Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1879)
- Date
- 1879-12-09
- Page
- Seite 794 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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794 Beerdigung statt. Acht Gräber waren nebeneinander gegraben von denen jedoch sieben mit Holzwerk verdeckt waren, da der israelitische Nitns vorschreibt, daß nicht mehr als eine Leiche auf einmal auf demselben Kirchhof beerdigt werden darf, vielmehr muß ein Grab erst vollständig mit Erde bedeckt und mit einem Hügel versehen sein, ehe eine zweite Beerdigung vorgenommcn werden darf. Dem entsprechend wurden auch in diesem Falle die Leichen einzeln von der Halle geholt und einzeln unter großem Menschenandrange beerdigt. In Folge dieses Vorganges wurde es fast vier Uhr Nachmittags, ehe die letzte Leiche hinabgesenkt war. Die Reihenfolge derselben war folgende: Frau Levy, deren beide Töchter, die 12jährige Tochter des Schlachters Mündheim, das Dienstmädchen Lisier und endlich die drei Töchter des Agenten Behrens in Hamburg. Mehrere Verwandte der Verunglückten wurden durch die traurige Feierlichkeit so ergriffen, daß sic während derselben ohnmächtig wurden und in ein nahegelegenes Haus gebracht werden mußten, wo sie sich erst nach längerer Zeit wieder erholten. Der Vater der drei verunglückten jungen Mädchen, Behrens, war bei der Beerdigung nicht zugegen, da man für seinen ohnehin schon auf das Aeußerste aufgeregten Zustand fürchtete. — So lief empfindend die Predigt des Oberrabbiners I)r. Stern war, so befremdete doch Manchen der Anwesenden eine am Schluß der Rede gebrauchte Wendung, durch welche er die Glaubensgenoffen aufforderte, häufig die Thora zu studiren und in Andacht zu ihm zu kommen, um ein wahres Gvttdertrauen zu erlangen, damit in Zukunft solche Unglücksfälle verhütet werden. — Frankreich. Paris, 20. November. Mach den Arcli. isr.) Eine in jeder Beziehung höchst wohlthätige Anstalt ist in diesen Tagen in Paris inaugurirt worden, nämlich ein Haus für israelitische Studenten und Arbeiter, wo sie Wohnung und Kost für einen höchst mäßigen Preis erhalten, so daß sie materiell mehr als ein Drittel ersparen, und moralisch den Versuchungen einer Stadt wie Paris entzogen sind. Eine Schlafstätte im großen Saale oder in einem besonderen Zimmer, ein großer Saal mit Bibliothek, wo Jeder arbeiten kann, im Winter erheizt und erleuchtet, der zugleich zum Refectorium dient. Alles in größter Ordnung und Sauberkeit. Durch Spenden ist die Meublirung der Räume und ein gewisses Betriebscapital geschafft worden. — Wie wir bereits berichtet, soll in Paris eine literarische und wissenschaftliche Gesellschaft zur Entwicklung der jüdischen Wissenschaft in Frankreich unter dem Vorsitz des Barons James v. Rothschild gebildet werden, und fand eine dessallsige Versanunlung am 10. d. statt, zu welcher sich ungefähr 5l > Personen eingefunden hatten. Ein ähnlicher Verein hatte sich früher auf Veranlassung des Herrn Rodrigues gebildet, der jedoch nach einiger Zeit verschwand. Schließlich wurde ein Comitö von 7 Mitgliedern gewählt, um ein Statut auszuarbeiten. — Wieder ist ein Officier israelitischer Religion ehrenvoll avancirt. Rathaniel Theodor Fix, Schwadron-Ches der Artillerie, wurde zum Obristlieutnant ernannt. — Rach dem Bericht des Municipalrathes von Paris haben die der Stadt gehörenden, dem israelitischen Eultus geweihten Grundstücke (2 Synagogen, der Consistorialtempel und der spanisch portugiesische, gehören nicht dazu) einen Werth von 4,422,570 Frcs. Holland. Amersfocrt, im November. Bor Kurzem starb hier ein sehr begüterter Israelit, Abrahamson. Derselbe bestimmte vor seinem Tode die Summe von 80,000 Gulden zur Gründung eines neuen Hospitals in Jerusalem. Unter seinen Legaten befindet sich nun auch eines von 100,000 Gulden, welche das Palästina-Comito in Amsterdam an die verschiedenen jüdischen Wohlthätigkeits-Anstalten in der h. Stadt vertheilen soll. Rumänien. Bukarest, 22. November. Wie der Pester Lloyd meldet, ersuchte die rumänische Negierung das österreichische Ministerium des Aeußeren um seine Vermittelung bei den Mächten, damit die Unabhängigkeit des Fürstenthums anerkannt werde. Freiherr v. Haymerle erwiderte daraus, man möge ihm einige thatsächliche Mittheilnngen machen, deren er bedürfe, um seine vermittelnde Thätigkeit mit Erfolg beginnen zu können. — Wenn diese Nachricht sich bewahrheitet, so nimmt sie eine große Bedeutung in Anspruch. Sie zeigt zunächst, daß die Signatarmächte, nämlich Deutschland, Frankreich, England und Italien, das von den rumänischen Kammern sabricirte Gesetz als eine Ausführung des Berliner Vertrages nicht anerkennen und deshalb die Unabhängigkeit noch nicht zugestehen wollen. In der Antwort des österreichischen Ministers liegt uns der Beweis vor, daß derselbe doch die blinde Zuneigung des Grasen Andraffy für die Rumänen nicht ganz theilt, und zugleich eine seine Ironie. Denn was für „Thatsachen" können angeführt werden? Daß man die 600 Soldaten, ohne sie zu fragen, mit der Gleichberechtigung begnadigte? Oder die 170 Israeliten, welche die Naturalisation nachgesucht haben sollen? Diese individuelle Naturalisirung war eine zu plumpe Ausflucht, da sie das gerade Gegentheil von einem Recht ist. Sie hat es den Mächten geradezu unmöglich gemacht, ihre Sanction zu geben, die sich vielleicht mit Kategorien, die doch immer ein Stückchen Recht gewährt hätten, zufriedengegeben haben würden. — Daß übrigens die Rumänen auch gewisse Ausnahmen machen können, wo es ihnen beliebt, erweist sich daraus, daß der jüdische Vanquier