Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1879)
- Date
- 1879-12-09
- Page
- Seite 789 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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789 Wirkungskreis nicht einmal unter ihren Glaubensgenossen darbot. Wer die Pflege des Geistes hintenansetzt, dem fehlt er in der Zeit, wo er dessen am meisten bedarf. Lrnfl Renan's neueste Schrift. IV. In der Einleitung zum ersten Bande seines großen Werkes, von welchem wir jetzt den sechsten vorliegen haben, bemerkte Renan, daß er zur Verificirung seiner Citate aus dem Talmud sich der Beihülfe des Herrn Adolph Neubauer bedient habe. In den 16 Jahren, die seitdem verflossen, hat Renan in der Kenntniß des Talmuds unzweifelhaft Fortschritte gemacht und häufige Anführungen, die nicht alle den Schriften Neubauer's '), Derenburg's") und Grätz' entlehnt sind, obschon er andere Werke über den Talmud nicht gekannt oder doch nicht beachtet zu haben scheint, zeigen, daß er auch auf diesem Felde erfolgreiche Studien gemacht. Dennoch müssen wir zu unserm Bedauern sagen, und der Beweis wird sich im Weiteren ergeben, daß Renan sich von dem Wesen, dem Charakter und der Tendenz des Talmuds eine richtige und tiefergehende Anschauung nicht erworben hat. Seine Betrachtung bleibt auf der Oberfläche stehen, und fein Uriheil ist durch einen einseitigen Gesichtspunkt befangen. Unsere Leser, besonders diejenigen, welche unsren verschiedenen Abhandlungen über den Talmud 1 2 3) einige Beachtung geschenkt haben, wissen, daß wir nicht jener Apologetik huldigen, welche nur die unbedingte Verherrlichung des Talmuds beabsichtigt, und die einentheils der wissenschaftlichen Erkenntniß dieses bedeutsamen Schrifttverkes nur hinderlich ist, anderntheils entgegengesetzte Uriheile hervorruft. Um so mehr Vertrauen wird man uns in der Besprechung der Renan'schen Kritik schenken. Was von vornherein Renän eine gerechte Beurtheilung des Talmuds durchaus erschwerte, wenn nicht unmöglich machte, war, daß er eben über den Fortbestand des Judenthums, wie wir gezeigt haben, eine sehr dürftige Meinung hatte, und daß ihm deshalb die Tendenz des Talmuds eine schiefe, verkehrte, zu verurtheilende erschien. Wir wollen dies hier nur mit wenigen Strichen zeichnen. Die Tendenz der traditionellen Entwicklung des Gesetzes, wie sie nicht erst seit dem eigentlichen Talmud, sondern seit ihrem Beginn in der „großen Synagoge", also Jahrhunderte vor dem zweiten Falle Jerusalems, vorherrschte, und immer consequenter sich ent¬ 1) La Göograpliie du Talmud. Paris, 1868. 2) Hist, de la Palestine depuis Cyrus , jusqu’ä Adrien d’aprös les Thalmuds. Paris, 1867. Jleianges de l’Ecole des hautes etudes. Paris, 1878. 3) S. besonders „Zur Charakteris'ik des Talmuds" in „Weltbewegende Fragen" B. II. S. 349 ff. faltete, war: die Erhaltung des Judenthums, die Erhaltung der Juden für die monotheistische Lehre. Die^e Erhaltung war in der Mitte der heidnischen Völker, bei der Suprematie solcher über die Juden, schon in Palästina selbst, alsdann in der Zerstreuung, bei den unaufhörlichen Einflüssen, welche das Leben unter der Herrschaft der Heiden auf die Bekenner des Judenthums üben mußte, allein möglich durch das Gesetz, durch die Entfaltung und Stärkung aller durch das Gesetz begründeten oder zu begründenden Lebensnonnen möglich. Nur innerhalb dieses umgrenzten Gebietes konnte ihrerseits die monotheistische Lehre mit allen ihren Consequenzen gepflegt und unverändert erhalten werden. Sobald dieser Zaun entfernt worden wäre, hätte sich auch die monotheistische Lehre verflüchtigt und verloren; sie wäre nicht das Eigenthum eines Volkes, sondern nur einiger Denker geblieben, die bei der hereinbrechenden Völkernacht sich ebenfalls verloren hätten. Dies war die großartige Idee der traditionellen und später der talmudischen Entwicklung', dies ihr Beruf, ihre Aufgabe, die sie mit dem Aufwands außerordentlicher Geistesschärfe und einer nachahmungstvürdigen Hingebung löste. Man muß erwägen, daß hier nicht etwa Priester eine Fessel für das Volk schmiedeten, von der sie selbst frei waren und die sie für ihren Reichthum und ihre Macht verwendeten. Die Tausende, die _ in so vielen Geschlechtern in demselben Geiste und mit derselben Pflichttreue an diesem Werke arbeiteten, waren Männer aus dem Volke, und unterzogen sich eifrigst denselben Beschränkungen; sie erwarben sich Ansehen, aber keine Herrschaft; sie waren Voten und Vertreter der Volksseele, Ausfluß und Erfüllung derselben, Träger eines providentiellen Actes. Dies ist der alleinrichtige Standpunkt, von welchem der Talmud selbst, der, wie gesagt, nur das Resultat einer längst begonnenen Entfaltung war, seine Vorzüge und seine Schwächen zu beurtheilen sind, und diesen Standpunkt giebt uns die Geschichte selbst, sobald sie nur vorurtheilslos in's Auge gefaßt wird. Aber hierüber ist eben Renan sich durchaus nicht klar geworden. Obschon ihm dann und wann die Ahnung aufgeht, daß das weiterbestehende Judenthum einen, besonderen Zweck, ein eigenthümliches Leben gehabt und habe, so schwankt er immer wieder davon ab, hält es,!vie auch den ganzen Islam, neben dem Christenthume für überflüssig, und sieht deshalb in der durch das talmndische Gesetz bewirkten Jsolirung nur Nachtbcil und Verfinsterung. Er hat keinen Begriff davon, daß in einer festen Wurzel und dem mächtigen Nest eines abgehauenen Baumes noch eine Lebenskraft besteht, welche mit unwiderstehlicher Gewalt und im einfachsten Naturtriebe von innen heraus einen neuen, starken und reichen Stamm hervorschießen läßt, der seine Aeste und Zweige, seine Blüthen und Früchte treibt, und wie er ist, nur vom Vorurtheil für ein todtes, abgestorbenes Reis erklärt werden kann. Dies ist es, was wir unsre Leser im Bewußtsein zu halten bitten.