Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1879)
- Date
- 1879-12-16
- Page
- Seite 803 (sequence 3)
- Language
- German
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803 eigennutz- und intereffenlos — und die jüdischen das Gegentheil? Nein, Ihr Literaten, das Motiv, das Euch in Eurer großen Zahl gegen die kleine Eurer jüdischen Berufsgenossen so sehr aufreizt, ist jedem Unbefangenen völlig durchsichtig. Ernst Lenan's neueste Zchrist. V. (Schluß.) Wir sehen also, und zwar mit Bedauern, daß durch die Auseinandersetzungen Renan's das Verständniß und die wissenschaftliche Erkenntniß des Talmuds nichts gewonnen hat, daß er vielmehr fast auf dem Niveau Derer geblieben, welche über den Talmud urtheilen, ohne ihn zu kennen. Einerseits hat er die Agada und ganze Midraschliteratur, die vom^allgemeinen und modernen Standpunkt der wichtigere Theil ist, mit Stillschweigen übergangen, andererseits die Tendenz, den Charakter und die Methode der Halacha nicht aufgeklärt, zum Begreifen derselben nichts beigetragen, sondern sie nur von einem völlig unpassenden ästhetischen und gemeinverständlichen Gesichtspunkte beurtheilt. Daß ihm dabei die allein aufklärende Vergleichung mit den Monumenten des römischen Rechts entgangen ist, haben wir hervorgehoben. Die Halacha hat ebenso wie dieses ein durchgeführtes System, das aus den (bisweilen versteckten Definitionen und Folgerungen herausgezogen und erkannt sein will und nur die Form ist dadurch verschieden, daß die Codices des römischen Rechts Gesetzbücher sein wollen, der Talmud aber die Gesetzgebung beschreibt, nämlich die Protocolle der gesetzgeberischen Verhandlungen bringt, was bei dem Mangel an Formsinn Gelegenheit gab, eine große Masse, wir möchten sagen, von Füllsel in die vorhandene Ordnung der Materien hineinzubringen. Wenn aber Renan das Wesen des Talmuds nicht erkannt und gezeichnet hat, wie steht es mit der Schilderung der Wirksamkeit desselben? In diese läßt er sich recht weitläufig ein. Er schreibt allerdings dem Talmud einen außerordentlichen Effect zur Erhaltung „der jüdischen Nace" zu. Man bemerke wohl, nicht der jüdischen Religion, der monotheistischen Idee und Lehre! Und diesen Effect brachte der Talmud durch die völlige Jsolirung der Juden von der übrigen Welt zu Wege. Hier war es, wo sich die phantasiereiche Phrase wieder so recht zu ergehen vermochte. „Diese zweite Bibel wird ein Gefängniß, wo der neue Judaismus sein trauriges Leben der Abschließung bis zu unsren Tagen fortsetzte." „Der Talmud kann als die Quelle der hauptsächlichen Fehler betrachtet werden, welche man bisweilen (parfofe) an den Juden bemerkt." Die Spitzfindigkeit, die mystische Spielerei und die Beschränktheit folgen aus der Beschäftigung mit ihm. Von dieser Zeit an hat Israel alle Fehler der einsiedlerischen Menschen; es wird verdrießlich, mißwollend, stößt jeden Proselyten von sich, wird abergläubisch, verhaßt und gehässig, ungesellschaftlich. Alles Dies wird pomphaft ausgcmalt, jedoch nicht ohne die Bemühung, das eben Gesagte wieder zu mildern. Ohne uns in das Einzelne einzulaffen, was zu weit führen würde, können wir Renan nur erwiedern, daß er vollständig unhistorisch zu Werke gegangen. Die Ausschließung, in welche die Juden geriethcn, ist nicht vom Talmud ausgegangen, und dieser hat vielmehr seine lange Herrschaft der Ausschließung, der Jsolirung zu verdanken, in welche man die Juden gebracht. Wir haben schon in unsrem dritten Artikel gezeigt, daß die Ausschließung aus dem ganzen bürgerlichen Leben von den christlichen west- und oströmischcn Kaisern datirt, worüber die unschätzbaren Documente im Centex Theodosianus aufbewahrt sind. Die Concilien aller Zeiten und Länder vollendeten dieses Werk. Sie waren es, tvelche die Verheirathung von Christen und Juden, die Gemeinsamkeit von Mahlzeiten, das Wohnen unter demselben Dache, die gegenseitigen Dienstverhältnisse u. s. w. verboten und verpönten. Die geistige Ausschließung war nicht minder vom Christenthum gegeben. Dieses hatte Dogmen ausgestellt, zu denen sich der aufrichtige Jude niemals bekennen konnte, sondern sich von ihnen abgestoßen fühlen mußte. Dieser dogmatische Aufbau wurde aber von der Kirche als conditio sine qua non festgehalten und jede andere Auffaffung, namentlich jede Annäherung an den reinen Monotheismus mit allen Kräften, auch mit Waffengewalt, z. B. gegen die Arianer, unterdrückt. So war von vornherein die geistige Ausschließung für die Juden unausbleiblich. Wenn Renan z. B. die Geschichte von Grätz genauer durchlieft, so wird er auch finden, daß der größte Theil der Juden, so die außerhalb Palästinas und Babylons wohnenden, Jahrhunderte lang ohne Kenntniß des Talmuds lebten, die sich erst allmälig von einzelnen Orten aus über das Land und dann von Land zu Land verbreitete. Die Ausschließung war also vorhanden vor der Kenntniß des Talmuds, der nunmehr das geistige Agens in dieser abgeschlossenen Welt der Juden wurde und für die Erhaltung der reinen Lehre das wirksamste Mittel. Nicht minder lehrt die Geschichte, daß, ungeachtet des Talmuds und seines Studiums, die Juden, sobald ihnen durch einen humaneren Geist der Völker Raum geboten wurde, die geistige und bürgerliche Abgeschlossenheit aufgaben, und in das allgemeine Eultnrlebeu eintraten. So verhinderte der Talmud die Juden nicht im Geringsten, den Weltverkehr zu der Zeit zu vermitteln, wo Orient und Occident einander völlig entfremdet waren und die Völker unter einander allen Verkehrs außer mit den Waffen in der Hand entbehrten. Erst nach den Kreuzzügen machte, nicht der Talmud, sondern die fanatische Gesetzgebung der Völker die Juden zu Händlern und Trödlern, indem sie diese von allen öl*