Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1879)
- Date
- 1879-12-16
- Page
- Seite 807 (sequence 7)
- Language
- German
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807 scheint es auch erklärlich, daß die „Germania" wieder auf ihren alten Weg zurückgefallen ist. Tag für Tag Schmähartikel gegen die Juden zu bringen, und an diesen ihre verbissene Wuth zu kühlen. — Der Israelitische Religions-Verein für die Oranienburger Vorstadt zur Beschaffung einer Synagoge und des Religionsunterrichtes für diesen Bezirk hat sich constituirt und zählt bereits über 15)0 Mitglieder. Der Verein hat sich zugleich als eine Ehcbra Kadischa gebildet. Das Eintrittsgeld ward auf 3 Mark, der Jahresbeitrag auf 6 Mark festgestellt, gewiß kein zu großes Opfer für so viele Leistungen des Vereins. — Dresden, 28. Novemb«. «Prrvatmitth.) Da der Herr Marr in Berlin bereits auf den Sand gesetzt ist, und sich nicht länger verhehlen mag, daß seine Wirksamkeit dort keine Früchte für ihn tragen werde, hat er sich zum Wanderredner gegen die Juden gemacht und am gestrigen Abend, um dem „Deutschen Reform-Verein", einem Absenker seiner„Antisemitischcn Liga", die selbst von seinen Gesnmungsgenossen dementirt worden, aufzuhelfcn, wenn dies selbst ihm möglich wäre, in demselben eine Rede gegen die Juden gehalten. Es waren ungefähr 400 Personen anwesend, von denen nur der geringste Theil dem gedachten Verein angehört. Sie mußten 5>0 Pfennige Eintrittsgeld LeKsHLne, denn der Verein will doch auch leben. Die Rede Marr's war nur ein Auszug oder eine Wiederholung seines bekannten Pamphlets. Um doch einmal zu wiffen, was dieser «chemalige Radicale als sein Ideal wünscht, seien hier seine 6 These« bergcstellt. 1) Das Judenthum wird von sämmtlichen Militärdiensten befreit und dafür zu einer Leistung in baarem Gelde nach Maßgabe des Vermögens herangezogen; 2) in einem christlich-germanischen Staate darf ferner Niemand, der sich zum Mosaismus bekennt, zur Gesetzgebung, zur Justiz und Verwaltung zugelaffen werden; 3) im Geschäftsverkehr mit Juden sind christlich-germanische Tribunale keine Tribunale und es darf mit Juden nur per Comptant gehandelt werden; 4) cs darf jüdischen Zeitungen nicht gestattet werden, sich in die Angelegenheiten der christlichen Kirche zu mischen; 5) kein Jude darf Landbesitzer werden, wenn er seinen Grund und Boden nicht mit jüdischen Arbeitern bewirthschaftet. Die „Reforinvereinler" begrüßten Marr mit Beifall; der übrige Theil der Versammlung biieb eisig kalt. Die Sache wäre ganz gleichgültig, wenn nicht Dresdener und Leipziger Zeitungen — zum Theil unter dem Scheine der Mißbilligung — ausführliche Berichte brächten, die natürlich im Publikum Weiler wirken. Aus Schlesien, 4. Tecember. (Privatrnitth.) Bei der jetzt in vielen unsrer Städte stattgefundenen Ergänzungswahlen für die Stadtverordneten - Versammlungen hat das Ergebniß bewiesen, daß alle die Wühlereien und Hetzereien im Volke doch keinen Platz greifen, und daß bewährte eingelebte Verhältnisse durch die Worte fanatischer Aufwiegler sich nicht alsbald verändern. Uebcrall sind auch Juden, die das Vertrauen ihrer Mitbürger besitzen, aus den Wahlurnen hervorgegangen, und zwar oft in einer Anzahl, die weit über das numerische Bevölkerungsvcrhältnis; hinausgeht. Eine Erscheinung, die man, so sehr sie der Patriot auch bedauert, sich nicht verhehlen kann, und die bei diesen städtischen Wahlen wieder so recht zum Vorschein kam, ist die Spaltung zwischen den Protestanten und den Katholiken. Ueberall standen sich beide Parteien geschloffen gegenüber, nicht Willens, sich irgend Zugeständniffe zu machen. Viel geneigter waren sie, die Einen tvie die Anderen, Compromisse mit den Juden cinzugehen. In wenigen Städten, wo die Juden eine ansehnliche Minorität bilden, geschah dies denn auch, und wir haben das. cigcnthümliche Schauspiel, daß z. B. in Mvslowitz die Protestanten mit ihren jüdischen Mitbürgern gegen die katholischen Candidaten stimmten, daß dagegen in Beuthen die Juden mit den Katholiken votirten, und die letzteren mit jenen neun Katholiken und drei Juden durchbrachten. Es hat sich also dies nach den örtlichen Verhältnissen geordnet, und beide Parteien könnten daraus die Lehre ziehen, daß bei den Juden ein principieller Gegensatz weder gegen die einen noch die anderen vorhanden ist, und es nur darauf aukommr, wer sie nach den Grundsätzen der Billigkeit und Gleichberechtigung behandeln will. Die Juden haben überall Respect vor dem Rechte Anderer, aber ste wollen auch ihre eigenen respectirt sehen. Aus Elsaf;-Lot!iringcn,im December. < Privatmitth.) Daß der vom Kaiser ernannte Statthalter des Reichslandes, General- Feldmarschall von Manteuffel, mit eben so vielem Charakter, Tact wie Loyalität ausgetreten ist, hat Jederrnann aus den Berichten der öffentlichen Blätter ersehen können. Aber auch hinsichtlich der israelitischen Bevölkerung hat der Statthalter ein würdiges Benehmen eingehalten und seine Achtung vor der, in unsrem Lande so lange schon herrschenden Gleichberechtigung der Culte ausgesprochen und bethätigt. Bei seinein Aufenthalte in Mühlhausen am 27. Rov. erschien der Rabbiner Moock vor ihm mit der Geistlichkeit der änderen Eulte und tvurde auch vorn Statthalter zu dem Banguett eingeladcn, das er den Spitzen des Kreises gab. In einem brillanten Toast versicherte er, daß die Vcrtvaltung fest entschlossen sei, die Interessen aller Eulte ohne eine Ausnahme zu beschützen und wiederholte dies in seiner Unterredung mit dem Rabbiner. Andere eminente Glaubensgenossen, die bei dem Empfang erschienen waren, konnten sich von dem Gerechtigkeitssinn des neuen deutschen Würdenträgers überzeugen. Auch in Metz war der Großrabbiner Bigart gleich der katholischen und protestantischen Geistlichkeit zum Empfang und zum ossiciellen Banguett eingeladen. Letzterein wohnte noch ein anderer Israelit, Banquier