Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-12-23 · Heft 52 (23.12.1879) · p. Seite 825

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 52 (23.12.1879)
Date
1879-12-23
Page
Seite 825 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227231-3227284--37699-3257120
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Chlapowski, für welchen sich dieser warm interessirte, in die Anstalt wegen völlig ungenügender Vorkenntnisse nicht ausgenommen wurde. Hinc illae lacrimae! Aus Mecklenburg, 8. December (Privatmittb.) Nichts ist possirlicher als die langen Gesichter, welche unsre Gegner machen, wenn sich die Juden zu einer thatkräftigen Abwehr entschließen. Sie, die uns täglich schonungslos provocircn, scheinen darauf zu rechnen, daß wir stillhalten und uns nicht rühren. In'der Nostocker Zeitung erschien ein Inserat, in welchem darauf aufmerksam gemacht wurde, daß in Dargun, einer Mecklenburger Landstadt, einem Buchdrucker zum Etablissement einer Druckerei, zur Herausgabe eines Localblattes :c. eine sehr günstige Gelegenheit geboten sei, und Würde cs ihr an Unterstützung nach Bedarf nicht fehlen. In einer folgenden Nummer warnte der Buchdruckereibesitzer Reimann zu Dargun vor diesem Jrsierat, da in einem Städtchen von 2000 Einwohnern eine Buchdruckerei kaum hinlänglich beschäftigt sei. Das erste Inserat hat seinen Grund darin, daß der Neimann in seinem Wockcnblättchcn „Oesfentlicher Anzeiger" einen jener berüchtigten Airikcl „Zur Christen-Emanzipation" angefangen hatte und trotz des Ansuchens der dortigen Israeliten sortsetzte. Die letzreren wollen daher selbst mit Aufopferung bedeutender Mittel eine andere Buchdruckerei mit einem anderen Wochenblatte Herstellen — und hierüber nun ein lautes Gepolter der Gegner. Sollen aber die Juden Männer und Anstalten, die ohne jede Veranlagung Haß und Verachtung gegen sie zu bewirken und Feindschaft zwischen die friedlich neben einander bestehenden Neligionsgenossenschaften zu bringen suchen, noch mit ihren Abrnnements und Annoncen füttern? Gewiß ist diese Widerstandskraft in jedem Falle, tvo man provocirt und gefährdet wird, nur anerkennenswerth. Erfurt, 8. Decembcr. (Privatmitth.) Der durch seine Studien auf dem Gebiete der talmudischen Sprüchwvrterkunde und als Dircctor der hiesigen höheren Handelsschule rühmlich bekannte vr. Wahl gründete im verflossenen Jahre hierselbst einen Zweigverein der ^.llianca univor^No, dem sofort gegen 60 Mitglieder beitraten. Auf der Tagesordnung der Generalversammlung am 4. d. M. stand auch die Besprechung der Frage, was gegenüber der beklagcnswerthen Judenbetze in Deutschland zu thun sei. Man war einstimmig der Ansicht, daß die Gefahr im Wachsen sei, seitdem Männer von der socialen Stellung wie Trciischke sich nicht entblöden, in gehässiger Weise gegen die deutschen Juden als gegen „Fremde" loszuziehen. Daß man von Profesior Treitschke auch in politischer Beziehung gewohnt sei, das; er die. Fahne nach dem Winde flattern läßt, benehme seinen Angriffen bei der ungünstig gestimmten Menge nicht ihre Gefährlichkeit. Die Versammlung nahm hieraus folgende von Herrn Rabbiner Dr. I. Caro ein* gebrachte und in längerem Vertrage vertheidigle Resolutionen einstimmig an:! 1) Den rohen und durch ihre Gemeinheit sich selbst! richtenden Angriffen gegen Juden und Judenthum ist ver- ' achtungsvolles Schweigen, den in ein tviffcuschaftliches Gewand J sich kleidenden Verleumdungen ist rein objective, streng wiffen-! schafllich gehaltene Abwehr cntgegenzusetzen. 2) Vergehungen einzelner Israeliten gegen die strengste Gewiffenhaftigkeit im Leben und Handel werden durch das jüdische Gesetz aller Zeiten nachdrücklich verdammt und dürfen niemals der Gesammtheit der Juden zur Last gelegt werden. 6) Auch die gehässigsten Angriffe und Verleumdungen, von welcher Seite sie auch kommen mögen, werden niemals -im Stande sein, uns in der hingebendsten Vaterlandsliebe und in der festesten Treue gegen Kaiser und Reich Wanken zu machen. 4) Der besonders bittere Haß der Feinde gegen das moderne, den Forderungen der deutschen Geistcseittwicklung Rechnung tragende Judenthum bestärkt uns in dem Streben die mittelalterlichen Formen zu überwinden und der fortschreitenden Entwicklung in Lehre und Leben uns anzuschließcn. Die Versammlung beschloß ferner, durch eifrige Propaganda in Thüringen und Sachsen für die .Vllirmcr: thätig sein zu wollen. Von den vorstehenden Resolutionen wurden dem Ausschuß des deutschen Gemeindebundes in Leipzig Mittheilung gemacht. Paderborn, 9. Decembcr. (Privatmittb.) Es ist höchst j erfreulich, daß unsre hiesige „israelitische Waisen-Erziehungs- Anstalt für Knaben und Mädchen aus Westphalen und Rheinland" wie der eben ausgegebene 20. Jahresbericht erweist, trotz der ungünstigen wirthschaftlichen Lage in der GegeiNvart an sinanciellcr Unterstützung keinen Nachtheil erfuhr, sondern ihr die Mittel geboten wurden, ihren Fond zu vermehren und dir Zahl ihrer Zöglinge zn vergrößern. Es befinden sich gegcni wärtig in der Anstalt 46 Waisen, nämlich 80 Knaben und 16 Mädchen, eine Zahl, die früher noch nicht, erreicht war. Wer erwägt, daß eine Wohlrhätigkeitsanstalt in einer mittleren Provinci.alstadt und ringsum von keinen numerisch stattlichen Gemeinden umgeben ist, viel weniger Chancen hat als eine gleiche im Schooße einer großen Gemeinde, der wird zugcbcn, daß dieses Wachsen unsrer Anstalt sehr erfreulich, aber auch ein Zeugniß für die Tüchtigkeit ihrer Leistungen ist. Die Einnahmen betrugen 26,200 Mark, die Ausgaben 18,600 Mark, so daß für den Fond neue Wcrthpapiere für 9800 Mark augekaust werden konnten. Zu diesen; günstigen Resultate trugen besonders 81 neue Einzahlungen für „Jahrzeiten" im Betrage von 9800 Mark bei. Tie Fonds der Anstalt belaufen sich auf 124,078 Mark, was freilich noch lange keine Garantie für alle Zukunft ist, doch aber schon die Anstalt in aussteigender Linie zeigt. Wir hoffen zu dem Wohlthätigkeitssinue unsrer Glaubensgenoffen, daß sie dieser Anstalt auch fernerhin eine thatkrästige Gunst bezeigen werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.