Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1879)
- Date
- 1879-12-09
- Page
- Seite 797 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227231-3227282--37669-3257088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
797 beim Umhertragen der Thora Pollak sie küssen wollte, habe Maier sie ihm tückisch entzogen, so daß Pollak bald umgefallen wäre. Der Präsident bemerkt, daß das ja sehr gemüthliche Vorgänge in einem Tempel seien. Darauf sagt Doch: „Deßwegen war eben der Aerger. Erft war ein Gelächter und dann hat man sich geärgert." Der Zeuge giebt weiter an, daß nur zehn Personen anwesend waren, knapp so viel, als zum liebet nothwendig sind. „Das ist doch merkwürdig," meint der Präsident. „Gott wird doch auch das Gebet von neun Personen annehmen." Toch antwortet: „Beten darf jeder für sich, nur zum öffentlichen Gebet müssen wenigstens zehn sein." — „Ist das vorgeschriebenV* fragt Ober-Landesgerichtsrath Gernerth. „Ja", sagt Toch, „in der Thora." Aber der Vertheidigcr Pollak's. Dr. Elias, berichtigt sachverständig den Zeugen: „Das ist nicht richtig, das steht nicht in der Thora." Dr. Neud a, Vertheidigcr Maier's, fügt die Vermuthung hinzu, daß dies im Talmud angeordnet sei. Aber Toch läßt sich die Anzweiflung seines Willens nicht gefallen. „In der Bibel," erklärt er, „ist zu lesen, wie Abraham zu Gott gebetet hat, als Sodom und Gomorrha zu Grunde gegangen sind (sich unterbrechend) — es wäre da viel zu erzählen, aber dort steht's." Marcus Mayer, ein 74jähriger Mann, erscheint als Zeuge; er hält seinen Hut unter dem Nocke verborgen und zittert so sehr, daß der Präsident zu seiner Beschwichtigung sagt: „Ich thue Ihnen ja nichts." Der Zeuge versichert, daß er gar nichts gehört habe, er sei ein so alter Mann. Nicht viel werthvoller ist die Aussage des 09jährigen Jacob Fischer, der mit einer Krücke in den Saal tritt. Derselbe giebt an: „Ich habe sonst nichts gehört, als daß der Pollak von dem Platz weg ist', ohne die mindeste Beleidigung auszusprechen." — Sonst haben Sic nichts gehört? fragt Ober-Landesgericht§- rath Gernerth. — Zeuge: Sonst habe ich nichts gehört. — Ober-Landesgerichtsrath Gernerth: Dann haben Sie gar' nichts gehört. Der Zeuge Moritz Oeftereicher theilt mit, er habe Maier sowohl als Pollak etwas reden hören, er habe aber nicht verstanden, was. Der Präsident erklärt sich dies, indem er sagt: Nun ja, es kommt vor, daß die Israeliten dieser Kreise die Worte verschlucken, so daß man es nicht ganz versteht. — Ober-Landesgerichtsrath Gernerth antwortet jedoch: Untereinander verstehen sie sich schon. Der Zeuge Moritz Valentin hörte, wie Pollak den Vorleser einen Poscheh Israel nannte, und findet darin eine sehr arge Beleidigung. — „Was bedeutet beim das?" wird er gefragt. — „Das ist sehr viel," „erwidert er, „ein Poscheh Israel kann ja gar kein Schächter sein." Endlich wird Wolf Keßler, Soldat im 5. Infanterie- Regiment, vernommen. Derselbe ist aus dem Zipser Eomitat, spricht eine Mischung von jüdischem und schwäbischem Dialect und stößt mit der Zunge an. Nachdem er eine Weile gesprochen hat, sagt der Präsident: „Nicht den zehnten Theil , habe ich verstanden." (Gelächter). Ein Antrag des Dr. Elias auf Vorladung von Sachverständigen, welche den Ausdruck „Poscheh Israel" glaubwürdig erläutern und außerdem darthun sollen, daß zur Zeit des Streites keine eigentliche Neligionsübung stattfand, wird abgclehnt. Der Gerichtshof spricht beide Angeklagte schuldig und verurtheilt Moritz Maier zu einer Woche, Leopold Pollak zu drei Tagen Arrests. Bei Beiden wird als mildernd angenommen die Unbescholtenheit und der kleine Kreis der Anwesenden, bei Maier als erschwerend, daß er seine Pflicht als Vorbeter verletzte, bei Pollak als mildernd, daß er provocirt tvurde. Zlnz eigen. sind ausschliesslich au die Aniioiiccn-KxpedHion von Rudolf iJ!'flösse in Leipzig oder deren Filialen in Merlin, Krcslau, Cliciiinil/., Cöln siRli.. Dresden, Frankfurt ufl., Halle aS., Hamburg;. London. ^Magdeburg, Hänchen. Xumher», Daris, Prag, Strassbiirg i K., Wien, Zürich zu adresslren. I n li Hier er Filial Gcmei nöt M assor i it | Einstaatl. geprüfter, seminaristisch gebildeter (^lernentur- Pommern ist die Stelle des Cultusbenmten und Neli^ionslelner, der zugleich geübter Prediger und ausgezeichneter Vorbeter, sucht, gestützt auf glänzende Zeugnisse, dauernde Stellung in einer größeren Gemeinde. Offerten besorgt Herr litulolf Masse, Leipzig sub C. 13090. (131)90) Zur Haushaltung und Kinderbcivahrung. Für ein 20jähr., gut erzogenes Mädchen jüd. Eonfession, wirthschaftlich und geeignet, Schulkindern nachzuhelfcn, wird in einer jüd. Haushaltung ein Dienst als Stütze der Hausfrau und bez. oder bei Kindern gesucht, tvobei weniger aus Lohn, als aus entsprechende Behandlung reflectirt wird. (B. 13259) Köthen i. Anh. 8. A. Wolff. mit einem Gehalt von M. b(M), Miethsentschädigung - und sonstigen Nebeneinkünftcn vacant. Schriftliche Meldungen nimmt entgegen das Vorstandsmitglied Hirsch in 3lassor. Kant/avd, 2i». November 1^79. (13025) Der Vorstand der LynagogenHemeinde. Tie israelitische Religions-Gemeinde Bad Nauheim ttÄftöftS beter, und Lchochet. Gehalt 70U M. Nebenverdienste incl. Schechita 500 M. Abschrift der Zeugnisse genügt. (F. 12659) Per Vorstand.