Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1879)
- Date
- 1879-12-09
- Page
- Seite 790 (sequence 6)
- Language
- German
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790 Zunächst spricht Renan von dem Ursprung des Talmuds, d. h. der Mischna, denn über die Gemara im Besonderen handelt er nicht. Wenn er hier mit Recht bemerkt, daß in allen Religionen „das heilige Buch durch die Commentarien stets erstickt werde" so geht er doch hinsichtlich des Talmuds zu weit, wenn er sagt: „Es handelte sich in der That nicht mehr darum, den Willen des Gesetzgebers gut zu verstehen, sondern vielmehr dämm, in der Bibel um jeden Preis Argumente für die traditionellen Entscheidungen zu finden, Verse, an welche man die empfangenen (re^us) Vorschriften knüpfen konnte." Ist dies im Einzelnen wahr, so sind doch unleugbar die großen Impulse für die traditionelle Durcharbeitung vom mosaischen Gesetz ausgegangen, sie baut sich auf demselben auf und verfolgt nur die Richtungen, die dieses gegeben. Die jüdische Tradition vermittelte das Gesetz mit dem Leben, band aber auch dieses an jenes und erhielt es in lebendigem Fluß. Deshalb sollte sie auch nicht durch das Wort firirt werden *), und hiervon drängte sie erst das Bedürfniß im zweiten Jahrhundert der gew. Ztr., also verhältnißmäßig sehr spät ab. Dadurch wurde das Gesetzbuch intact und in seiner Autorität erhalten, die es bis auf den heutigen Tag besitzt. Renan läßt sich hier von seinen Vorstellungen aus der katholischen Kirche leiten. Auch hier gilt die Tradition, aber sie hat in der Kirchenlehre, im Ritus und im canonischen Recht sich völlig vom Evangelium getrennt, und dieses der Laientvelt gänzlich aus der Hand genommen, während die Thora, die Propheten und Hagiographen noch heute daS Eigenthum der jüdischen; Masse sind, die Liturgie beherrschen und den religiösen Pulsschlag des Judenthums bilden. Ein zweiter Vorwurf, der Renan trifft, besteht darin, daß er in seiner Beurtheilung des talmudischen Schriftthums die Agada völlig übergeht, sowohl so weit sie in der Gemara als auch in der eigentlichen Midrasch-Literatur sich vorfindet. Wenn er auch beiläufig von „trefflichen Maximen und kostbaren Perlen, die sich in dem Wortschwall des Talmuds vorfinden", spricht, so faßt er doch lediglich die halachische Bearbeitung des Gesetzes in's Auge, und bricht darüber seinen ästhetischen nnd intellectuellen Stab. Aber der Midrasch enthält mehr, als ein paar „Maximen und Perlen", er ist eine ausgedehnte und nicht selten hochpoetische Bearbeitung der Gotteslehre, der Sittlichkeit, der Lebens-? erfahrung nach allen Richtungen hin; er ist der Ausfluß der Gefühlswelt und der Einbildungskraft in der jüdischen Volksseele, und wenn uns auch der Midrasch kein episches und dramatisches Kunstwerk liefert, so ist er um so reicher an lyrischen', und epigrammatischen kleinen Meisterwerken. Wer nicht ein-? seitig das nachbiblische Schnftthum der Juden nach der Halacha allein, sondern nach ihrem gesammtcn Wesen und Charakter beurtheilen will, hat wahrlich an dem Midrasch ein 1) 5 Mos. 4, 3; 13, i. reiches und ergiebiges Material, um zu einer Gesammtanschauung zu gelangen,! dre, besonders mit Beachtung des Zeitalters und desien Charakters, durchaus nicht ungünstig ausfallen wird. Renan sagt (p. 245): „Es gehört zu den außerordentlichsten Phänomenen der Geschichte, das gleichzeitige Erscheinen des Talmuds und des Evangeliums in derselben Race, eines kleinen Meisterwerks von Eleganz, Leichtigkeit, moralischer Feinheit und eines schwerfälligen Monuments von Pedanterie, erbärmlicher Casuistik und religiösem Formalismus. Diese beiden Zwillinge sind sicherlich die beiden unähnlichsten Geschöpfe, die jemals aus dem Schooße derselben Mutter hervorgegangen. Etwas Barbarisches und Unfaßbares, eine trostlose Verachtung der Sprache und Form, ein gänzlicher Mangel von Auszeichnung und Talent machen aus dem Talmud eines der abstoßendsten Bücher, die existiren." Wir muffen gestehen, daß ein „abstoßenderes" Urtheil über ein großes Schriftwerk der Vergangenheit uns nicht vorgekommen. Renan hat hier offenbar wieder einmal aus einem augenblicklichen Gedanken „einen Ritt in's wilde romantische Land" gemacht. Dabei hat er jeden geschichtlichen Standpunkt verlaffen und dies ist für einen Geschichtsforscher eine Niederlage, Renan muß doch als solcher, da sein ganzes Werk über den „Ursprung" des Christenthums handelt, auch den Ursprung des Evangeliums kennen, und da müßte er einsehen,, daß das Evangelium nur ein Ausfluß der jüdischen Agada ist, die im Talmud und Midrasch noch eine so weite und reiche Strömung hervorbrachte. Alles, was er am Evangelium rühmt, kann mit demselben Rechte von der ganzen Agada gesagt werden, und da diese Agada wesentlich zum talmudischen Schriftthum gehört, so ist jene Gegenüberstellung vollständig unberechtigt. Beurtheilt er einmal das Evangelium vom ästhetischen Standpunkt, so mußte er sich erinnern, ivie sehr er im vorhergehenden Capitel das Buch Tobiä gerühmt, und dies ist ebenso nur ein Erzeugniß der Agada, nur daß im Evangelium mehr dem Midrasch entstammte Gleichnisse eingestochten sind. Nichts kann daher mehr verwundern, als bei einem Gelehrten, der den Talmud zu kennen vorgiebt, die Aufstellung des Evangeliums als eines ganz besonderen, getrennten, dem „Talmud" gegenüberstehendcn Products des jüdischen Geistes, tvährend es doch nur ein. Glied aus der großen agadischen Kette ist, zu der auch schon Philo gehörte, und die sich noch über Jahrhunderte ausdehnte') und vom Talmud gar nicht trennbar ist. — Und nun die Halacha! Kennt Renan das römische Recht gar nicht? Hat er niemals einen Blick in das Corpus juris; geworfen? Und wenn, wie wir nicht ztveiseln, ist ihm, einem 1) Bei genauerer Prüfung kann es z. B. nicht zweifelhaft sein, 'daß die allegorische Auslegung des Philo nichts Anderes als Midrasch ist? wie ihn selbst noch heute die polnischen Magidim! pflegen. Ta Philo von der traditionellen Entwicklung keine Kennt- - niß hatte, so ersieht man hier so recht die naturwüchsige Entfaltung > des jüdischen Geistes.