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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-12-09 · Heft 50 (9.12.1879) · p. Seite 787

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 50 (9.12.1879)
Date
1879-12-09
Page
Seite 787 (sequence 3)
Language
German
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787 in einer Weise gehandelt wird, die sich kein jüdischer Autor erlauben würde. Kann man hierfür die ganze deutsche Nation verantwortlich machen? Gleiches findet bei den Franzosen und Engländern statt, sind deshalb diese Franzosen und Engländer insgesammt des nationalen Geistes baar zu erklären? — Es folgen nun die allbekannten Beschuldigungen: die Juden sollen Schuld sein an dem Lug und Trug, der in der deutschen Industrie Platz gegriffen, an dem Mangel an Arbeitsfreudigkeit, der zum Socialismus führt. Es sind dies nichts Anderes als die alten Beschuldigungen der Brunnenvergiftung, der Hostienentweihung, der Schuld am „schwarzen Tod" u. s. w. in neuer Gestalt. Es ist äußerst bequem, wenn eine Epidemie vorherrscht, Persönlichkeiten zu Urhebern und Trägern zu stempeln, statt auf die vorhandenen Mängel an Reinlichkeit, Enthaltsamkeit us. w. einzugehen. Da wird über zunehmende Trunksucht, über wachsende Rauf- und Mordlust, über Lebensmittelverfälschung, Cassendefraudationen, über Verschlechterung der Fabrikate, über Prellerei in den Hotels, über die Vorliebe der Deutschen für fremde Producte u. s. w. geklagt, und es ist jammerschade, daß man der offenbaren Wahrheit doch nicht so sehr in's Gesicht schlagen kann, um diese Laster den Juden als Urhebern in die Schuhe zu schieben. Desto lieber hält man sich an bereits allgemein gewordene Behauptungen, für die man aber auch keine Beweise heranbringen kann. Deshalb verschanzt sich von Treitschke auch immer wieder hinter Ausnahmen, hinter „viele ehrenhafte, achtungswerthe jüdische Firmen". Man merkt die Absicht! Nun folgt die zur Gewohnheit gewordene Klage über die jüdischen Literaten, die eine Clique bilden, über die Beherrschung der Tagespresse durch jene und den schädlichen Einfluß, den sie auf sie üben. Das sind Dinge, die, so oft sie auf das rechte Maß zurückgeführt worden sind, doch immer wieder zu schreckhaften Popanzen aufgebauscht werden, weil man eben keine anderen Vorwürfe Zur Hand hat. Die Herrschaft über die Presse! Wer hat den Gegenbeweis gründlicher geführt, als diese Presse selbst mit ihrem Chorus von Alles überschreienden Judenfeinden und der fast unmöglich gewordenen Abwehr! Eigen thümlich ist es nur, daß über alle diese Uebelstände, über Unsolidität des Handels und der Industrie, über den sittlichen Verfall im Arbeiterstande, über die schlechte Presse, in allen Culturländern Klage erhoben wird, wo es nur wenige Juden giebt, und wo cs Niemanden einsällt, die Juden deshalb anzuklagen. Nur in Deutschland werden die Juden deffcn bezichtigt und man bethätigt ein so geringes deutsches Nationalgefühl, daß man gerade die große deutsche Nation von diesem Häuflein Juden bedroht, entsittlicht, überwunden dm stellt — und Herr v. Treitschke, der so viel von seinem deutschen Bewußtsein spricht, scheut sich nicht, sich auf die Seite solcher Deutschland entwürdigenden Anklagen zu stellen! — Er ist so gütig, eine„Schmälerung der vollzogenen Emancipation" nicht anzurathen, aber er meint, daß „das deutsche Volk den Juden die Rechte des Menschen und des Bürgers geschenkt habe." In dem Munde eines Universisätslehrers ist eine solche Logik höchst auffällig. Ein Recht schenken! Ist es ein Recht, so ist man schuldig es zu gewähren; ist es ein Geschenk, so kann es kein Recht sein. Von dem Grundpfeiler des modernen Staates, des Rechtsstaates, so zu sprechen, zeugt von geringer Uebcrzeugung und Einsicht. Es ist nicht unsre Absicht, die Juden von allen Mängeln und Fehlern frei zu sprechen. Aber von einem Geschichtsforscher, namentlich von einem Kenner der deutschen Geschichte, erwarten wir doch, daß er im Bewußtsein habe, wie die deutschen Juden noch vor einem Jahrhundert ausgeschloffen und geknechtet waren, wie erst, um nur von Preußen zu sprechen, 1812 der erste Schritt geschah, ihnen einen Theil der bürgerlichen Freiheit zu gewähren, erst 1847 die 22 Judengesetze, die in den verschiedenen Provinzen galten, in eines verwandelt wurden, und zwar noch mit mancherlei Beschränkungen, wie trotz des Vcrfassungsparagraphcn diese Beschränkungen bis 1860 aufrecht erhalten und im übrigen Deutschland erst 1869 durch das Bundesgefetz beseitigt worden; wie demungeachtet dieser 18 Jahrhunderte hindurch ausgeschlossene, geknechtete und verfolgte Stamm in diesem kurzen Zeitraum in das allgemeine Culturleben und insbesondere in das staatliche und nationale Leben freudig eingctreten ist, und zwar mit seiner ganzen Masse der Gesittung und Bildung sich rasch zu nähern und anznschließen vermochte. Wer Solches ertvägt und ein wirkliches Gerechtigkeitsgefühl in der Brust trägt, der wird nur sagen: Strebet auf diesem Wege vorwärts, das Ziel ist nahe und sicher! Glaubt man aber im Gegentheil, in den Juden das deutsche Nationalbewußtsein zu stärken, indem man von allen Seilen auf sie mit feindseligstem Haffe losstürmt, nicht verletzende und brandmarkende Worte genug findet, um sie dem Volke verächtlich und verhaßt zu machen? Und dazu giebt sich auch ein Herr v. Treitschke her! Einige Gedanken bei dec gegenwärtigen Situation. Hl. Die „Germania" hat eine neue Parole ausgegeben, welche auch bereits von einigen ihrer Schleppträger wiederholt wird. Sie sagen nämlich: „Die Judenfrage ist in Fluß" oder „in Bewegung gekommen, wir stehen derselben neutral gegenüber." Eine größere Heuchelei kann nicht gedacht werden. 'Wenn sie sagten: Wir werden derselben fernerhin ihren Lauf lassen, ohne uns daran zu betheiligcn, so wäre das verständlich, obschon wir nicht glauben, daß-sie-dieses Worthalten würden. Aber „neutral", sie, von denen der ganze Lärm ausgegangen, welche seit Jahren systematisch der schmutzigen Fluth ihr Bett bo*

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