Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1879)
- Date
- 1879-12-02
- Page
- Seite 774 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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774 unbeschränkten ProselytismuS, welcher dem Christenthume bald nach dessen Ursprung zum Berufe ward, so kann dieser dem Judenthume um so weniger zugerechriet werden, als er ja überhaupt erst eintreten konnte, nachdem das Christenthum vom Judenthume sich getrennt und die heidnische Welt zu seinem eigentlichen Boden sich gewählt hatte. — Eine ähnliche Antithese bringt die folgende Seite: „das Judenthum hatte Märtyrer nur während es revolutionär war; seitdem es der Politik entsagte, beruhigte es sich und begnügte sich mit der Duldung, die dicht an Unabhängigkeit grenzte, und die man ihm bewilligte. Das Christenthum in Gegentheil, welches sich niemals mit Politik beschäftigte, zählte Märtyrer bis zu dem Augenblick, wo es triumphirend und seinerseits Verfolger wurde." Daß das Christenthum aushörte Märtyrer zu haben, als es Sieger geworden, ist eine zu selbstverständliche Sache. Daß es sich aber niemals mit Politik beschäftigt habe, ist eine sehr naive Annahme. Wodurch ist es denn „triumphirend" geworden, wodurch hat cs den Sieg über das Heidenthum erlangt, und den Thron der Cäsaren bestiegen, wenn nicht durch Politik? Die Geschichte hat hierfür doch die unabweislichsten Zeugniffe. Und das Judenthum soll seit den Märtyrern unter Hadrian solche j nicht mehr gehabt haben, weil es aushörte Politik zu treiben?. Aber die Wahrheit ist, es hörte nicht auf, zahllose Märtyrer! zn haben, während des ganzen Mittelalters und zwar zu einer Zeit, wo die Juden von aller Politik ausgeschlossen waren. — Endlich noch ein Beispiel (]>. 2-14): Renan bemerkt richtig, daß das Studium der Tradition stets das Studium der h. Schriften, aus denen sie erwachsen ist, in den Hintergrund drängt. So hätte der Talmud, so gegen Ende des Mittelalters die scholastische Theologie die Lectüre der Bibel vollständig verdrängt. „Uebrigens sah sich der Talmud selbst für die methodischeren Abhandlungen des Maimonides und der anderen jüdischen Kanonisten vernachläßigt" Daß die traditionelle Auslegung der Bibel das Verständniß des einfachen Wortsinnes der Bibel überwucherte, ist richtig. Alles Uebrige ist Jrrthum. Die Lectüre der h. Schrift konnte bei den Juden niemals verdrängt werden, davor schützte schon die unaufhörliche liturgische Vorlesung der Thora und der Propheten, auch der Megilloth und der Gebrauch der Psalmen zu Gebetzwecken. Auch haben die kanonistischen Schriften niemals eine Vernachlässigung des Talmuds, der das unablässige Studium der Nabbinen und aller Juden war, die nur etwas Kenntniß desselben besaßen, herbeigeführt. Dies war schon nicht möglich, weil man sich emsig damit beschäftigte, die j Aussprüche des Maimonides mit talmudischen Stellen, die ihnen! zu wiedersprechen schienen, auszugleichen. Doch kommen wir!nun zum Talmud selbst. (Forts, folgt.) 2bei/fci i ii cj «Vii <xc&txc(keit. Deutschland. Bonn, 19. November. (Privatmitth.) Das „Centralblatt für die gesammte Unterrichtsverwaltung in Preußen" enthält wieder die officiellen Nachweisungen über die Zahl der Schüler auf den höheren Lehranstalten im Winterhalbjahr 1878/79 und ziehen wir hieraus folgende Uebersicht. Evangel. Kathol. Juden D ssidentcn. Gymnasien 49,491 14,306 7,530 7 Vorschulen 8,698 864 1,455 — Progymnasien 1,863 1,412 363 — Vorschulen 325 98 59 — Realschulen erster Ord. 22,031 3,116 2,306 9 Vorschulklassen 3,905 298 429 3 Realschulen zweiter Ord. 4,922 366 881 4 Vorschulclassen 1,442 101 356 — 92,677 20,861 13,379 23 Wie überaus günstig auf Seiten der Juden dieses Verhältniß ist, leuchtet genügend aus diesen Zahlen ein und übergehen wir es heute, dies ziffermäßig auszurechnen. Nur eine Bemerkung. Man hat wiederholt betont, daß, da die Juden in der großen Mehrheit zur städtischen Bevölkerung gehören. es ihnen leichter wird, ihre Kinder in die höheren Lehranstalten zu schicken. Etwas Wahres liegt hierin, aber bei Weitem nicht Alles. Dies beweist das Verhältniß der katholischen Schüler zu den evangelischen, welche erstere den letzteren nach der Bevölkerungsziffer so weit nachstehcn, während bei beiden das Verhältniß der städtischen und der ländlichen Bevölkerung gleich ist. — Viel wichtiger scheint uns aber die Pflicht zu sein, welche aus den angegebenen Zahlen hervorgeht, nämlich daß immer eifriger dafür gesorgt werde, die jüdischen Schüler der höheren Lehranstalten mit angemessenem Religionsunterricht zu versorgen. Diese bilden einen so großen und wichtigen Theil der gesammten jüdischen Jugend, daß es für das Judenthum fast einem Selbstmorde gleichkommt, ihn ohne genügenden Religionsunterricht zu lassen. An allen Orten, wo es Rabbiner und tüchtige Lehrer giebt, müssen alle Anstrengungen gemacht werden, einen würdigen Religionsunterricht für diese Jugend herzustellen, resp. einzuführen. Dies ist es, was die Rabbiner und Lehrer zu ihrer Hauptthätigkeit machen müssen. Hier liegt die wahrhafte Reform und sie ist wichtiger als jede andere Reformbestrebung. Denn wir wiederholen, was wir vor 43 Jahren gesagt: „Eine Religion, die nicht gelehrt wird, hat keine Zukunst!" Breslau, 16. November. (Privatmitth.) Die „Schl. V.-Z."