Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1879)
- Date
- 1879-12-23
- Page
- Seite 819 (sequence 3)
- Language
- German
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819 Berechtigung in die rumänische Verfassung ausgenommen, durch J Ausnahmebestimmungen aber völlig illusorisch gemacht wurde:! man erklärte alle, selbst die eingebornen Juden für fremd und' ließ die Gleichberechtigung von einer schwer zugänglichen individuellen Naturalisation abhängig sein. Die rumänischen Juden sind auf diesem Wege noch rechtsloser geworden, als sie es ftüher gewesen. Die dennoch bereits erfolgte Anerkennung Rumäniens seitens Italiens scheint darauf hinzudeuten, daß die Signatarmächte diesem Scheinmanöver den Stempel der Gültigkeit aufdrücken werden. Noch im vorigen Jahre wurden jene Bestimmungen des Berliner Vertrages mit allgemeinem Beifall ausgenommen und als ein Beweis des vorgeschrittenen Nechtsbewußtseins gerühmt. In diesem Jahre sah man nicht allein dem durchsichtigen Nänkespiel der Rumänen schweigend zu, sondern nicht wenige, sonst mit ihrem Freisinn, mit ihrer Vertheidigung der Rechtsgrundsätzc prunkende Organe der Tagespresse sprachen ihre Billigung aus. Wir werden dieser veränderten Stimmung noch weiterhin begegnen. Mit der Restauration des Kirchenstaates 1814 hatte die römische Hierarchie den Weg verlassen, den sie unter dem Einfluß des humanitären Geistes im vorigen Jahrhundert gewandelt war. Die Wiederherstellung des Jesuitenordens war der erste Act dieser Umkehr. Man hatte sich auf dieser Seite die Ueberzeugung gebildet, daß ein weiteres Pactiren mit der modernen Zeit und Gesellschaft die allmälige Zersetzung des hierarchischen Princips und seiner Macht herbeiführen würde. Die weitere politische Entwicklung bestärkte die römische Curie! hierin und namentlich seit 1848 trat sie, sowohl in der innerein Festigung der Hierarchie und der hierarchischen Organisation als auch mit ihren Absichten, die frühere Herrschaft über die Gesellschaft und die weltliche Macht wieder zu erlangen und auszudehnen, unumwunden und in schroffsten Kundgebungen auf. Tie Zeit der Neaction war ihr hierfür überall günstig j Der Verlust des Kirchenstaates und besonders Roms aber ’ regte sie zum äußersten Kampfe auf. Hatte sie mit dem Sturze Napoleon's 111. ihre Cchutzmach." in Frankreich ver-! loren, so suchte sie diese im neuen deutschen Reiche auf, wurde! jedoch hierin zurückgcwiescn. Alsbald organifirte sie im letzteren eine politische Opposition, das Centrum im Reichstage, das! der Reichsregierung feindlich gegenübertrat. Diese nahm den! Kampf auf, der sich in den sog. Maigesetzen verkörperte. Daß j ein ähnlicher Kampf auch in Italien vorhanden war, ist selbstj verständlich. Aber auch in Frankreich und Belgien konnte er' nicht ausbleiben, da die Entwicklung der republikanischen In-' stitutionen der kirchlichen Herrschaft gegenüberstehen mußte und. in Belgien die Spaltung der ganzen Nation in Anhänger der Kirche und des Liberalismus die beiden Heerlager zu uncr-; bittlichen Gegnern machen mußte. Nur in Oesterreich-Ungarn verständigten sich beide Seiten zu einem modus vivendi, der! alle Reibungen vermied. Ist so dieser Kampf zwischen dem. Staate und der katholischen Kirche zu einem besonderen Charakterzuge des absaufenden Jahrzehnts geworden, so hat er in Deutschland auch eine besondere Beziehung zu den Juden genommen. Während er in Italien, Frankreich und Belgien innerhalb der Katholiken selbst, das ist zwischen freisinnigen und den kirchlich gesinnten Katholiken geführt wird, schärft er sich in Deutschland zu dem Gegensatz zwischen den Katholiken und den Protestanten zu. Denn die altkatholische Bewegung ist ohne Bedeutung geblieben. Bei diesem Streite der religiösen Parteien, bei der Leidenschaftlichkeit, die in beiden, gegenseitig entbrannte, tvar es schon natürlich, daß auch gegen eine dritte Neligionsgenossenschaft, war diese auch noch so sehr in der Minorität, gegen die Juden eine Empfindlichkeit erwachte. Hierzu kam, daß die Ultramontanen im Liberalismus ihren eigentlichen Gegner anerkannten, da dieser jeder kirchlichen Herrschaft gegenüberstand und durch die, von der modernen Gesellschaft geforderten Institutionen Schranken aufführte. Indem nun die Juden ihre staatsbürgerliche Existenz lediglich dem Liberalismus verdankten, waren sie auch auf diesen angewiesen. Die Wortführer des Ultramontanismus benutzten dies, um einen erbitterten Feldzug gegen die Juden zu eröffnen. Sie wühlten Jahre lang systematisch und unermüdlich im Volke gegen die Juden. So war schon hierdurch eine innere Spaltung, und zwar eine religiöse im deutschen Reiche gegeben, und dies war um so bedauerlicher mid realer, als die deutsche Nation für religiöse Kämpfe überaus empfänglich ist. Hierzu kam aber noch ein Drittes. Die Um- und Ausgestaltung des deutschen Reiches mußte tiefgehende Veränderungen sowohl in der Gesetzgebung, als auch in den practischen Einrichtungen mit sich führen. Derartige Veränderungen können aber naturgemäß nur durch den liberalen Geist hergestellt werden. Mögen nun die Nothwendigkeit und die Vortheile solcher staatlichen Umgestaltungen noch so groß sein, sie führen immer auch empfindliche Nachtheile mit sich, die, während die Segnungen sich auf das Ganze erstrecken, einzelnen Classen fühlbar werden. Unglücklicher Weise gesellte sich aber die Calamität hinzu, welche aus einer, durch den wirklichen Aufschwung der Industrie herbeigesührten Speculationswuth und der daraus erfolgenden Krise entstand. Erstreckte sich diese über alle Culturstaaten, so schrieb man sie doch in Deutschland den neueren liberalen Gesetzen und Einrichtungen zu, und alle Feinde derselben vereinigten sich, in ihnen den Grund des Rückgangs der Volkstvohlsahrt zu suchen. Hiermit war der Classenkampf, - zu dem das deutsche Volk aus dem Mittelalter her noch immer neigt, gegeben. Genährt wurde dieser durch die heftige socialistische Bewegung, die sich seit lange, besonders in der Fabrikarbeiterbevölkerung, vorbereitet hatte. Dieser Classenkampf richtete sich nun ganz gegen den Liberalismus und die liberale Gesetzgebung des neuen deutschen Reiches, und beschuldigte diese als Ursache aller, insonders der volkswirth-