Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1879)
- Date
- 1879-12-16
- Page
- Seite 802 (sequence 2)
- Language
- German
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802 für das „angebliche Recht der rumänischen Juden in empha-' tischer Weise" (kennen sie die Art. der Augsb. A. Z. nicht?);! sie beschuldigen die „Alliance isr. univ.", die „große Mittels und gute Verbindungen" besitze, diese zum Nachtheil der Numänen zu verwenden*); sie schmähen auf die „Humanität",! welche die Gleichberechtigung fordere, und theilen das Schreiben eines Rumänen mit, welches die dortigen Juden mit den schwärzesten Farben schildert. Das nennen diese Herren Unparteilichkeit, während doch alle, auch die Deutschen, z. B. Karl Braun, welche in Rumänien längere Zeit verweilten und keine Ursache hatten, sie zu begünstigen, ganz andere Bilder von der Stellung der Juden, von ihrem Schaffen und Wirken daselbst entwarfen. Doch dies zu besprechen, ist heute nicht unsre Ausgabe. Rur die eine Bemerkung: Glauben denn diese klugen Leute, daß, wenn, was sie von den rumänischen Juden sagen, wahr wäre, diesen Uebelständen durch die Verweigerung und Abschneidung jedes bürgerlichen Rechtes abgehotfen würde, daß sie nicht hierdurch vielmehr in den Nebeln verstärkt werden? Wenn eine schlechtbehandelte Volksclaffe nur immer mehr zurückgestoßen und rechtlos gemacht wird, meint man, daß sie hierdurch gebessert werde, oder vielmehr durch das Gegentheil? Jndeß Haß und Vorurtheil kennen keine Logik, und wir vermögen daher auch nicht, diese den „Grenzboten" beizubringen, die sich hierin mit der „Neuen evangelischen Kirchenzeitung" in rührender Uebereinstimmung besinden. Kehren wir zum „Im neuen Reich" zurück. Der betreffende Artikel ist ganz ruhig gehalten, ohne jeden Anflug von Leidenschaftlichkeit; aber desto schärfer markirt sich die Tendenz. Er macht es von vornherein wie augenblicklich alle Judenfreffer. Sie sagen: die wachsende Antipathie im Volke sei eine „Thatsache" und zwar eine „nicht völlig erklärte". Da nun jeder vernünftige Mensch vor „Thatsachen" die Segel streicht, um ja nicht gegen Wind und Strömung zu steuern, so ist es um so bequemer, in diese „Thatsache" die gehässigsten Motive rinzuschachteln. Als ob die Geschichte dieses neuen Judenhaffes in Deutschland nicht klar zu Tage läge. Nach der Krisis, die 1873 über die ganze Welt und so auch über Deutschland gekommen, benutzten zuerst die Feinde des Reichskanzlers, des deutschen Reiches und der deutschen Gesetzgebung die Mißstimmung, um gegen jene zu agitiren, gegen den Liberalismus, um ihn zu verdächtigen und aus der Gesinnung des Volkes zu verdrängen, und gegen die Juden, die sie mit dem Liberalismus für identisch erklärten. Zuerst waren es die Agrarier und Schutzzöllner; 1) Sie All. isr. univ. wird jetzt von den Judenfeinden cifrigst benutzt, um daraus ein Schreckditd für das Volk, eine jüdische Verschwörung zu machen. Tie angeblichen „großen Mittel" der Alliance erreichen noch nicht jährlich 80,000 Frcs., von denen der allergrößte Thert aus die Gründung und Erhaltung von Schulen im Oriente verwendet wird. Alles, was die Adliance thut, wird veröffentlicht und liegt Jedermann zur Einsicht vor. alsdann bemächtigten sich die Ultramontanen dieser ganzen Methode; an diese schloffen sich die Pietisten, hierauf kamen entlaufene Radicale. Alle diese betrieben die Erregung des Haffes gegen die Juden von 1873 an systematisch, ununterbrochen, mit Aufbietung aller Kräfte. Niemand that etwas Ernstliches dagegen. Und nun kommen die Halbliberalen, sprechen von einer „Thatsache" und beugen sich behaglich vor dieser! Aus dieser Skizze geht aber hervor, daß es falsch ist, was der in Rede stehende Artikel sagt, daß in dieser neuen Judenverfolgung das religiöse Moment gar nicht mitspiele, sondern nur das rein sociale; vielmehr brauchen wir uns nur den Weg und die Parteien anzusehen, um zu erkennen, daß hier vvrzugsweise eine Mischung von Religiösem und Politischem 'vorliegt, eine Mischung, die bei Ultramontanen und Pietisten stets vorhanden ist, weil sie durch den religiösin Einfluß die politische Herrschaft anstreben. Das sociale Moment wird nur betont, weil dieses am tauglichsten zur Verschleierung dienen und dem Volke mundgerecht gemacht werden kann. Wir wollen aber nicht ungerecht sein und bemerken daher, daß die Ultramontanen und Pietisten insofern aufrichtiger als die abgefallenen Radikalen und Halbliberalen sind, daß sie offen liberal und jüdisch mit einander vereinigen, also ihr eigentliches politisches Ziel nicht verleugnen, was die Anderen wie echte Renegaten thun. Diese Bemerkung genügt fast, um den Artikel des bez. Wochenblattes zu charakterisiren, denn in seinem weiteren Verlaufe bringt er nur die alte Rede von der Capital- und der Preßherrschaft der Juden vor. Was hilft es, diesen Leuten zu zeigen, daß sämmtliche große Bankinstitute, bei denen die wirkliche Beherrschung des Geldmarktes liegt, nur in christlichen Händen sind und keinen einzigen Juden zum Beamten haben, so die deutsche Reichsbank mit ihren Filialen und den kleineren deutschen Banken, wie die Sächsische Bank zu Dresden, die Bayer'sche u. a., so die französische Nationalbank in Paris, so die große englische in London u. s. w.? Was hilft es, auf einen Langrand, De Kint, Philippart, Spitzeder u. s. w. hinzuweisen? Und die Herrschaft über die Presse? Auch unser Artikel weiß nichts weiter vorzubringen, als daß einige Berliner Zeitungen von Juden redigirt werden. Aber giebt es in Berlin keine Nationalzeitung, keine Vossische, keine Norddeutsche Allgemeine, keine Kreuzzeitung u. s. w., giebt es keine Augsburger Allgemeine Zeitung, keine Kölnische, keine Wesirzeitung und alle die tonangebenden großen Zeitungen in Deutschland und zahllose kleinere, die weder jüdische Redacteure noch Mitarbeiter haben? Und um schon Gesagtes zu wiederholen, zeigt es sich in diesem Wettlauf der deutschen Preffe gegen die Juden nicht „thatsächlich", daß sie nur einen sehr geringen Einfluß, ja das gerade Gegentheil von Herrschaft in der Preffe ausüben? Und endlich, sind denn die christlichen Zeitungsliteraten allein und ganz und gar Tugendhelden, Geistesbegabte, Nationalbegeisterte,