Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1879)
- Date
- 1879-12-02
- Page
- Seite 770 (sequence 2)
- Language
- German
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7-0 rumänischen Sprache die Annäherung auch an das nationale Leben bewirkt wird. Aber auch auf die Erwachsenen kann nachdrücklich gewirkt werden durch Belehrung in Synagoge, in Vereinen, durch populäre Schriften. Das Beispiel, welches bis jetzt die Juden aller Länder gegeben, lehrt uns, daß auf diesem Wege die jüdische Masse überall nur des kräftigen Anstoßes bedurfte, um auf's Schnellste vorwärts zu gelangen. Auch in Deutschland, von welchem im Ganzen die jetzige Culturbildung der Juden wesentlich ausgegangen, war dies der Weg, der seit 1770 beschritten wurde. Die Früchte reisten schnell an diesem Baume. Hierzu müffen stch alle Einsichtigen vereinen. Um Schule und Belehrung der Masse muß mit der Trägheit, mit dem Stabilismus unter uns und selbst mit der Intoleranz der Nichtjuden gekämpft werden. Es ist offenbar, daß, wenn diese Entwickelung unter unsren Glaubensgenossen in Rumänien vor sich geht, auch die rumänischen Gesetzgeber ihren Widerstand allmälig aufgeben müssen. Die rumänischen Juden haben hierzu schon in der Gesellschaft „Zion" den Anfang gemacht Aber es muß Leben und Kraft hineinkommen, um die hohen, der Humanität, aber nicht minder der Religion zu Gute kommenden Ziele zu erreichen! Einige Gedanken bei der gegenwärtigen Situation. H. Das gegenwärtige Treiben gegen die Juden in Deutschland ist eine eigenartige. Erscheinung. Diejenigen, welche die Vergangenheit kennen, wissen, welche Kämpfe die Erlangung der Gleichberechtigung gerade in Deutschland kostete und wie man nur Schritt vor Schritt vorwärts gelangte, selbst nachdem die Verfassungen den Gleichberechtigungsartikel ausgenommen hatten. Sie wissen auch, daß bald hier, bald dort eine judenfeindliche Schrift erschien, und derartige Aeußerungen in dieser und jener, besonderen Zwecken gewidmeten Versammlung fielen. Man erwiederte Schrift mit Schrift, Kritik mit Kritik, und die öffentliche Meinung stand auf Seiten des Fortschritts und des Rechts. Anders in der Gegenwart. Es sind ganze Parteien, die geschlossen, unermüdlich, systematisch gegen die Juden Vorgehen, Vorurtheil und Haß gegen sie Wecken, die ungeheuerlichsten Extravaganzen von ihrer Obherrschast, von ihrem Einfluß, von ihrer antinationalen Wirksamkeit verbreiten und hierfür allgemeinen Anklang finden. Man hat diese Bemühungen mit fanatischem Eifer Jahrelang fortgesetzt, eine allgemeine Stimmung hervorgerufen, auf welche man sich nachträglich hinwiederum beruft. Es gleicht dies jenen mittelalterlichen Vorgängen, denen so viele Opfer fielen. Damals schrie man: „Gott will es!", jetzt ruft man: „Die Kirche will es!" oder: „Die Nation will es!" Aber die wahre Kirche und die rechte Nation will es jetzt gerade so, wie es in den Kreuzzügen Gott gewollt. Fragt man nun, warum gegenwärtig die allgemeine Meinung nicht ebenso gegen diese, aus so durchsichtigen Motiven entspringenden Feindseligkeiten reagirt, wie bis vor etwa einem Jahrzehnt? warum jene jetzt einen so fruchtbaren Boden finden? so lautet die Antwort: weil es eben gegenwärtig gar keine allgemeine Meinung in Deutschland giebt, weil diese durch die schroffen Parteikämpfe, durch die Parti cularistischen und Jnteressenkämpfe völlig gespalten, zerrissen, verwirrt und abgestumpft worden, weil lauter Parteimeinungen geschaffen und zum Extrem geschärft, weil endlich die allgemein gültigen Principien der Mißachtung anheimgegeben, der Schädlichkeit bezüchtigt worden, so daß sie eben nur als das Eigenthum einer Partei ausgeschrieen wurden, welche man dem Volke als schädlich denuncirte. Auf solchem zerwühlten Boden kann eine allgemeine öffentliche Meinung nicht bestehen, können Besonnenheit und Gerechtigkeit sich nicht geltend machen, sondern nur Leidenschaft, Vorurtheil, Gehässigkeit ihr trauriges Scepter schwingen. - Fährt man nun fort zu fragen: was gegen diese krankhafte Erregung geschehen ist und geschieht? so gleicht die gegenwärtige Situation auch hierin jenen mittelalterlichen Vorgängen: es geschieht nichts — nur daß man damals zur Passivität gezwungen war, was jetzt nicht der Fall ist. Die liberale Presse schweigt vollständig. Ihres Berufes, die großen Principien des Rechts zu vertheidigen, die Angriffe feindseliger Parteigänger, welche den modernen Staat zu unterwühlen und zu beseitigen streben, zurückzuweisen und für die Angegriffenen einzutreten, ist sie in dem uns betreffenden Punkte bis auf geringe Ausnahmen völlig uneingedenk. Gehören die Juden im Ganzen dein Liberalismus an, so zeigt sich dieser hinsichtlich ihrer undankbar und feige. Ist es doch sogar unmöglich, in den größten Theil der liberalen Organe auch nur einen, die Juden vertheidigenden Artikel hineinzubringen! Es ist doch offenbar, daß jene Extravaganzen, welche sich erfrechen, die deutsche Nation als von den Juden besiegt und überwunden zu bezeichnen, selbst die Ehre Deutschlands tief verletzen, wie man jüngst aus dem angesehensten Pariser Blatte ersehen konnte (s. Nr. 47); aber auch dies veranlaßt die liberale Presse nicht, sich offen und männlich zu erklären. Sie ignorirte das Icmrnal des vdbats. Ebenso wenig aber thun die Juden selbst. Es sind mehrere Gegenschriften erschienen, worunter einige nicht ohne Werth und Nachdruck. Nun hat diese Bewegung sich einige Orte zu Hauptheerden gewählt — aber man hat nicht gehört, daß von den berufenen Vertretern des Judenthums an diesen Orten auch nur der geringste Schritt geschehen sei, um in der Ocffentlichkeit gegen jene Wühlereien zu protestiren, und gegen diese, den Frieden und die Sicherheit der Gesellschaft gefährdenden Aufhetzungen den staatlichen Schutz zu beanspruchen, den sie im Interesse der Gerechtigkeit und des Staates selbst fordern können. Wenn ein Mann wie