Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1879)
- Date
- 1879-12-09
- Page
- Seite 792 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227231-3227282--37662-3257081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
792 gesunden Sinn dadurch, daß es sich von ihnen nicht beeinflussen ließ, wozu ihnen auch die rechten Gaben fehlten. Uebrigens erinnern wir an die Behauptungen neuerer christlicher Forscher, welche Philo als den eigentlichen Ausgangspunkt-des Christen- Lhums in dessen weiterer Richtung erweisen^ wollen und wie sich die jüdischen SybiLinen in die christlichen verliefen, um bewußt zu werden, wohin diese Verknotung des Hebraismus mit dem Hellenismus führte. (Schluß folgt.) ^belfciui/Cj 6uocc(atbc(dteih. Deutschland. Berlin, 27. November. (Privatmitth.) Hier ist allmälig wieder Stille eingetreten. Die Versammlungen, in welchen die „Judenfrage" discutirt wird, haben aufgehört, in Folge dessen auch die Zeitungsartikel, und so wird auch das Kleingewehrfeuer der Broschüren verschwinden, weil Niemand mehr nach ihnen verlangt. Die Gegner haben ihr stärkstes Pulver verpufft, und es hat sich ergeben, daß unsre Zeit weder für Pöbelhetzen noch für ungerechtfertigte Beschränkungsgesctze geeignet ist. Allerdings wird noch eine längere Zeit die Verstimmung gegen die Juden nachwirken; das alte deutsche Vorurtheil gegen uns ist wieder geweckt und so etwas ist wie ein Rauch schwälender Kohlen, der nicht zündet, aber die Augen beißt und zum Husten reizt. Unsre sociale Stellung ist dadurch wieder erschwert, aber das muß ertragen werden. — Und doch hätten wir Deutsche, wenn wir rings in's Ausland schauen, den meisten Grund, jedes blinde Vorurtheil gegen eine ganze Menschenclasse als ein schweres Unrecht, als unverdient und schädlich zu erkennen und zu verbannen. Denn die Deutschen stoßen in vielen Ländern auf solches allgemeine Vorurtheil gegen sich unb zwar nicht blos im Westen, sondern auch ganz besonders im Osten Europas. Ich las dieser Tage die 187<> erschienene „Türkische Reise von Braun-Wiesbaden." Er klagt überall über die Abneigung gegen die Deutschen, die in sännntlichen Donauländern, von Ungarn bis an die Sulinamündung, herrscht, wo man den Deutschen mit „Schwöb" benamset, und in dieses Wort fast Gehässigkeit drängt. Die Deutschen theilen hier das Schicksal der Juden. Er erzählt z. B. (B. 1. S. 204) eine Unterhaltung mit einem in Rumänien wohnenden Serben. Er verschrie die gegenwärtige rumänische Negierung „als reactionär und judenfreundlich". Nach seiner weiteren Aeußerung zu schließen war „Juden" nur ein „Euphemismus." Er meinte die Deutschen, und enthielt sich dieses Wortes aus Rücksicht auf mich." So Braun. Und doch. bemerkt er wiederholt, könnte den Rumänen und Serben keine größere Wohlthat geschehen, als daß Deutsche sich in diesen Ländern niederlicßen und die Einwohner derselben von ihnen eine sorgfältige Landwirthschaft, z. B. auch den Weinbau, und Sitte und Fleiß lernten. Aber Braun warnt die Deutschen auf's Nachdrücklichste, hier einzuwandern. da sie von den feindseligen Gesinnungen der Nachbarn nur Schaden und Gefahr zu erwarten hätten. Gleicht dies nicht auf ein Haar den deutschen Vorurtheilen gegen die Juden? Die Motive solcher Gehäßigkeit bleiben sich überall gleich. An einer anderen Stelle (S. 170) sagt Braun: „das serbische Recht verbietet den Ausländern hier, Häuser zu kaufen. Die Spitze dieses Verbots richtet sich wider die Juden, die man überhaupt in allen Donauländern mit einer Gehässigkeit behandelt, welche um so weniger gerechtfertigt ist, als man sie doch für Handel und Wandel überhaupt gar nicht entbehren kann." Dennoch hat die enropäische Preffe während der letzten Kammerverhandlungen in Rumänien den Schmähungen der Rumänen Glauben geschenkt und die Sache des Rechts im Stich gelaffen. — Ihre Bemerkung hinsichtlich der „Germania" in Nr. 48 mag für die letzten drei Wochen richtig sein; jetzt hat sie wieder gegen die Juden zu keifen angefangen. Sie erzählt wieder „Juden-Stückchen," die freilich unter den zahllosen Nicht-Juden-Stückchen, besonders Defraudationen öffentlicher Kassen, Diebstählen und Mordthaten nicht gar zu auffällig erscheinen. Auch humoristische Grimaffen versucht sie, die ihr jedoch wie einem alten Weibe stehen. Ihre Hauptsache bleibt die Behauptung, daß die Juden die Vorkämpfer im Culturkampfe gewesen. Dieser von ihr oft wiederholten, aber niemals erwiesenen Behauptung kann man die Frage entgegenstellen: Wer sind denn die Cultur-Vorkämpfcr in Belgien? wer in Frankreich? iver in Italien? wer waren die Culturkämpfer unter den Hohenstauffen? unter Karl V.? unter Philipp II.? in der Reformation? unter Ludwig XIV.? unter den Jansenisten? in der französischen Revolution? Einen Kampf, der sich durch das ganze Mittelalter, die neue und die neueste Zeit zieht, hier in Deutschland, wo ein Bismarck, ein Falk an der Spitze standen, den Juden in die Schuhe schieben zu wollen, ist gar zu lächerlich. Jndeß dies wissen die Gelehrten der „Germania" so gut wie wir; aber es gilt ihnen nur in jeder möglichen Weise das Volk aufzuhetzen, und da kommt es solchen Leuten nicht auf eine Verdrehung der Wahrheit mehr an. Dagegen müffen wir es der „Neuen Evang Kirchenzeitung" anrechnen, daß sie, so sehr sie sonst den Angriffen Marr's zustimmt, doch hervorhebt, daß dieser sich nur von „Haß" leiten .läßt. Damit ist aber auch Alles gesagt. Denn „Haß" verblendet, Haß läßt das Weiße schwarz sehen, des Haffes Behauptungen,stnd, unbegründet und ungerecht. Darum würde dieser Patron des