Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1879)
- Date
- 1879-12-02
- Page
- Seite 778 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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der Frau vornehmen lassen wollte, kam der jüd ische Wirth^ derselben, wie der „Schl. Vztg." geschrieben wird, dieser zu; Hilfe, und er bot dem Wohlthäter 60 M. Abstandsgeld,! widrigenfalls er die Sache in der Presse veröffentlichen würde.! Das zog! — Die „Germ." macht dazu die kindische Bemerkung: „Auf solche Juden erstreckt sich die Judenfrage nicht." Wie will sie denn unterscheiden, auf welche Juden sich die „Frage" erstrecke oder nicht? Und wenn die Gesellschaft Unterschiede nach sittlichen Motiven machen will, gäbe es da nicht gerade dieselbe „Ehristenfrage", wie „Judenfrage" — wie gerade das angeführte Exempel beweist! Fürwahr, Eure, „Judenfrage" hat weder Logik, noch Sittlichkeit für sich! — Bonn, 23. November. (Notizen.) Man schreibt uns aus Mühlhausen in Thür, unterm 17. Nov.: Wir haben heute einen Mann zu Grabe getragen, dessen Heimgang um so schmerzlicher ist, als die Gegenwart an olchen Charakteren täglich ärmer wird. David Mankiewitz, geb. 1788 zu Lissa, hatte in seiner Jugend zu den Füßen vorzüglicher Nabbinen gesessen und Thora und Talmud studirt. Er war einer jener strebsamen Jünglinge, die lernbegierig ^md mit eiserner Willenskraft ausgerüstet, zu Anfang dieses Jahrhunderts nach Berlin kamen, um dort an den Quellen, welche Mendelssohn geöffnet, Weisheit zu trinken. Schon in seinem 18. Jahre wurde er von seinem Lehrer mit der “NTin mr.ri beehrt. Im Jahre 1810, von der westfälischen Negierung aufgefordert, das Nabbinat in Hildesheim zu übernehmen, lehnte er, seine Jugend vorschützend, bescheiden ab. In dieser Zeit betheiligte er sich sehr lebhaft an der Herausgabe des rpsan, in welchem sich wcrthvolle hebräische Poesien von seiner Hand befinden. Im Jahre 1814 verheiratete er sich nach hier und begründete ein Geschäft, welches heute noch unter seinem Namen von seinen Enkeln segensreich weiter geführt wird. Wenn er auch die Pflichten, welche seine Familie und sein Geschäft ihm auferlegtcn, gewissenhaft erfüllte, so hörte er doch nicht auf, in Gottes Wort zu forschen; seine Mußestunden, Sabbath und Festtage, gehörten dem sg. „Lernen." Wie er Gottes Wort liebte und ihm oblag, so erfüllte er auch gewissenhaft seine religiösen und Bürgerpflichten; er war ein würdiges Beispiel in der Gemeinde: deren Einrichtungen, Synagoge und Schule, sind sein Werk. An seinem Grabe standen Kinder, Enkel und Urenkel, aber auch eine unabsehbare Reihe seiner Mitbürger, darunter Geistliche christlicher Confession, begleitete ihn zum Grabe, um diesen edlen, braven Mann, der sich duch die Krone der Gelehrsamkeit und des guten Namens ausgezeichnet hat, zu ehren. Der Selige hat das seltene Alter von 01 Jahren erreicht: bis zu seiner letzten Lebensstunde war sein Geist frisch und klar geblieben. Friede mit ihm! — Man schreibt uns aus Sa molsch in: Durch Uebersiedelung des Herrn Julius Seligsohn nach Berlin hat unser Städtchen einen schweren Verlust erlitten. Derselbe, länger als 30 Jahre Corporations- und j Schulvorsteher, hat nicht nur das Vertrauen und die allgemeine! Hochachtung der jüdischen Gemeinde genossen, was in einer Adresse! an den Scheidenden hervorgehoben worden, sondern seine Wahl j als Magistratsmitglied, Kreistagsdeputirter, Waisenrath u. f. w. beweist, daß auch die politische Gemeinde nicht weniger seinen Werth zu schätzen wußte. Er hat aber auch alle diese Aemter mit solcher Gewissenhaftigkeit verwaltet, daß der Magistrat in Uebereinstimmung mit den Stadtverordneten sich veranlaßt fühlte, demselben in corpore den Ehrenbürgerbrief zu überreichen. Was er speciell der jüdischen Gemeinde war, beweist die durch sein Scheiden entstandene Lücke, welche um so schwerer auszufüllen ist, je seltener diejenigen unter uns werden, die den Bestrebungen des Judenthums die gehörige Aufmerksamkeit schenken und an der Erhaltung und Fortbildung unserer Religion lebhaften Antheil nehmen. Damit aber die Armen die Lücke nicht gar zu sehr empfinden und seine väterliche Wohlthätigkeit nicht vermissen mögen, hat er dem Gemeindevorstand mehrere Schenkungen in Höhe von 3,300 Mark übergeben, deren Zinsen — mit Au snahme von 30 Mark für den Magistrat behufs Vertheilung an die christlichen Armen — alljährlich am Sterbetage seiner Eltern an die hiesigen jüdischen Armen vertheilt werden sollen, a^sarn •'ja ’*2’a Bonn, 2. Novbr. (Literarische Notizen.) Auf Veranlassung des I)r. Jellinek zu Wien wird bei M. Waizner eine deutsche Uebersetzung der Werke des Alexandriners Philo erscheinen. Bekanntlich hat hiermit das „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" den Anfang gemacht. Mit einem glücklichen Griffe soll als erstes Heft die Uebersetzung der Schrift: „Ueber die Menschenliebe" erscheinen, die im gegenwärtigen Augenblicke gewiß eine gute Wirkung machen wird. Uebersetzung, Einleitung und Anmerkungen werden von Di-. M. Friedländer besorgt. — Von dem umfassenden Geschichtswerke, das unter Herausgabe von Wilhelm Oncken bei Grote in Berlin erscheint, ist soeben die erste Lieferung von „Das Zeitalter Ludwig des Vierzehnten von vr. Martin Philippson, Professor an der Universität Brüssel. Mit Illustrationen und Portraits" ausgege ben worden. Von demselben Verfasser, der sich einer ausgedehnten und vielfach anerkannten academischen Wirksamkeit zu Brüssel erfreut, erscheint zu Ostern 1880 eine umfängliche „Geschichte des preußischen Staatswesens seit dem Tode Friedrich des Großen", welche zum ersten Male das jetzt erschlossene große archivalische Material für ihre Aufgabe benutzt und verarbeitet. Es ist erfreulich, daß der Verfasser in seinem auswärtigen Wirkungskreise die Beziehungen zum deutschen Vaterlands thatkräftig erhalt. Bonn, 16. November. (Literarische Notizen). Als ein literarisches Curiosum, das für die betreffende Familie von Nutzen ist, notiren wir: Verzeichniß der von Salomon Benedict Goldschmidt aus Frankfurt a/Main stammenden