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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-12-16 · Heft 51 (16.12.1879) · p. Seite 806

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 51 (16.12.1879)
Date
1879-12-16
Page
Seite 806 (sequence 6)
Language
German
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Schattenseiten kennen gelernt hat, wird zugeben, daß ein vierstimmiger Chor nur in einer großen Gemeinde, die ihre Sänger und Sängerinnen aus Gemeindemitteln honorirt, möglich ist. In solchem Falle hat der Dirigent keine undankbare Function. Er ist der absolute Befehlshaber. In mittleren und kleinen Gemeinden aber, wo die Gemeindecasse kein Geld zur Besoldung und ein freiwilliger Chor sich gebildet hat, da muß der Dirigent mit jedem einzelnen Mitgliede rechnen. Da herrscht die Republik. Er hüte sich, die Eitelkeit des einen oder anderen Mitgliedes zu verletzen, sonst scheidet die oder jene Stimme aus, die manchmal kaum zu entbehren ist. Und nur eine absolute Rücksichtslosigkeit muß jeder Dirigent walten lassen, sonst gedeiht der Chor nicht. Die Sache muß ihm am Herzen liegen und nicht die Personen. Ich habe mehr als einmal die Erfahrung gemacht, daß diese Gattung Chöre sich niemals dauernd erhalten konnte: ihr Leben zählte nur eine beschränkte Anzahl Jahre, weil sie bei der Geburt schon den Todteskeim in sich tragen. Der einfachste und gesündeste Chor ist der einstimmige, d. i. der Gcmeindeaesang mit Orgelbegleitung, wo Chor und Gemeinde sich identificiren. Die Gemeinde darf nicht die Zuhörer spielen, sondern sie nmß mit thätig sein. Aber der Gcnreindegesang muß melodiös und dein Ohre gefällig sein und doch den profanen Charakter fern halten. Der Choral ist in der Synagoge unbedingt zu verwerfen, nicht blos, weil er antisynagogal ist, sondern weil der leicht bewegliche Charakter der hebräischen Sprache mit dem Rhythmus des Chorals sich nicht verträgt. Greift die Gemeinde nicht mit ein, so wird ihr das Gotteshaus nicht lange mehr die Andachlsstätte bleiben. Mit dem eben Gesagten will ich aber nicht den gemischten Chor, d. i. den Kunstgesang aus der Synagoge gebannt wissen. Ja, ich befürworte sogar an den Feiertagen und bei besonderen Gelegenheiten den Kunstge¬ 2^eüiuicj6ii Deutschland. Berlin, 4. Deeember. (Privatmitth.) Die Neuigkeit des Tages ist, daß die Centnrmspartei wieder in ihre Opposition gegen die Regierung zurttckgetreten und deshalb auch in Zwietracht mit der conservativen Partei gekommen ist. Die wichtigste Angelegenheit und welche dem Reichskanzler am meisten am Herzen liegt, ist gegenwärtig bekanntlich die Verstaatlichung der Eisenbahnen. Aber gerade in dieser opponirt das Centrum und sucht durch Garantieforderungen die Ausführung der Verträge mit den anzukaufenden Eisenbahnen unmöglich zu machen. Jndcß haben sich in dieser hochwichtigen Angelegenheit die Nationalliberalcn mit den Conservativen geeinigt, so daß die sang. Das also wäre mein (vermittelnder) Standpunkt: An den gewöhnlichen Sabbathen: einstimmiger Gemeindegesang mit Orgelbegleitung, an den Festen: Kunstgesang. Von den verschiedenen ein- (und zwei-) stimmigen Synagogengesängen dürfte die Wahl nicht schwer fallen. Das beste Werk zu einem Gemeindegesang ist unstreitig rtf*l Vlp von Lewandowski, tvelches hiermit nachdrücklichst empfohlen wird, tveil die Piecen leicht sanglich, gefällig und melodiös geschrieben und aus begeistertem, den Beruf in sich tragenden Herzen geschloffen sind. Nachbemerkung der Nedaction. Wir haben mit Befriedigung ersehen, daß Herr Graf, der als Dirigent vereinigter Synagogen-Chöre sich neben seiner musikalischen Tüchtigkeit auch praktische Erfahrung erworben hat, in allen wesentlichen Punkten mit uns übereinstimmt. Doch müssen wir uns gestatten, unsre Ansicht dahin auszusprechen, daß die von ihm vorgeschlagene Lösung unserer Frage eine blos äußerliche ist, die deshalb noch nicht zu genügen, vermag. Am Sabbath einstimmigen, an den Festen vierstimmigen Gesang, das hebt das Bedenken nicht auf, die Gemeinde unbetheiligt zu lassen, und darum meist theilnahmlos, und zwar gerade an den Festtagen, wo der Gottesdienst viel länger, der Besuch der Synagoge stärker und das Vedürfniß nach andächtiger Erhebung größer ist. Wir meinen ja auch nicht, daß der vierstimmige Gesang völlig beseitigt werde, vielmehr nur, daß er nicht den ganzen Gottesdienst einnchme, sondern daß auch für einstimmigen Gemeindegesang und besonders auch für Responsen gesorgt werden müsse. Ist dies richtig, so ist eben auch für den musikalischen Theil des Gottesdienstes das Meiste noch zu schaffen. (aU/C&teu/. Minderheit nur aus dem Ccntrum', dem Fortschritt und den Polen bestehen wird. Nicht minder haben vorgestern die Führer des Centrums in der Verhandlung über den Etat des Ministeriums des Innern den Culturkampf und zwar mit einer Erregung und Heftigkeit wieder angefangcn, die allgemein auffiel. Bei dieser Gelegenheit haben sich das Ccntrum und die Conservativen gegenseitig ausgezischt. Man schließt allgemein hieraus,, daß die Verhandlungen zwischen Rom und Berlin zu keinem Erfolge führen. Letzteres haben wir an dieser Stelle nicht zu beurtheilen. Wohl aber ist es leider! für uns von Wichtigkeit, daß eine Einigung zwischen den Conservativen und dem Centrum nicht-stattfindet; denn die Organe des Centrums haben cs zu offen ausgesprochen, daß sie mit Plänen gegen unsre Gleichberechtigung umgehen.. Aus demselben Grunde

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