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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-12-02 · Heft 49 (2.12.1879) · p. Seite 776

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 49 (2.12.1879)
Date
1879-12-02
Page
Seite 776 (sequence 8)
Language
German
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776 Zeit gemessen sich moralisch kaum über die Schandtaten der mörderischen Wallbrüder erhebt. Von diesem Gesichtspunkt aus möchten wir das Buch ganz besonders denjenigen protestantischen „Dienern des Herrn" empfehlen, welche sich kein Gewissen daraus machen, einer vielfach urtheilslosen Menge statt der Liebe des Nächsten den Geist fanatischen Haffes gegen einen Theil ihrer Mitmenschen einzuflößen." Oesterreich-Ungarn. Lemberg. 14. November. Der hiesige „liberale" Journalist Theophil Merunowicz glaubt, daß durch eine Ausdehnung der österreichischen confessionellen Gesetze auf die israelitischen Cultusgemeinden Galiziens vortheilhaft gewirkt werden würde, und er hat in dieser Absicht eine Petition an den Reichsrath in Wien abgesandt, in welcher er folgende drei Bitten ausspricht: . 1. Daß die äußeren Verhältnisse des mosaischen Cultus zur Staatsgewalt ganz in derselben Art gesetzlich geordnet werden möchten, wie die äußeren Verhältniffe der katholischen Kirche durch die Neichsgesetze vom 7. Mai 187b Nr. 50 und bl des „Ngbl." bestimmt wurden. 2. Daß im Besonderen die Befähigung zur Bekleidung eines geistlichen Amtes israelitischer Confession von denselben Bedingungen in Hinsicht der Schulstudien, sowie auch des sittlichen und staatsbürgerlichen Verhaltens abhängig gemacht werde, wie dies von der Geistlichkeit christlicher Confessionen gefordert wird. — Zu diesem Behufe mögen an den österreichischen Hochschulen überhaupt, besonders aber an einer der galizischen Universitäten die nöthigen Lehrkanzeln für die jüdischen theologischen Disciplinen in kürzester Frist eingesührt werden. 3. Daß von Seiten des Staates eine authentische Uebersetzung des vollen Inhaltes des Talmuds in eine der lebenden Sprachen, sowie auch eine fachkundige Erforschung dieser Schriften vom staatsrechtlichen Standpuncte angeordnet werde. Wir glauben kaum, daß diese Petition Berücksichtigung finden werde. Wir unsrerseits hätten gegen alle drei Petita nichts einzuwenden. Was den ersten Absatz des § 2 betrifft, so wurde bekanntlich schon früher für Galizien die gesetzliche Bestimmung getroffen, daß kein Rabbiner ohne genügende Schulbildung angestellt werden dürfe; aber sie blieb nur Buchstabe. Eine Uebersetzung des Talmuds ist bekanntlich von den Juden selbst schon längst angestrebt worden, jüngst erst wieder von Schwab in Paris und Samter in Berlin; aber es finden sich die Mittel dazu nicht, .über den Anfang hinaus zu kommen. Sollte der Staat diese hergeben wollen, würde es sehr willkommen sein. Eine wiffenschaftliche Zusammenstellung der Haupttexte hat Nabbinowicz in Paris bereits durch 4 Bände durchgeführt. Wer fich vom Talmud einige Kenntniß verschaffen will, hat also bereits Gelegenheit genug. Pest. 19. November. (Privatmitth.) Unser Jstoczy hat wieder einmal gesprochen! Die Lorbeern des Herrn Stöcker und Consorten ließen ihn nicht ruhen und er ergriff die erste Gelegenheit, dem ungarischen Reichstage kund und zu wiffen zu thun, daß die Reaction sich in Deutschland bereits geltend gemacht habe. Bitter beklagte er es, daß der ungarische Grundbesitz nach und nach in die Hände „kosmopolitischer Fremden" gelangt sei, daß das „mobile" Capital und seine Vertreter, die Gründer, die Börsenritter, in der Presse, selbst im Parlament das Uebergewicht haben und dgl. m. Seine Rede, in der Einiges aus der „Germania" und der Monatsschrift der „antisemitischen Liga" zu heimischen Zwecken adoptirt war, hatte den gewöhnlichen Erfolg: allgemeine Heiterkeit? Dieser Tage batte Pest einen seltenen Gast, nämlich den Herrn Dr. Paulus Cassel, „den berühmten Berliner Canzelredner und Theologen", wie der ihm stamm- und glaubensverwandte „P. Lloyd" ihn nennt. Er kam hierher, nicht etwa um eine „antisemitische Liga" zu gründen, sondern um die Gläubigen zu erbauen und eine Vorlesung über Lohengrin zu halten: seine Zuhörer sahen sich arg getäuscht. Wien, 20. November. (Privatmitth.) Demnächst finden, wie alljährlich, die Ergänzungswahlen in den Gemeindevorstand statt und dürfte sich diese Angelegenheit in aller Ruhe abwickeln. Die politischen Tagcsfragen absorbiren alles Interesse und gehört es überdies zu den Eigenthümlichkeitcn der Mitglieder der israelitischen Cultusgemeinde hie^ im Laufe des Jahres, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, gegen den Vorstand loszuziehen, und wenn dann die Wahlzeit kommt, läßt man wieder Alles gehen, wie es eben geht. Sonst bewegt sich Alles hier in dem gewöhnlichen Geleise und bin ich nicht in der Lage, Ihnen irgend eine Neuigkeit von Interesse mitzutheilen. Zu meinem Bedauern muß ich melden, daß bezüglich der im vorigen Jahre eröffneten hebräischen Sprach- und Bibelschule die Pessimisten richtig vorausgesehen haben, die Frequenz hat im heurigen Jahre bedeutend abgenommen. Gestatten Sie mir noch das Wort bezüglich des Treibens des Hospredigers Stöcker in Berlin. Zunächst will ich bemerken, daß hier ein Hofprediger durchaus nicht eine derartige prononcirte Stellung einnchmen dürfte, und ist ein derartiger Fall, wie ich glaube, seit der Zeit des Hofpredigers Grafen Kollonitsch, Bischof von Wiener-Neustadt im Jahre 1670, nicht vorgekommen. Berlin läßt sich gern „die Stadt der Intelligenz" nennen, Wien jedoch wurde von Grillparzer „die Stadt der Phäaker" genannt, aber ich glaube, daß in Wien derartige Vorgänge gegen die Juden, wie' sie in Berlin stattfanden, unmöglich wären.

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