Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1879)
- Date
- 1879-12-23
- Page
- Seite 820 (sequence 4)
- Language
- German
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820 schaftlichen, Uebelstände. Endlich war die Reichsregierung selbst durch die verminderten Einnahmen genöthigt, auf neue Einnahmequellen zu denken, und entschloß sich zu diesem Zwecke, mit der bisherigen liberalen volkswirthschaftlichen Richtung zu brechen, wobei sie auf Widerstand in den liberalen Parteien traf. Hierdurch kamen letztere bei einem nicht geringen Theile des Volkes in Mißcredit. Alles Dies benutzten nun die Gegner der Juden, wie sie theils in der ultramontanen und pietistischen, selbst auch in der radicalen Partei, theils in einzelnen Elasten, wie die Agrarier, Schutzzöllner, Zünftler bestanden', um auf der ganzen Linie einen Ansturm gegen die Juden in's Werk zu setzen. Sie sollten jene Calamität verursacht haben, obschon dieselbe doch auch in so vielen Ländern vorhanden war, wo die kleine Zahl von Juden gar keinen Einfluß hatte. Sie sollten die liberale Gesetzgebung erwirkt haben, weil zwei oder drei jüdische Abgeordnete eine hervorragende Stellung in der liberalen Partei einnahmen, die doch nicht von den Juden, sondern vom deutschen Volke gewählt waren. Sie sollten die Urheber und Träger des Culturkamvfes sein, dessen Ursachen doch in so ganz anderen Gebieten liegen, und der in Ländern geführt wird, wo die Juden gar keine politische Rolle spielen. Mit einer Heftigkeit, wie man sie seit Jahrhunderten nicht erlebt, mit einer unsittlichen Verachtung der Wahrheit und Billigkeit führte man diesen Anprall aus und weckte alle bis vor Kurzem schlummernde Vorurtheile gegen die Juden wieder auf. Diese Erscheinung, betrübend für jeden wahren Freund der Humanität und der Cultur, markirt das ablaufende Jahr. Hoffen wir, daß diese unreine Springfluth sich bald wieder verlaufen werde. Hat sie auch glücklicher Weise bis jetzt noch keine thatsächlichen Unbillen hervorgcbracht, so vermehrte sie doch die unbehagliche Stimmung im deutschen Volke und trägt zu gesellschaftlichen Unzukönunlichkeiten bei. Es ist die alte Methode: man schließt die Juden aus und macht ihnen dann den Vorwurf, daß sie sich aus- und abschlösten. . Auf uns Juden mag diese abermalige Erfahrung dahin wirken, daß wir im Ganzen und Einzelnen mit verdoppelten Kräften nach sittlicher Reinheit und gesellschaftlicher Ehrenfestigkeit streben, und vor Allem dem ernsten und gereinigten religiösen Geiste die möglichste Förderung und Stärkung angedeihen lassen. Schon der alte Kernspruch läßt die menschliche Welt auf drei Säulen ruhen: auf Gottesdienst und Wohlthätigkeit, voran aber auf der Pflege des religiösen Geistes (min). Für diese letztere muß ein größeres Interesse, eine stärkere Thatkrast eintreten! — So war das abgelaufene Jahr ein vielfach bewegtes, in welchem mehr Kraft auf die Abwehr gegen außen, als auf den Aufbau im Innern, auf die stillen, aber dauerhaften Werke der inner» Entwicklung verwendet werden mußte. Hoffen wir, daß es bald wieder anders werde! Ein erstes Eingestiindniß. Unsre Leser wiffen, daß in diesem Blatte die Behauptung unsrer Gegner, daß die deutsche Tagespreffe von den Juden beherrscht werde, als thatsächlich falsch und absichtlich erfunden wiederholt erwiesen worden, z. B. in der Correspondenz aus Stuttgart in Nr. 49. Wir bemerken, im Voraus, daß es uns eben nur um die thatsächliche Feststellung zu thun ist, und zwar um des Vorurtheils der Deutschen willen, das jeden Einfluß von Juden als eine Schädigung der deutschen Nation ansieht, und um die Hohlheit und Unrichtigkeit anderweitiger Anklagen an diesem Beispiel zu beleuchten. Denn w i r natürlich sind weit davon entfernt, das Zusammenarbeiten von Juden und Christen in der geistigen Welt als einen Nachtheil anzusehen; vielmehr meinen wir, daß es in dieser Sphäre niemals darauf ankommt, von wem die Leistung ausgeht, sondern was sie Werth sei. Wir sahen vielmehr in dieser ganzen Behauptung nichts als einen gemeinen Concurrenzneid, wie er leider in unsrem deutschen Vaterlande in allen Kreisen genährt wird, und der dem Juden keine Stellung, keinen Erwerb gönnt, und wären diese noch so bescheiden. Wir wunderten uns nun längst, daß gerade die deutsche liberale Preffe, gegen welche doch dieser Angriff gerichtet war, hierzu schwieg, während sie doch am ehesten im Stande war, ihn zu widerlegen. Aber so groß ist auch ihre Antipathie gegen die Juden, daß, um nur ihr Schweien gegen die verwerflichen Wühlereien consequent einzuhalten, sie nicht einmal dieses Moment kritisirte. Endlich ist sie erwacht. Die „Posener Zeitung" sprach, die „Ostseezeitung" folgte nach, und die „Kölnische Zeitung" schloß sich an. Es geschah dies in folgendem Artikel. Die Ostseezeitung schreibt: „Herr v. Treitschke hat sich in einem Artikel in den Preußischen Jahrbüchern bei einem Angriffe auf die Juden auf Behauptungen gestützt, welche zwar schon seit geraumer Zeit wie eine fable convcnne von Mund zu Munde gehen, nichts desto weniger durchaus unbegründet sind, ohne daß es Herrn v. Treitschke auch nur einfällt, nachzufragen, ob sie begründet sind. Eine solche von Herrn v. Treitschke kritiklos weiter gesprochene Unwahrheit ist die Behauptung von der „Beherrschung" unserer Tagespreffe durch das Judenthum. Diese Behauptung, so wird in einer Berliner Correspondenz der Posener Zeitung mit Recht ausgeführt, beruht ausschließlich auf gewiffen, auch enorm übertriebenen Erscheinungen in der Berliner Preffe; die letztere ist aber so wenig identisch mit der deutschen Preffe, daß fast kein Berliner Blatt sich an Einfluß auf die Bevölkerung mit einer der großen Provinzial- oder Landes-Zeitungen meffen kann. In diesen nun ist das jüdische Element in irgend hervorragenden Stellungen fast gar nicht vertreten: die großen Provinzialzeitungen in Königsberg, Danzig, Stettin, Posen, Breslau, Magdeburg, Hannover, Kiel, Kaffel, Elberfeld, die