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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-12-16 · Heft 51 (16.12.1879) · p. Seite 805

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 51 (16.12.1879)
Date
1879-12-16
Page
Seite 805 (sequence 5)
Language
German
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805 Wir glauben das Urtheil erwiesen zu haben, das wir am Beginne dieser Artikel aussprachen. Eine tiefere Verwendung des von Renan gesammelten Materials, eine gründlichere Auffassung und ein unparteiischeres Urtheil würden dem Werke Nenan's eine bedeutendere Stellung verschafft haben, als es jetzt beanspruchen kann. Die Reform des Synagogengesonges von Siegfried Graf, Lehrer und Cantor in Essen. Herr Nedactcur! Ihre vortreffliche historische Entwicklung des jüdisch-liturgischen Gottesdienstes bis auf die Jetztzeit in Nr. 45) schließen Sie mit einer Aufforderung zu Aeußerungen über die zweckmäßigste Reform des Synagogengesanges. Es ist wahr, wer sich nur ein wenig in der Literatur der Synagogenmusik, die zur Verherrlichung des Gottesdienstes beitragen soll, umgesehen hat, wird bemerkt haben, daß viel componirt, arrangirt, theils in unsren alten Melodieen modernisirt worden ist. Ob aber alles Dieses auf Dauer Anspruch machen kann, ist entschieden zu verneinen. Ich habe manchmal derlei zu Gesicht bekoinmen und mir sagen muffen, es ist eine Versündigung gegen die Musik und eine Versündigung gegen die hebräische Sprache, und somit mehr Nachals Vortheil für den gottesdienstlichen Gesang. Wer Synagogenmusik componireu will, muß die classische Kirchenmusik studirt haben, wenigstens die bedeutendsten Oratorien, Cantaten, Messen, Hymnen :c. von Vach, Händel, Mozart, Mendelssohn re. kennen. Er muß ferner Begeisterung für die Synagogenmusik haben, denn wer nicht begeistert ist, kann nicht begeistern. Er muß endlich auch ein guter Hebräer sein, d. h. nicht blos den Dert übersetzen können, sondern auch grammatisch bewandert sein, lange und kurze, betonte und tonlose Silben, und das Selnva mobile imb 'SeliVn ijuiescens, Dage.seh forte und Dng-esch lene je. unterscheiden können. Wo diese drei Faetoren: Kenntniß der classischen Kirchenmusik (was musikalische Studien involvirt), Begeisterung und Kenntnis; des Hebräischen nicht vorhanden sind, da ist eine gltte Synagogenmusik unmöglich. Allen Respeet vor Halevh (geb. I7‘.t(j zu Paris, gest. 1862 zu Nizza), dem berühmten Componisten der Opern „Die Jüdin", „Eatharina Cornaro", „Ter Blitz". Seine hebräischen Psalmen (Theile des ^n) sind wohl in musikalischer Beziehung höchst lieblich, das melodische Element namentlich recht einschmeichelnd, aber, aber in tertlicher Hinsicht gar nicht zu gebrauchen ,'Wcnn HalevY ein 8'b>vu mobile auf einen starken Tacttheil bringt, wie er beispielsweise in dem Worte ^72^ das als eine starke Silbe ansieht und betont oder ein Cluiieph-I'atach n in dem Worte ■'jnx markirkt werden muß (cfr. Sffp von Namnbourg), so muß ich sagen, HalevY war ein berühmter, geistreicher Operncomponist, aber kein Eomponist für die Synagoge. Wende mir Niemand ein, daß der Wortaccent und Musikaccent nicht immer übereinstimmen. Das weiß ich sehr wohl. Das hat aber auch seine Berechtigung und ist in der lateinischen alten Kirchenmusik oft der Fall, so bei Orlandus Lassus, bei Palestrina, bei Vittoria (cfr. auch „Magnificat" von B..*y, „ave verum" von Mozart, „Verleih' uns Frieden" von Mendelssohn u. A.). Zwei Männer sind es vorzugsweise in Deutschland, welche man classische Synagogencomponisten nennen kann: Sulzer in Wien und Lewandowski in Berlin, welchen sich als Dritter Naumbourg in Paris anschließt. Diese sind die Epochemachenden in der Synagogenmusik. Die Priorität in der Zeit. gebührt Sulzer, der vor mehreren Dccennien schon seinen ^2: -?ch, dem später ein zweiter Band folgte, herausgegeben. Da ist Kraft und Erhabenheit. Ich stehe nicht an, Sulzer den Patestrina der Synagogenmusik zu nennen. In unserer Renaissance der gottesdienstlichen Musik steht neben ihm Lewandowski. Was Sulzer in Chören Großes geschaffen, das hat Lewandowski in Necitativen. Ja, Lewandowski ist der eigentliche Regenerator des alten Schwerlich wird ihn wohl jemals Einer in den Necitativen, für die trsni: ovy» namentlich, erreichen. Das will aber nicht heißen, daß Letzterer keine Chöre und Ersterer keine Neeitative geschrieben. Nein, Lewandowski hat auch prachtvolle Chöre componirt. Sein rnin und seine vor Kurzem bei Breitkopf und Härtel in Leipzig erschienenen „18 liturgische Psalmen" sind dafür ein Beweis und allen gemischten Svriagogencbören zu empfehlen. Ebenso hat Sulzer auch achtunggebietende Reeitative geschrieben. — Sonderbar hierbei ist, daß Sulzer gerade die Cantorfunctionen und Lewandowski die Chordirigentenfunctionen ausübt. Zwei Schulen sind cs füglich, die man unterscheiden kann: die süddeutsche (Sulzer) und die norddeutsche (Lewandowski). Alle anderen Componisten, so Weintraub, Deutsch :c., ordnen sich mehr oder minder Ersterein oder Letzteren: unter. Eine Seitenstellung scheint Naumbourg in Paris einzunehmen, der vorzugsweise im südwestlichen Deutschland sich heimisch gemacht hat. Ganz streng zu nehmen ist jedoch diese regionale Bezeichnung nicht. Denn Sulzer's Schüler und Gesänge trifft man ebenso gut auch im Norden, tvie die Lewandoivski's in: 'Westen und Süden Deutschlands. — Ich komme jetzt zu der Frage, welcher Synagogengesang ist der zweckmäßigste, und tvclche sind die geeigneten Werke hierzu? Tic Einen schwärmen für einen gemischten vierstimmigen Chor, die Anderen für einen einstimmigen Gemeindegesang. 'Wie in so Vielem, so scheint m.ir auch hier das Richtige in der Mitte zu liegen. Wer, wie der Verfasser dieses schon einen einstimmigen, dann einen mehrstimmigen und dann tvieder große gemischte Synagogenchöre dirigirt und die Licht- und

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