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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-12-23 · Heft 52 (23.12.1879) · p. Seite 822

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 52 (23.12.1879)
Date
1879-12-23
Page
Seite 822 (sequence 6)
Language
German
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822 tft nur merkwürdig: die Leute reden immer von Oeffentlichkeit s scharfen Kritik bekannt, welche seinem Buche: „Cursus der und Freiheit, und wenn wir diese für unsere Ideen wollen,! Philosophie", Jahrg. 1875, S. 423, 439 zu Theil wurde. dann sind sic entrüstet, ja die Leute sind eben nur für sich frei und nur, wenn sie brauchen, für Oeffcntlichkeit. Das ist gar keine politische Richtung, das ist eine reine Kinderei. (Bravo.) Schon jetzt fängt es in manchem Kopf zu dämmern an; es wird schon noch Heller werden. Hätte die schlechte Presse uns nicht so mit Schmutz und Koth beworfen, man wäre nicht so aufmerksam auf uns geworden, wir müßten also eigentlich diesen Herrn dankbar sein. Manches, was unsere Gegner gesagt, war ja aufrichtig, und wir haben Manches gelernt." Redner geht sodann noch auf die Rede Trägers bei der Waldeckfeier ein, in der der genannte Abgeordnete sein Bedauern ausgesprochen, daß Waldecks Kreis Bielefeld jetzt von Stöcker vertreten, werde und in der er aufgefordert, gegen den „Unfug" dieses Nachfolgers einzutreten. „Ich'kann", äußert sich Stöcker, „aus der ganzen Rede nur ein Wort billigen, daß ihm (Träger) die Schamröthe in's Gesicht steigt. Ich glaube, das können wir ihm recht oft wünschen." (Bravo.) Es folgen nunmehr die Berichte über die Casie, die im 3. -Quartal 508 Mark Einnahrne und 324 Mark Ausgabe aufzuweisen hat, über die Sparcasse, der bis jetzt in 94 Einlagen von 50 Pf. bis 150 Mark 604 Mk. zugeflossen sind und über die Sterbecasse, diedenmächst eine constituirende Generalversammlung abhalten wird. — Vesser als dieser Bericht kann Nichts die ganze Hohlheit dieses Treibens und Wesens bezeugen. Stöcker selbst stellt seinem „christlich-socialen Verein" das stärkste Armuthszeugniß aus, da er betont, es sei erst Leben in jenen gekommen, als die Schmähungen gegen die Juden in demselben anfingen. Darin bestehen also die Ziele und Bestrebungen des Vereins und dies ist das Interesse, das ihn belebt. Ebenso naiv gesteht er ein, daß die Berichte und Besprechungen in den liberalen Blättern ihm und seinem Vereine erst eine Bedeutung verschafft haben. Dies habe ich in meinen Correspondenzm an Sie immer behauptet. Es wäre längst keine Rede mehr davon, wenn diese Berichterstattung in den liberalen Blättern nicht immer tvieder seine Existenz aufwärmte. Weiterhin beruft sich Stöcker darauf, daß der Staatsanwalt seine Stütze sei. Nach Stöcker's Ansicht könnte man sich die Meinung bilden, als ob eine Injurie gegen eine Person von der Staatsanwaltschaft als eine viel strafbarere Handlung angesehen tvürde, als gegen eine ganze Bürgerclasse, nämlich die jüdische, zu Haß und Verachtung auszureizen. Endlich ergiebt sich doch die Unbedeutendheit des Vereins auch aus den Angaben seiner Einnahmen, zu welchen die von den Gästen erholenen Eintrittsgelder einen großen Theil beitragen. — Jüngst hat sich auch zu den Judenhetzern ein Mann gesellt, der freilich schon lange als ein solcher, bekannt ist, der y von der Universität excludirte Privatdocent Dübring. Den Lesern dieser Zeitung ist dieser verbitterte Geist aus der Er hat jetzt hier drei „populär-wissenschaftliche" Vorträge gehalten, von welchen der dritte (8. Dec.) die „Entstehung der Judenstage in Europa" betitelt war. Selbst die „Germania" gesteht zu, daß er nichts Neues vorzubringen gewußt, hat. Die Vorlesung ging übrigens tumultuarisch von Statten, da eine nicht geringe Zahl von Zuhörern gegen die Schmähungen auf die heil. Schrift und auf Lessing laut Protest erhoben. Zum Gegensatz sprang ein junger Mann auf einen Stuhl und brachte Dühring ein Hoch aus, aber — Niemand stimmte ein. Berlin, 12. December. (Privatmitth.) Heute auch einmal wieder etwas Erfreuliches von hier, ein Zeichen beginnender Reaction gegen die ewige Judenhetze. Deshalb etwas ausführlicher. Die am 19. v. Mts. vertagte außerordentliche Sitzung der Kreissynode Berlin II. wurde am Freitag Nachmittag in der Kapelle des zweiten evangelischen Vereinshauses (Auguststraße 81) fortgesetzt. Den Hauptgegenstand der Tagesordnung bildete folgender Antrag der Synodalen Lohmeyer, Schallhorn und Genossen: Auf Grund des § 53 der Kirchen- Gemeinde- und Cynodat-Ordnung, welcher bestimmt: „Die Kreissynoden sind berufen, von anstößigen Vorgängen im Leben und Wandel der Geistlichen rc. Kenntniß zu nehmen, die Mittel brüderlicher Ermahnung und Warnung hiergegen in Anwendung zu bringen, wenn dies jedoch nichts fruchtet, die Angelegenheit der zuständigen Disciplinar- Jnstanz zu übergeben," beantragen wir, die Synode beschließt: über die auch von den Geistlichen des Synodalkreises Berlin II., den Pastoren D i ste l k a m p und P r o ch n o w, veranlaßten anstößigen Vorgänge in Berathung zu treten, die betr. Geistlichen zur Verantwortung zu ziehen und alsdann darüber Beschluß zu saffen. — Distelkamp ist nämlich Vice-Prästdent des Stöcker'schen „christlich-socialen Vereins" und hat in demselben bei der Verhandlung über die Juden den Vorsitz geführt. Es folgte nun eine lange Debatte, ob über den obigen Antrag debattirt und ob die Berichterstatter der Presse ausgeschlossen werden sollen, bis die erste Frage bejaht, die andere verneint wurde. Secretär Schallhorn: Der Erlaß des Evangelischen Oberkirchenrathes vom 20. Februar 1879 verlangt von den Geistlichen, daß sie vor allen Dingen Frieden stiften und in der Theilnahme am politischen und socialen Leben diejenige Vorsicht und Zurückhaltung beobachten, welche das Amt, dem Himmelreich in der Welt den Weg zu bahnen und das Wort von der Versöhnung zu predigen, mit sich bringt. Leider hat, wenn die Zeitungen richtig berichtet haben, Herr Pastor Diestelkamp diesem Erlaß in keiner Weise entsprochen. Die Debatten über die Judenfrage in den christlich-socialen Versammlungen, aber auch andere Verhandlungen der christlich-socialen Arbeiter- Partei, deren Vicepräsident Herr Pastor Distelkamp ist, waren

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