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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-12-09 · Heft 50 (9.12.1879) · p. Seite 786

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 50 (9.12.1879)
Date
1879-12-09
Page
Seite 786 (sequence 2)
Language
German
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?86 hochtönenden Phrasen, die Treitschke zu bilden versteht und pflegt. Ist es doch dagegen bezeichnend, daß bei den in vielen preußischen Städten eben stattgefundenen Stadtverordnetenwahlen abermals eine Anzahl Juden aus der Wahl ihrer Mitbürger hervorging. Wenn aber Treitschke „den Schmutz und die Rohheit" „dem Jnstincte der Masten" zuschrcibt, so ist dies eine unglückliche Combination. -7- Offenbar hat der Artikel des Journal des Debats, welchen wir in Nr. 47 besprachen, Herrn v. Treitschke zu seinem Artikel angeregt, denn er beginnt damit, den Mangel an Judenhaß in Frankreich, England und in Italien in zwei-! facher Weise zu erklären, erstens, weil dort weniger Juden tvohnten, und zweitens, weil diese dem spanisch portugiesischen Zweige angehörten. Dies ist nun insofern irrig, als Frankreich während zweier Jahrhunderte Elsaß und ganz Lothringen besaß, so daß in diesem Staate weit über 120,000 Juden wohnten, und die große Mehrheit derselben deutsche Juden waren. Die spanisch-portugiesischen Juden in Frankreich erreichen kaum die Zahl von 20,000 Seelen, und in Paris, wo jetzt weit über 30,000 Juden wohnen, ist die Zahl der spanisch-portugiesischen so gering, daß sie bis jetzt nur eine kleine gemiethete Synagoge hatten und nur durch die Opferwilligkeit eines einzigen Mannes sich eine solche bauen konnten. Die Argumente des Herrn v. Treitschke sind also für Frankreich völlig hinfällig. Dieselbe Unrichtigkeit läßt er sich zu Schulden kommen, wenn er die deutschen Juden einen „polnischen Judenstamm" nennt und fortwährend eine starke Einwanderung polnischer Juden nach Deutschland bejammert. Dagegen spricht die Geschichte und die Statistik. Gerade umgekehrt sind die polnischen und russischen Juden Abkömmlinge der deutschen und sprechen deshalb mitten in den Slavenländern noch heute deutsch, wenn auch in sehr verdorbener Mundart. Die deutschen Juden wohnen in Deutschland seit der Römer und Karl's des Großen Zeit und als in Deutschland die blutigen Verfolgungen begannen, flohen sie in großen Schaaren nach dem duldsameren Polen, wo sie die eigentliche Städtebevölkerung begründeten. Wie der Geschichtsschreiber Treitschke, so irrt sich auch der Statistiker. Die Vermehrung der Juden in Deutschland übersteigt die der Christen nur um einen äußerst geringen Procentsatz, der, wie sich der Professor, wenn er sich der Wahrheit befleißigen will, aus den officiellen Tabellen ersehen kann, aus dem Ueberschuß der Geburten über die Sterblichkeit, nicht aber aus der äußerst schwachen Einwanderung entspringt. Solche absichtliche oder unabsichtliche falsche Behauptungen können kein großes Vertrauen für die weiteren Expectorationen des Herrn v. Treitschke einflößen. Treitschke sagt: „Was wir von unsren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: sie sollen Deutsche sein, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen — unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns Allen ehrivürdig sind." („Allen?") Hierin stimmen wir mit dem Verfaffer vollständig überein, nur daß wir diese Forderung, Deutsche zu sein und sich als Deutsche zu fühlen, nicht blos an die „Israelitischen Mitbürger", sondern an alle Deutsche stellen. Wir halten uns sogar überzeugt, daß diese Forderung von der großen Mehrheit des Volkes, des israelitischen wie des christlichen, erfüllt wird. Daß es noch religiöse und politische Parteien giebt, in welchen das particularistische Gefühl dem deutsch-nationalen noch voransteht, wird v. Treitschke zugestehen, aber gerade zu diesen Parteien gehören die Juden gar nicht. Das deutsche Nationalgefühl beseelt die Juden in einem Maße, wovon der Herr Profestor keine Ahnung hat, und zwar so sehr, daß die deutschen Juden darüber mit ihren französischen und dänischen Glaubensgenosten in Zwiespalt kamen, und von jenen perhorrescirt wurden, wie wir mit Thatsachen belegen können. Herr v. Treitschke aber gesteht zwar zu, daß „sehr viele Juden deutsche Männer im besten Sinne, Männer, in denen wir die edlen und guten Züge deutschen Geistes verehren, waren" und sind. „Aber", fährt er fort, „zahlreiche und mächtige Kreise unsres Judenthums hegen den guten Willen, schlechtweg Deutsche zu werden, durchaus nicht." Eine solche Behauptung hätte ein Mann, der sich seines sittlichen Werthes bewußt ist, mit Beweisen versehen. Das hat der Herr Professor nicht gethan. Wir können ihm das Gegentheil beweisen. In der Provinz Posen, in Oberschlesien, in Böhmen und selbst in Galizien steht die Masse der Juden stets auf Seiten der Deutschen, wie sie dies schon 1348 und dann oft in schweren Wahlkämpfen erhärtet haben, den Polen gegenüber, von welchen sie deshalb oft genug bekämpft und maltraitirt worden und werden. Dies sind Grenzländer, zum Theil von den durch Herrn v. Treitschke so verachteten „polnischen Juden" bewohnt, welche, wenn sie den Polen gefügig wären, nicht geringe Vortheile erlangen könnten. Aber sie fühlen sich deutsch, selbst wo sie dem deutschen Reiche nicht angehören, sie zählen sich zu den Deutschen und hängen mit Treue an ihrem deutschen Souverän. Findet dies in den deutschen Grenzländern statt, um wie viel mehr im eigentlichen Herzen Deutschlands. Wir wollen Herrn v. Treitschke nicht nachahmen und auf den Gegensatz in anderen deutschen christlichen Kreisen hindeuten. Was nun v. Treitschke hiergegen hervorhebt, ist, daß „in neuester Zeit ein gefährlicher Geist der Ueberhebung in jüdischen Kreisen erwacht sei." Hierfür weiß er nichts als Grätz' Geschichte anzuführen, in welcher stark gegen das Christenthum und gegen deutsche Vertreter desselben polemisirt werde. Wir glauben, daß selbst, wenn dies in dem von Treitschke behaupteten Maße wirklich der Fall wäre, ein einzelnes Product doch nicht auf die Schultern der Gesammtheit gewälzt werden kann. Wir haben eine ganze Reihe literarischer Erzeugnisse von Christen, wir brauchen sie Herrn v. Treitschke nicht namhaft zu machen, in welchen gegen das Christenthum und über dessen „Zersetzung"

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