Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1879)
- Date
- 1879-12-23
- Page
- Seite 818 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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818 zu erhalten, war zum vorherrschenden Gedanken geworden. Aber die realen Stützen fehlten noch. Zwar die constitutionelle Verfassung wurde in allen deutschen Staaten angenommen, jedoch unter die Zügelung der Neaction gebracht, und ebenso der alte Bundestag wieder hergestellt. Aber die Macht der Verhältnisse war doch stärker. Die Versuche Oesterreichs, Preußen unter seine Herrschaft zu drücken, weckten um so mehr den Kampf um die Entscheidung, und führten in einem gewaltigen, aber kurzen Kriege den Zusammenbruch der alten Institutionen herbei. Nicht allein der Bundestag verschwand, sondern die Beseitigung der hartnäckigsten Kleinstaaten ging wie in einem Augenblick von Statten: der norddeutsche Bund wurde geschlossen und abseitens von ihm blieben nur vier süddeutsche Staaten vereinzelt bestehen. Es war völlig naturgemäß, daß bei dem ersten Stoß von außen auch diese Ueberreste der Vergangenheit zusammenbrachen, und mit diesem Jahrzehnt trat das neue deutsche Reich in die Wirklichkeit. Es galt jetzt, dieses neue deutsche Reich zu befestigen und alle Institutionen für dasselbe zu schaffen, die ihm den Charakter eines einheitlichen Staates gaben, ohne das Dasein der Einzelstaaten - zu beseitigen, eine schwere Arbeit, die noch einer laugen Zukunft bedarf, um dauerhaft und vollendet zu werden. — Aber auch in Italien vollendete sich mit dem Beginn dieses Jahrzehnts, was 184S aufgetreten und sich nach und nach vollzogen hatte: die Vereinigung der italischen Länder zu einem constitutionellen Königreiche. Rach dem Ausbruch des französisch-deutschen Krieges verließen die französischen Regimenter Rom, das italienische Heer rückte ein, der Kirchenstaat hörte auf zu bestehen, Rom wurde die Hauptstadt des geeinigten Italiens. Das verflossene Jahrzehnt diente nur dazu, dasselbe auszubauen und die inneren Schwierigkeiten allmälig zu überwinden. — Waren es also gewissermaßen drei neue Staatswesen, die französische Republik, das deutsche Reich und das italienische Königthum, welche aus dem gewaltigen Sturme am Anfang dieses Jahrzehnts, aber als Confequenzen der Bewegung im Jahre 1848, hervorgingen und deren innere Befestignng und Ausgestaltung das Werk des Jahrzehnts bildete, so waren doch noch zwei Erbschaften aus noch viel früherer Zeit vorhanden, welche unsrem Jahrzehnt eine besondere Signatur gaben: der Kampf der katholischen Kirche mit dem Staate und die orientalische Frage. Sie sind es zugleich, die, in das abgelausene Jahr hineinreichend, auch für die Bekenner des Judenthums eine besondere Bedeutung erlangten. Betrachten wir die letztere zuerst. Seit jener berühmten Belagerung Wiens durch die Türken und deren Niederlage war der Wendepunkt eingetreten, daß die bis dahin auf den Westen anstürmenden Osmanen in die Defensive zurückgcworfen wurden. Es galt im Grunde, die Türken wieder aus Europa hinauszujagen, und hierauf zielten die Bestrebungen zweier Staaten, Oesterreichs und Rußlands. Seit Kaiser Leopold drangen die österreichischen Waffen immer weiter nach Osten vor, indem sie jedoch die Donau als die nächste Grenze betrachteten; seit Peter dem Großen strengte sich Rußland unermüdlich an, die von den Türken beherrschten Länder sich anzueignen, hatte jedoch sowohl Constantinopel selbst als auch das türkische Ländergebiet in Asien zum letzten Endziel. Dies ist einfach die orientalische Frage: die Depossedirung der Türken in Europa und möglichst auch in Asien. Daß in diesem Kampfe die Widerstandskraft der Türken nicht der einzige Factor war, sondern zugleich die Rivalität der europäischen Staaten unter einander, ist ersichlich. So war es zuletzt der Krimkrieg, durch welchen die drei Westmächte den siegreichen Fortschritten der Russen ein Ziel setzten. Aber die Verschiebung der politischen Verhältnisse durch den französisch-deutschen Krieg ermunterte auch Rußland wieder, seinen Plänen gegen die Türken nachzugehen, und nachdem es die ihm durch den Pariser Vertrag auferlegten Beschränkungen widerspruchslos für aufgehoben erklärt hatte, begann es den jüngsten russisch-türkischen Krieg. Aber unterdeß war noch ein anderer Factor hinzugekommen. Nachdem in den zwanziger Jahren durch die blutigen Aufstände der Hellenen, zuletzt durch die Dazwischenkunft der Mächte der kleine griechische Staat gegründet worden, war in den christlichen Völkerstämmen des Donaugebietes das Verlangen nach Selbstständigkeit und Unabhängigkeit erwacht, und die europäische Diplomatie kam zu dem Gedanken, autonome kleine Staaten zu schaffen, seitens der Westmächte mit dem Vorbehalt, dadurch zwischen Rußland und die Türkei, einen Keil einzutreiben, seitens Rußlands, diese kleinen Staaten durch seinen Einfluß in seine Abhängigkeit zu bringen. Nachdem nun Rußland mit schweren Opfern 1877 die Türken zu völliger Ohnmacht gebracht, waren es die europäischen Mächte, welche dazwischen traten, und durch den Berliner Congreß 1878 Rußland nur sehr beschränkte Früchte seines Sieges gewährten, dagegen Rumänien, Serbien und Montenegro zu von der Türkei völlig unabhängigen Staaten, Bulgarien zu einem Vasallenstaate und Ostrumelien zu einer autonomen Provinz machten. Zugleich mußte aber der Congreß darauf zielen, in allen diesen Staaten den inneren Frieden durch die völlige Gleichberechtigung der in denselben ansässigen sehr gemi schien Bevölkerung zu ermöglichen, indem auf diesem Wege dem Raren- und Religionshasse gesteuert werde. Der Berliner Vertrag machte daher in genau formulirten Artikeln die Gleichberechtigung für alle diese Staaten zum Grundgesetz und zur Bedingung ihrer Anerkennung. Den meisten Widerstand fand diese Bestimmung in Rumänien, wo man sich widersetzte, den dort zahlreich ansässigen Juden diese Gleichberechtigung zu gewähren. Die Verhandlungen hierüber verleihen dem Jahre 1879 ein eigenthümliches Colorit. Sie sind noch zu neu, um hier noch einmal eine Schilderung erforderlich zu machen. Das Ergebniß war, daß der Grundsatz der Gleich-