Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1879)
- Date
- 1879-12-23
- Page
- Seite 824 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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824 dings beging man in einer von Herrn Pastor Distelkamp geleiteten Versammlung die Blasphemie, Herrn Hofprediger Stöcker einen zweiten Luther zu nennen. Es ist ja demnach nicht ganz unmöglich, daß man nun noch einen Schritt weiter geht und Herrn Pastor Distelkamp einen zweiten Christus nennt. Widerlegt hat Herr Pastor Distelkamp die gegen ihn erhobenen Vorwürfe nicht. Ich bleibe dabei, es ist nicht in der Ordnung, daß sich ein Geistlicher an den geschilderten Versammlungen betheiligt, wo häufig die Anständigkeit fehlt und wo Scandalsccnen nicht zu den Seltenheiten gehören. — Pastor Distelkamp: Ich halte Luther gerade für keinen Heiligen, obwohl ich diesen Vergleich ebenso zurückgewiesen hätte, wie es Herr Hofprediger Stöcker gethan. Auch für die in dem Flugblatte erwähnte Rede kann ich nicht einstehen, da ich dieselbe vor dem Druck nicht gelesen habe. Wenn fremde Leute in unsere Parteiversannnlungen kommen und Scandal machen, dann haben wir keine Schuld- Ich möchte Sie einladen, heute Abend nach dem „Elsasier Salon" zu kommen, wo wir unter uns sind, dann werden Sie eine bessere Meinung von den Versammlungen der christlichsocialen Arbeiter-Partei erhalten. — Nachdem nunmehr der Schluß der Debatte angenommen worden, erklärte der Präses Superintendent Vuttmann, daß er über die vorliegenden Anträge nicht abstimmen lassen könne. Während einer deshalb sich entspinnenden Debatte, stellte sich die Beschlußunfähigkcit der Synode heraus, einige Mitglieder hatten, um dies zu erreichen, die Versammlung verlassen, in welcher Folge dieselbe hierauf gegen 10 Uhr Abends ihre Berathungen schloß. Daß durch das Weggehen mehrerer Freunde Distelkamp's die Abstimmung verhindert wurde, beweist, daß die Mehrheit der Versammlung für die Verurtheilung der beiden Geistlichen gestimmt hätte, und dies ist Verurtheilung genug. Daß Stöcker selbst nicht vor das Forum dieser kirchlichen Versammlung gezogen worden, hat seinen Grund darin, daß er nicht zum II. Berliner Synodalbezirk gehört. Uebrigens noch zwei Bemerkungen. Zuerst: Glauben diese Prediger wirklich, das Volk zu Religion und Sittlichkeit zu führen, wenn sie die Kirche durch Schmähungen und Anfeindungen von Mitbürgern und Andersgläubigen füllen? Distelkamp giebt dies in naiver Weise zu verstehen; jeder aufrichtige Freund der Religion wird aber glauben, daß diese hierdurch nur in den Staub gezogen und das Volk roher gemacht wird. Alsdann: wie fühlt sich Herr v. Treitschke, wenn er sich von Stöcker und Genossen wegen seines Hetzartikels gegen die Juden mit Lob überschüttet und als ihre Stütze und ihren Vcrtheidiger verwendet steht?! Brcölnu, 9. Dec. (Privatmitth.) Kamn war der Artikel des Prof. v. Treitschke in den Preußischen Jahrbüchern erschienen, als Herr Rabbiner 3)r. M. Joöl hier einen „Offenen Briest" an denselben (Breslau, Schlesische Presse 1879) erscheinen ließ, in welchem der bewährte Autor mit ausgezeichnetem Scharfsinn und feiner Ironie die Behauptungen Treitschke's als durchaus unbegründet und falsch nachweist. Wenn Ihre „Antwort an Treitschke," welche zu gleicher Zeit in Nr. 50 veröffentlicht ward, mehr in den sachlichen Thatbestand eingeht, so greift Joiil vielmehr den 'ganzen feindseligen Geist an, aus welchem die Expectorationen Treitschke's geflossen, und man ist allgemein gespannt, ob und wie der Herr Professor auf diese beide Antworten erwidern werde. Der „Offene Brief" Joöl's, eine in ihrer Art treffliche und gediegene Streitschrift, verdient die weiteste Verbreitung und ist der Preis (20 Pf.) billig gestellt. Treitschke'ist der erste wissenschaftliche Mann, der in dem jüngsten Aufflackern des Judenhasses das Wort ergriff, um diese schwefelblaue Flamme zu nähren. Er hat zwar Beispiele aus früherer Zeit genug vor sich, aber in dieser letzten hat er doch den zweideutigen Ruhm, der erste gewesen zu sein. Darum war es ein hohes Bedürfniß, einem solchen Schriftsteller alsbald entgegenzutreten und wir haben es daher vr. Joäl und Ihnen zu danken, daß es mit solcher Raschheit und so energisch geschehen ist. Aus Schlesien, 8. December. (Privatmitth.) Mit Recht bemerkten Sie, daß die jetzt stattgefundenen Wahlen von Stadtverordneten beweisen, daß das Volk von allen diesen Hetzereien gegen uns doch nur oberflächlich berührt wird, da es bei den Wahlen sein Vertrauen gebildeten und befähigten Juden nicht entzieht. Gerade in unsrer Provinz, wo die ultramontanen Blätter mit ungewöhnlicher Heftigkeit gegen uns wühlen, hat sich dies in erfreulicher Weise bekundet. Auch machen hierbei die sonstigen Parteischattirungen bisweilen gar nichts aus, und die Katholiken nehmen die Hülfe der Juden gern an, wo die Nothwendigkeit vorliegt. So haben auch in Tarnowitz die Katholiken und die Juden einen Compromiß zu Stande gebracht, durch welchen 6 Katholiken und 4 Juden in die Stadtverordneten-Versammlung gewählt wurden. In derselben Stadt besieht eine Vergschule, welche, wie alle derartigen technischen Anstalten, keinen Religionsunterricht ertheilen läßt, noch dazu, da die Zöglinge durchschnittlich das Alter von 22 Jahren haben. Der Direktor der dortigen Vergschule, Dr. G eis enheimer, ist Israelit. Bekanntlich hat schon das Judengesetz von 1847 dies zugestanden. Den Ultramontanen ist natürlich dies ein Dorn im Auge. Der Abg. v. Chlapowski richtete daher in der Sitzung des Abgeordnetenhauses am 5. Dec. einen Angriff gegen diese Anstalt: „In der Bergschule zu Tarnowitz ist ein Israelit Vorsteher; sie ist eine Brutstätte des Culturkampfes u. s. w." Dies ist nun völlig unwahr, denn die Schule hat sich, wie natürlich, niemals um den Culturkampf gekümmert. In einer Gegenerklärung weist dies vr. Geisenheimcr schlagend nach, und wie auch dieses Mal die Redefreiheit der Tribüne des Abgeordnetenhauses zu unbegründeten Angriffen gemißbraucht ward. Charakteristisch ist, daß Ostern 1871 ein naher Verwandter des Herrn v.