Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1879)
- Date
- 1879-12-09
- Page
- Seite 788 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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788 gegraben, sie wollen sich jetzt die Hände in Unschuld waschen, und „neutral" sein! Das ist, als wenn Jemand ein falsches Zeugniß ausgesagt hat, und nun dem weiteren Verlauf der Verhandlung „neutral gegenübersieht". Jndeß muß selbst dieses neue Gebühren eine Erklärung haben. Wir finden sie darin, daß die Urheber des ganzen Vorganges am meisten im Auge hatten und haben, den von ihnen gepredigten Judenhaß in die Kreise des „Volkes" hineinzutragen. Sie haben hierfür durch ihre Presie Anstrengungen genug gemacht. Da diese aber doch nur einen umgrenzten Kreis von Lesern hat, war cs ihnen um so genehmer, daß die pietistische Partei die weitere Rolle übernahm, und da sich hierzu noch einige ehemalige „Radicale" gesellten, glauben die Ultramontanen vorerst schweigen, oder, wie sie sagen, sich „neutral" verhalten zu können. Jndeß sind der Anzeichen bereits genug vorhanden, daß auch diese beiden Elemente sich erschöpft haben, ohne daß sie etwas Anderes als eine gewisse Stimmung Hervorrufen konnten. Hoffen wir, daß sie Alle endlich die eigentliche Wirkungslosigkeit ihrer Machinationen einsehen und daß Diejenigen unter ihnen, die sich aus dem Judenhaß ein Brod schaffen wollten, dieses sich wieder unter der Hand entschwinden sehen. — Während der jüngsten Vorgänge haben wir mehrmals die Frage gehört: Wo bleiben denn die echten und rechten Kämpen, die sich der Geschmähten annehmen und die Gegner mit Erfolg zurückwerfen? Wo sind die Nieffer, Zunz *), Jost'-') Veit"'), Salomon *) und viele Andere, worunter man auch den Schreiber Dieses^) zu nennen beliebte, die in früherer Zeit mit ganzem Gewicht eintraten und den Kampfplatz behaupteten? Es sind zwar Vertheidigungsschriften genug erschienen, aber ohne entschiedene Wirkung, tvie man meint, und es ist schon bezeichnend, daß die meisten dieser Gegenschriften pseudonym 1) oo Z un z, Namen der Juden. Leipzig, 1837. Beleuchtung der Theorie du Judaisme. Berlin 1830. Damaskus, ein Wort zur Abwehr. Leipzig, 1840. 2) So Jost, Was hat Herr Chiarini ff. Berlin, 1830. Offenes Sendschreiben an Karl Streckfuß. Berlin, 1833. Legislative Fragen ff. Berlin, 1842. :;) So Moritz Veit, der Entwurf einer Verordnung ff. Berlin, 1847. 4) So Gottbold Salomon schon 1817 (2. Aust.) mit I. Wolf, der Charakter des Judenthums gegen Rühl und Fries (Leipzig), Briese und Sendschreiben an A. T. Hartmann, Altona, 1835, gegen Bruno Bauer, Hamburg, 1843. " 5) Außer den polemischen Artikeln in dieser Zeitung: Wie verloren die Juden das Bürgerrecht im oft- und weströmischen Reiche? mit den Eonscquenzen für die Gegenwart, Berlin, 1832; die Juden, ihre Bestrebungen und ihre Denüncianten, Magdeburg, 1838. Wie sich der Statistiker Sraassralh vr. Hoffmann verrechnet! Leipzig, 1842. Der Namps der preußischen Juden für die Gewissensfreiheit, Magdeburg. 1856. Gegen David Friedrich Strauß, Berlin, 1873. Als Marr sein Pamphlet hatte erscheinen lassen, richtete eine Buchhandlung den Antrag an uns, eine Gegenschrift adzufassen. Wir lehnten denselben ab, da uns dieses Mannes Gesinnung, Ansichten und Kampfesweise nicht solche schienen, mit denen in nur anständiger Weise ein Streit auszufechten wäre. auftraten. Der Ursachen dieser Erscheinung giebt es mehrere, und wir wollen sie nicht verschweigen. In früherer Zeit handelte es sich vorzugsweise um Rechtsfragen, und die Gegner waren in der Regel wiffenschaftliche Männer, Schriftsteller von sittlichem Charakter, also ein Gebiet und Gegner, wo und mit denen es sich discutiren ließ. Gründe und Gegengründe wurden abgewogen, und Logik und Recht behielten das letzte Wort. Kam es doch vor, daß Gegner später unumwunden ihren Jrrthum eingestandcn, wie z. B. Geheimrath Streckfuß. Von allem Dem jetzt das Gegentheil. Man hat sich einfach die Schmähung, die Verleumdung, die Verdächtigung, die unbegründetsten Vorurtheile, die Uebertreibung in's Ungeheuerliche zum Kampfplatz gemacht, und diese gemeine Leidenschaftlichkeit, die von unserer Seite mit gleicher Münze nicht bezahlt werden kann, läßt auch keine Entgegnung und Widerlegung zu, da sie solche theils mit Stillschweigen übergeht, theils verdreht und mit Wortschwall erstickt und immer wieder mit denselben Behauptungen unentwegt wiederkehrt. Was läßt sich mit solchen Gesellen anfangen? Aber cs liegt noch ein Anderes zu Grunde. Die Juden haben im Allgemeinen der jüdischen Literatur den Rücken gekehrt. Jede Bearbeitung eines jüdischen Stoffes, sei sie wissenschaftlich oder populär, wird mit solcher Gleichgültigkeit behandelt, daß sie gar keine Verbreitung findet. Während unsre Glaubensgenossen der allgemeinen Strömung des Lesepublicums bis in ihre traurigsten Ausläufe willig folgen, haben sie für Arbeiten auf dem Gebiete, das sie als Bekenner des Judenthums intercsstren müßte, nicht das geringste Interesse. Jene Neichen unter den Juden, für deren Existenz und Fehler wir Alle zu leiden haben, was thaten sie je für jüdische Geistesthätigkeit, Literatur oder Wissenschaft? Wir wollen nur ein Beispiel hervorheben, und wir können es an dieser Stelle thun, weil Niemand, der unsre vicljährige literarische Thätigkeit kennt, uns der Unbescheidenheit zeihen wird. Es giebt wohl in Deutschland wenige Orte, an denen Casinos, gesellige Vereine mit Lesezimmern, Lesecirkel u. s. w. bestehen, an welchen nicht dort wohnende gebildete Juden Theil hätten. In diesen Lesezimmern liegen in der Regel Zeitschriften aller Parteien, aller politischen und religiösen Parteien auf. Wo aber haben jemals die jüdischen Mitglieder gewünscht und bewirkt, daß die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" auch ausgelegt werde? Und doch ist diese, wie es z. B. eine Autorität, wie Geheimrath Professor v. Svbel, von der Tribüne des preußischen Abgeordnetenhauses anerkannte, ein Organ, .das auf der Höh« der Bildung und Wissenschaft sieht, und durch welches die Kenntniß und richtige Beurtheilung des ( Judenthums und der Juden sehr wohl verbreitet und dadurch . falschen Ansichten im Voraus die Spitze abgebrochen werden , könnte. Durch diese Vernachlässigung ist es gekommen, daß ^aus de» jüngeren Generationen sich die befähigteren Federn j der jüdischen Literatur entzogen, die ihnen einen größeren