Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1879)
- Date
- 1879-12-02
- Page
- Seite 772 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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772 Ernst Nenan's neueste Schrift, in. Von den Kapiteln, welche Renan den Juden widmet, übergehen wir das erste, nämlich über den Wiederaufbau Jerusalems (p. 21—30), und auch das zweite „Letzter Aufstand der Juden" (p. 186 — 213) soll uns nur ein wenig beschäftigen. Bei der Beurtheilung des gewaltigen Aufstandes unter Bar-Cochba, der eigentlich Bar-Cosiba, weil zu Cosib gebürtig, hieß, ein Name, der erst viel später zum Spottnamen mißbraucht wurde, kommt es auf den Standpunkt an, den man dabei einnimmt. Wir meinen, daß sich Renan, indem er diese Empörung gegen Hadrian auf's Strengste verdammt, thcils zu sehr von seiner wohlmeinenden Ansicht über diesen Kaiser, theils von dem Erfolge leiten ließ. Wenn er sich dabei auf Pausanias beruft*), so giebt dieser eigentlich gar kein Urtheil ab, indem er einfach sagt: „Die Hebräer in der Nachbarschaft Syriens bändigte er, da sie abgefallen waren." Dies?st Thatsache, aber kein Urtheil. Bei keiner, zu schwerem Kampfe führenden Bewegung darf man aber weniger den Erfolg zur Unterlage des Unheils machen, als bei Erhebungen eines unterdrückten Volkes. Denn solche sind am wenigsten mit politischer Berechnung und diplomatischer Schlauheit verbunden. Sie gleichen Ausbrüchen von Naturgewaltcn und die Lava fragt nicht darnach, ob sie auf ihrem Wege den Abhang des Berges hinunterfließcn oder die Tiefen einer Schlucht füllen werde. Von jener Zeit an, wo die Makkabäer das Joch der syrischen Tyrannen brachen, haben wir. fortlaufend im jüdischen Stamme den mächtigen Drang, allen seinen Feinden, welche seinen nationalen Bestand, seine Religion und seine Freiheit unterdrückten und zu vernichten beabsichtigten, mit den Waffen in der Hand entgegenzutrcten. All' die syrischen Kriege, der Freiheitskrieg gegen die Römer und endlich der Aufstand unter Var-Eochba waren solche National- und Glaubenskämpfe. Die blutigen Streitigkeiten unter Trajan (im Jahre 117) in Babylonien, Cyrene und Cypcrn waren allerdings Ausstände in diesen weit von einander entfernten Oertlichkeiten. Aber die Bewegung unter Bar-Cochba war ein Nationalkrieg, in Palästina selbst geführt, zur Wiedererlangung des Landes, zur Erkämpsung der nationalen Freiheit, zur Wiederherstellung des Tempelcultus, abgesehen von dem Beweggründe, welchen die gegen die Juden unter Domitian und Trajan geübten Grausamkeiten darbotcn. Daß unter Vespasian wie unter Hadrian Führer und Volk nicht beachteten, daß das römische Reich gerade zu diesen Zeiten Frieden hatte und so seine Hauptmacht gegen das jüdische Volk verwenden konnte, darf man doch nicht zum Maßstab der heroischen Anstrengungen machen, zu welchen sich 1) P&usan I. V. 5: *EßQatovf xovg vniQ Zv>w i^eiftmcuio inoardvxaq. das jüdische Volk um der in ihm lebenden Ideale willen immer wieder aufraffte. Es ist eben die Ungunst, in welcher die Juden standen und stehen, die sich stets zu mißliebigen Uriheilen über sie veranlaßt sieht. Jedes andere Volk würde wegen gleicher Aufopferung und Hingebung höchlichst gerühmt werden. Was würde Renan über die Deutschen urtheilen, wenn Hermann nicht den Varus geschlagen hätte, sondern von ihm besiegt worden wäre? Wir halten es.für keinen glücklichen Ausdruck, wenn er sagt: „Rom hatte, wie immer, zuletzt Recht." Wenn er „Macht,, oder „Sieg" gesagt, hätten wir nichts dagegen. Wir meinen vielmehr, Rom hat niemals Recht gehabt, denn Rom ging „immer" nur darauf aus, die Völker zu unterjochen, sie auszubeuten, sie zu Sclaven zu erniedrigen. Rom'hat keine Culturmission gehabt und keine vollbracht. Rom ist der Vernichter der antiken Cultur, es sog aus und erdrückte jede Lebensentwicklung der von ihm besiegten Völker; selbst sein Lächeln vergiftete die Kraft der Nationen. So verschwand vor ihm Griechenland, so Phönizien und Karthago, so das uralte Aegypten, das unter den Ptolemäern sich neu erhoben hatte, so, was noch von asiatischer Cultur übrig war. Renan meint vielleicht, wir urtheilten als Juden. Wir nehmen dies an, wenn er darunter nicht etwa einen nationalen und religiösen, sondern einen wahrhaft humanen Gesichtspunkt versteht. Daher wollen wir nicht weiter mit ihm über die Ausdrücke rechten, die er gegen Ende seines Capitels über die jüdischen Kämpfer braucht, da wir die ganze, in diesem Capitel ausgesprochene Anschauung für eine irrthümliche halten. So auch über Bar-Cochba. Die größte Schwäche der talmudischen Weisen vom ersten bis zum letzten bestand — in dem gänzlichen Mangel an geschichtlichem Sinn und deshalb an Geschichtsschreibung. Sie stehen hierin im vollen Gegensatz zum alten Israel, wie es uns die heilige Schrift zeigt. Mit dem Abschluß des Kanon hörte die Geschichtsschreibung auf. Eine Ausnahme machen die Makkabäerbücher, denn Josephus ist, wie sehr er auch inhaltlich national, als Geschichtsschreiber ein Sohn der griechischen Cultur. Seitdem haben wir nur dürftige Notizen. Wir wissen daher von Bar-Cochba äußerst wenig. Aber den feindlichen Urtheilen der Gegner, wie namentlich einiger Kirchenväter, tritt das Urtheil N. Äkiba's entgegen. War dieser auch selbst von der nationalen und religiösen Leidenschaft befangen, so bezeugt er doch, da er ihn für den „König Messias" erklärte"), die hohe Meinung, die er sowohl von seiner religiösen und sittlichen Persönlichkeit, als auch von seiner Begabung und äußeren Erscheinung hatte. Wem ein so scharfer Kops, ein so reiner Charakter und ein so inniges Herz ein solches Epitheton beilegte, der muß in jeder Beziehung ein bedeutender Mensch gewesen sein. 2) m.i P isk mn rona 12 'v.1 nin 12 row '21 NiWO 827Q. Talm. Jerutch, Thaan. IV. Col. 7.