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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-12-02 · Heft 49 (2.12.1879) · p. Seite 771

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 49 (2.12.1879)
Date
1879-12-02
Page
Seite 771 (sequence 3)
Language
German
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771 der Vorsitzende der Berliner Stadtverordnetenversammlung und Landtagsabgeordnete Dr. Straßmann, wenn eine Frau wie Lina Morgenstern sich öffentlich aussprachen, so glauben wir, hätte es den erwählten Organen der jüdischen Gemeinden geziemt, die angemeffenen Schritte zu thun, die dabei persönlicher Bezugnahmen und directer Polemik ganz gut entbehren konnten. Man darf nicht übersehen, daß die Methode unsrer Gegner darin besteht, sowohl allgemeine Zustände von vorgegebener oder wirklicher Schädlichkeit den Juden zur Last sU legen, als auch für Einzelne und ihre Fehler die Gesammtheit der Juden zu verdächtigen und verantwortlich zu machen. Und gerade darum kann es nicht Sache des Einzelnen sein, sondern ist es die Aufgabe und die Pflicht der Vertreter der Gesammtheit, gegen dieses schmähliche delatorische Verfahren offen in die Schranken zu treten. Ferner ist nicht zu übersehen, daß in früherer Zeit es einzelne Schriftsteller waren, welche mit Libellen und Pamphleten gegen die Juden auftraten, und es genügte dann, eine kräftige und wohlbegründete Widerlegung abzufassen. Indem aber gegenwärtig ganze Parteien und Männer mit zahlreichen Anhängern gegen uns machiniren, so reicht die Auslassung eines Einzelnen nicht hin, um einen kräftigen Widerstand zu leisten. Auf einen einzelnen Punkt macht folgende Correspondenz aufmerksam. Leipzig, im November. So dankbar und mit Anerkennung die Schriften entgegenzunehmen sind, welche in letzter Zeit der thätige Vorstand des deutsch-israelitischen Gemeindebundes veröffentlicht hat, so glaube ich doch nicht, daß man sich unter den gegenwärtigen Verhältniffen damit begnügen dürfe, und zwar aus zwei Gründen nicht. „Gegen Schriften helfen Schriften, gegen Thaten jedoch nur Thaten", sagte mir einst ein alter Freund, und ich habe die Wahrheit dieses Ausspruchs nur zu oft im Leben Gelegenheit zu erproben gehabt. Dies ist der eine Grund. Der andere ist, daß der Feindseligkeit gegen uns, die sich ja in neuester Zeit wieder so klar gezeigt j hat und so offen und frech ihr Haupt erhebt, nur dadurch, gesteuert werden kann, daß nran sie bei der Wurzel anfaßr! und von da aus zu vernichten sucht, und das ist — die! Schule. Es werden gewiß auch anderswo die nämlichen beklagenswerthen Erfahrungen wie hier gemacht werden; doch kann Jeder nur von seinem Kreise heraus reden und so muß auch ich mich, da mir nicht die Zeit zur Verfügung steht,! Materialien aus anderen Städten zu sammeln, auf Leipzigs beschränken. Sachsen stand stets in besonders üblem Geruch,! was die Feindseligkeit seiner Bevölkerung gegen die Juden j betrifft; daß es aber auch heute noch, nachdem Juden so her-! vorragende Stellungen in der städtischen Verwaltung bekleidet haben und noch bekleiden, jetzt, wo das deutsche Reich, für welches Juden mit gekämpft und geblutet haben und in' welchem sie so patriotisch Mitwirken, hier in Leipzig durch das . Reichsgericht gewissermaßen verkörpert ist, daß hier, wo man doch so reichstrcu sein will, noch immer solcher mittelalterlicher Haß gegen die Juden genährt und gehegt wird, das scheint fast unglaublich, wenn man bedenkt, daß das Reich uns ja vollkommene Gleichberechtigung zugesteht und die Juden gleich gutgesinnte, reichstreue, patriotische Bürger sind, wie nur irgend welche Christen es sein können, die Leipziger nicht ausgenommen. Daß dem aber so ist, das beweisen die fast täglich vorkommenden Erscheinungen in den Schulen nur zu deutlich. So beliebte es ohnlängst einem Lehrer, seinen Schülern im Beisein jüdischer, trotz der vom Gemeindebund veröffentlichten Schrift, vom Wucher zu erzählen, der besonders von den Juden geübt würde; so geflel es einem andern, beim Unterricht in der deutschen Grammatik, ebenfalls im Beisein jüdischer Schüler, Beispiele aus dem Evangelium vorzulegen, und sie zu fragen: „Was haben die Juden Jesum gethan?" Worauf die Antwort der christlichen Knaben, die in dem Gegenstand gut eingeschult sich zeigten, natürlich lautete: „Sie haben ihn verhöhnt", „sie haben ihn gemartert und gekreuzigt" u. f. w. Zu einigen jüdischen Schülern, denen er auf dem Corridor der Schule begegnete, wo sie sich während der ' christlichen Neligionsstunde aufhielten, sagte ein anderer Lehrer: „Nun, was thut Ihr hier, Ihr Judenbande?" Solcher Verspiele von Intoleranz, ja, tvas sage ich, ungebührlichem, allen Anstand und alle Rücksicht gegen die zarte Jugend, die Söhne und Töchter steuerpflichtiger, die Lehrer erhaltender und besoldender Bürger der Stadt aus den Augen setzenden Benehmens, die auch auf Beschwerde fast ungestraft dahin gehen oder höchstens einen Verweis seitens des Directors nach sich ziehen, könnte ich eine größere Zahl Vorbringen. Und sollen wir diese Dinge so hingehen lassen? Ich glaube nicht, bin vielmehr der Ansicht, daß wir nur zu langmüthig, zu nachsichtig sind und es endlich an der Zeit ist, mit aller Schärfe, mit allen uns zu Gebote stehenden Rechtsmitteln gegen unsre Verfolger, in welcher Gestalt sie auch auftreten mögen, vorzugehen. Sind die Lehrer selbst der ihnen Noth thuenden Belehrung unzugänglich, sind sie selbst in ihrer Geistesbeschränktheit der Vorurtheile und des Hasses voll, so müssen die Behörden ihnen auf's Strengste untersagen, außerhalb der Neligionsstunde konfessionelle Bemerkungen einschlüpfen zu lassen oder gar sich soweit zu vergehen, Schimpstvörter auszustoßen, oder auch nur verletzende Ausdrücke den Andersgläubigen gegenüber in der Schule fallen zu lassen. Diejenigen, welche sich eines solchen schweren Vergehens schuldig machen, sollten sofort von den Schülern oder deren Eltern zur Anzeige gebracht und, nach einmaliger scharfer Vertvarnung, im Wiederholungsfälle bestimmte Strafen erfahren müssen. Das würde seine günstige Rücklvirkung auf andere Lehrer und die Schüler nicht verfehlen, und nach einigen Iab renjpürdeu_ die Wohlthaten eines solchen Verfahrens sich auch bei dem Verkehr unter den Erwachsenen unfehlbar Herausstellen. 49*

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