbe von Seilen unserer württemb. Glaubensgenoffen mehr Unterstützung und Beachtung verdienen. Das „Deutsche Familienblatt" des Pfarrers') Weitbrecht in Schwaigern fährt in seinen antisemitischen Phrasen a la Stöcker und ^Marr fort und sucht einen besonderen Ruhm darin, die! „Judenfrage" auf der Tagesordnung zu erhalten. Die neueste Nummer enthält im Briefkasten „an Herrn v. Sem in! Dingsda" wieder Ausbrüche seiner judenfeindlichen Gesinnung. Das Blatt wird durch die württem. evangelischen Lehrer sehr verbreitet und wirkt daher durch seine Tendenz für eine immer größere Ausbreitung des Judenhastes. Zu bedauern ist, daß die K. Israel. Oberkirchenbehörde solchen Preßexceffen gegen Juden und Judcnthum zu wenig Aufmerksamkeit schenkt und als osficieller Vertreter der württ. Israeliten denselben nicht gerichtlich und energischer entgegentritt. Frankreich. Paris, 12. December. (Privatmitth.) In Deutschland herrscht bisweilen die Meinuug vor, als ob man bei uns sich weniger um die deutschen Zustände und Verhältnisse bekümmere, oder doch nur oberflächlich davon Notiz nehme. Es ist aber dem nicht so. Jede bedeutende Erscheinung jenseits der Vogesen wird genau in Betracht gezogen und mit dem Gleichartigen in Frankreich verglichen. Da ergiebt sich denn häufig, daß ganz absichtslos sich die Gegensätze in beiden Ländern abspiclen. Während bei uns die liberalen Parteien die Oberhand über die reactionären, und zwar durch die Wahlen der Nation gewonnen haben, sind in Deutschland die liberalen Parteien von ihrem Piedestat hinuntergeworfen oder hinabgestiegen, denn außer einem kleinen Neste können die sog. i Nationalliberalen kaum noch von den Conservativen unterschieden werden. Ferner: während in Frankreich erst jetzt der! Kampf gegen die Clericalen immer heftiger entbrennt, hat er!in Deutschland nachgelassen und man sucht die Verständigung j mit Rom, was -doch nichts Anderes heißen kann, als eine .Reihe von Positionen aufgeben, die man eingenommen hatte. Allerdings, um gerecht zu sein, muß man anerkennen, daß, während man bei uns diesen Kampf mehr mit heftigen aggressiven Reden führt, wie man sie auf der deutschen Tri-! büne nie gehört, die Thaten aber auf sich warten lasten und von Session zu Session sich verzögern, man in Deutschland Gunter Falk mit großer Energie vorging und durch die Mai- ’ gesetze dem Clerus selbst den größten Schaden bereitete. Und j l) Siehe da! Das wussten wir nicht! Stöcker, Distelkainp, > Weitbrecht und Genossen — lauter Verkünder der Liebe . . . 1 Redact.