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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-12-23 · Heft 52 (23.12.1879) · p. Seite 823

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 52 (23.12.1879)
Date
1879-12-23
Page
Seite 823 (sequence 7)
Language
German
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im höchsten Grade dazu angethan, den Frieden der verschiedenen Bevölkerungsclassen zu stören, die Armen gegen die Neichen und die Christen gegen die Juden aufzureizen. Ich erlaube mir einen Bericht der „Vossischcn Zeitung" zu verlesen, nach welchem Herr Pastor Distelkamp u. A. äußerten: „Man hält dem Deutschen Volke das Schreckgespenst: „Junker und Pfaffen" vor. Ich frage: wer sind denn die Junker unserer Tage? Zuerst handeln sie auf dem Mühlendamm mit alten Kleidern und alsdann in der neuen Friedrichstraße mit alten Lumpen. Und wenn man einen Junker unserer Tage sehen will, so hat man blos nöthig, die Thiergartenstraße entlang zu gehen und dort in irgend einem eleganten Hause in der Bel-Etage zu klingeln. Nicht ein Mann mit blondem Barte und blondem Haare, sondern ein Mann mit schwarzem Barte und eben solchem Haare und einer vielbesagenden Nase tritt uns entgegen. (Heiterkeit). M. H. Ich erinnere ferner an die von Herrn Pastor Distelkamp selbst geleitete Versammlung der christlich-socialen Arbeiter-Partei, in der über Frau Lina Morgenstern gesprochen wurde. Ich bin weit entfernt, Herrn Pastor Distelkamp einen Vorwurf zu machen, daß er sich an politischen Angelegenheiten betheiligt, allein, wenn es wahr ist, was ich hier im Speciellen angeführt und was über die Versammlung der christlich-socialen Arbeiter-Partei berichtet wird, so kann ich nicht umhin zu beantragen: die Kreissynode bedauert das anstößige Verhalten des Herrn Pastor Distelkamp und ermahnt denselben, sich künftighin von allen denjenigen Agitationen fern zu halten, die Aufreizung und! Haß Hervorrufen." — Pastor Distelkamp: Die verlesene Rede habe ich gehalten, jedoch nicht in einer Versammlung der christlichsocialen Arbeiter-Partei, sondern in einer conservativen Wählerversammlung. Im Uebrigen ist sie in der Zeitung falsch wiedergegeben; ich habe mich wohl ähnlich, aber keineswegs in dieser Form geäußert; ganz besonders beruht die. ganze Nasengeschichte auf Erfindung. Ich bin außer Stande, alle Zeitungen zu lesen und Alles, was über mich oder gar über die Verhandlungen der christlich-socialen Arbeiter-Partei geschrieben wird, zu berichtigen. Ich habe in der angeführten Rede den Namen „Jude" nicht in den Mund genommen. Wenn ich jedoch als die Junker unserer Tage die Juden bezeichne, die unser Vvlk bedrücken, so handele ich blos in Übereinstimmung mit unserem berühmten verehrten Professor, Dr. v. Treitschke. Was ich sonst in den christlich-socialen Versammlungen geredet, kann ich voll und ganz vertreten. Bei der großen Judenrede des Herrn Hofprediger Stöcker war ich nicht in Berlin. Sie selbst sagen uns ja: wir Geistliche sollen in das Volk hinabsteigen. Wenn wir dies nun thun, so muffen sie uns auch gestatten, so zu sprechen, wie es unseren Anschauungen entspricht. Als ich Pastor der Nazareth-GeMeisde wurde, da hatte ich am Sonntag kaum 30—40 Leute in der Kirche, während jetzt die. Kirche voll ist. Dies ist das Resultat meines öffentlichen Auftretens. Man wirst mir vor, daß ich in Volksversammlungen spreche. Nun, war denn nicht die erste Versammlung, in der Christus in der Synagoge zu Nazareth sprach, auch eine Volksversammlung? Wir Pastoren in den Vorstädten Berlins haben nur allzu oft Gelegenheit, uns von der materiellen und geistigen Noch unseres Volkes zu überzeugen. Wie weit die geistige Noth gediehen, beweist das Factum, daß man in Fabriken Arbeiter, die an Sonntagen zur Kirche gehen, mit Spitznamen, die auf den Geistlichen der Parochie Bezug haben, belegt. So nennt man beispielsweise einen gottesfürchtigen Arbeiter meiner Parochie „Distelfinke." Der Berliner Magistrat läßt an Sonntagen nicht blos öffentliche Arbeiten ausführen, er hält sogar während des Gottesdienstes seine Bureaux geöffnet. Wenn ich diesen Nothstand sehe, wenn ich mich ferner erinnere an die Agitation der Socialdemokraten, dann fühle ich mich als Geistlicher verpflichtet, von meiner Kanzel hinabzusteigen und zum Volke zu sprechen. Daß ich das Volk aufreize, Haß und Zwietracht säe, ist gänzlich unwahr. Was ich rede und thue, das thue ich im Interesse des Deutschen Volkes, dessen materielle Noth ich zu lindern bemüht biu und das ich zurückführen will in die Kirche des allmächtigen, des lebendigen Gottes Jesu Christi. — Maler Worms: Ich habe hier ein von dem Vorstande der gemäßigten Volkspartei herausgcgebenes Flugblatt, in welchem die erwähnte Rede des Herrn Pastor Distelkamp wohl in etwas anderer, jedoch in einer Weise wiedergegeben ist, die ebenfalls geeignet ist, die verschiedenen Gescllschaftsclasscn zu Gewaltthätigkeiten gegeneinander aufzureizen. Ich mache es Herrn Pastor Distelkamp nicht zum Vorwurf, daß er Volksversammlungen besucht, ich verarge cs ihm blos, daß er solch'turbulente Volksversammlungen, wie die der christlich-socialen Arbeiter-Partei, besucht. — Gymnasial- Lehrer I)r. Lortzing: Ich habe in der Judenrede des Herrn Hofprediger Stöcker,', trotz ihres einseitigen Charakters, so manches Wahre gefunden. Wenn ich jedoch erwäge, daß die Mitglieder der christlich-socialen Arbeiter-Partei aus zum größten Theile ungebildeten Leuten besteht, dann muß ich bekennen, daß dieselbe wohl geeignet war, zu Gewaltthätigkeiten gegen unter uns lebende hochgeachtete Mitbürger aufzureizen. Im Uebrigen kann mich das hier vorgebrachte Material nicht veranlassen, dem Anträge des Synodalen Schallhorn beizupflichten; ich beantrage dagegen: die Kreissynode Berlin 11°. geht über den. Antrag von Lohmeyer rmd Gen. zur Tagesordnung über und spricht die Erwartung aus, daß Herr Pastor Distelkamp in Zukunft bei seinem Auftreten in öffentlichen Versammlungen Anstoß zu erregen vermeiden wird. — Magistrats-Secretär Schallhorn: Herr Pastor Distelkamp hat auf die Versammlungen Christi und des Apostel Paulus hingewiesen. Nun ich hoffe, Herr Pastor Distelkamp wird jene Versammlungen nicht mit denen der christlich-socialen Arbeiter-Partei vergleichen. Aller-

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