Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1879)
- Date
- 1879-11-25
- Page
- Seite 761 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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761 Unduldsamkeit der Anderen". Aber nichts beweist mehr, daß in der hiesigen Bevölkerung durchaus keine Unduldsamkeit herrsche, als die Wahl von neun Juden. Das Hauptmoment bei allen solchen Wahlen ist nicht die Zahl und die Vertheilung nach dem Zahlenverhältniß. sondern die Bürger wählen, je wie die Candidaten ihren Ansichten und Interessen entsprechend erscheinen. Ueberall hin aber den confessioncllen Hader und Rangstreit tragen, ist wahrlich nicht der Weg, um die gegenseitige Würdigung zu heben und zu stärken. j Hannover, 11. November. (Privatmitth.) Der hannoversche Provinciallandtag hat neulich wie für das gegenwärtige Jahr so auch wiederum für das nächstfolgende zur Förderung des jüdischen Schul- und Gemeindewesens in unserer Provinz die Summe von 16,5)00 Mark bewilligt. Neuerdings hat sich inmitten unserer Gemeinde ein Verein zur Unterstützung der Schüler der hiesigen israelitischen Lehrerbildungsanstaltgebildet, nachdem die Verhältnis der Seminaristen, welche fast sammtlich mittellos und für die Fristung ihres Daseins auf fremde Hilfe angewiesen sind, schon seit geraumer Zeit die theilnehmende Beachtung aller damit Vertrauten erregt hatten. Bei aller Anerkennung nämlich, welche dem auch den Seminaristen gegenüber, theils durch Stipendien, theils durch Freitische stc>s bewährten Wohlthätigkeitssinne unserer Gemeindeinitglieder gebührt, konnte man sich doch der Ueberzeugung nicht verschließen, daß nur durch eine concentrirte Behandlung dieser Unterstützungen der in vielen Fällen recht bedauernswerthen Lage der Schüler abgeholfen werden könne. Eine solche .'»bhilfe zu schaffen, ist aber dringend nothwendig, da es Thatsache ist, daß eine Anzahl Schüler sich nicht für jeden Mittag einen Freitisch erwerben kann und somit regelmäßig einige Tage der Woche zu darben gezwungen ist, wie es anderseits an Mitteln fehlt, um die noch im Knabenalter stehenden Vorbereitungs-Schüler sammtlich zu versorgen. In dem Bewußtsein nun, daß die Erhaltung der Schüler der hiesigen israelitischen Lehrerbildungsanstalt der zukünftigen Lehrer und Beamten der jüdischen Gemeinden, gewissermaßen eine Ehrenpflicht der hiesigen Ge:ne'.nde;n''tglieder ist und in Erwägung, daß nur durch die dauernde und vereinte Wirksamkeit Vieler dieselbe eine geeignete Erfüllung zu finden verinag, hat sich der oben genannte Verein gebildet, der den Zweck hat, bedürftigen Schülern der mehrgedachten Lehrerbildungsanstalt nach Maßgabe der Vereinsmittel aus Vorschlag der compelenten Leitung jener Anstalt Unterstützung zu gewähren, und dessen Mitglied ein Jeder werden kann, welcher sich zur Entrichtung eines jährlichen Beitrages von mindestens 6 Mark verpflichtet. Es hat sich bereits ein Cornitö gebildet, welches zum Beitritte einladet, und, wie wir hören nehmen diese Bestrebungen den günstigsten Fortgang, indem zahlreiche Gemeindemitglieder dem Vereine theils bereits beigetreten-sind, theils ihm namhafte Unterstützungen zugewendet haben. Wünschenswerth aber wäre; es, daß auch die kleineren Gemeinden, die ja doch aus der ' Lehrerbildungsanstalt den meisten Nutzen ziehen, sich an diesem ' Vereine betheiligten und ihr Jntereffe an einem Institute ^kund gaben, daß ihnen ihre Jugcndbildner, Cantoren und Schächter liefert. Auch noch für einen anderen löblichen Zweck wird augenblicklich der Wohlthätigkeitssinn unserer Gemcindemitglieder in Anspruch genommen. Seit dem Freizügigkeitsgesetze hat sich nämlich hier, wie in dein Vororte Lieden, ein jüdisches Proletariat niedergelassen, das, in der Regel mit Kindern reich gesegnet, in der jetzigen wenig Beschäftigung bietenden Zeit kaum im Stande ist, für sich und die Seinen Nahrung und Kleidung anzuschaffen, und da hat sich denn ein jüdischer Knabenverein gebildet, welcher, wie schon in früheren Jahren, so auch in dem gegenwärtigen, Beiträge an Geld, Kleidern u. s. w. sammelt, um den Kindern armer Glaubensgenoffen zum bevorstehenden Chanukaseste eine Freude zu bereiten und sie mit Winterbekleidung zu versehen. Auch diese Sammlung nimmt einen günstigen Verlauf. Durch das am 4. d. M. in Goettingen erfolgte Ableben des Fabrikanten Benjamin Bodenheim hat unsere Gemeinde wie unsere Stadt einen recht schmerzlichen Verlust erlitten. Der Verstorbene, früher in Allendorf wohnhaft, hatte sich erst vor wenigen Jahren hirr niedergelaffen, hat es aber durch seine Biederkeit, seine Bildung, seine Strebsamkeit und durch seinen Gemeinsinn in der kurzen Zeit, seit welcher er hier wohnte, verstanden, sich bei Juden wie bei Christen gleich beliebt zu machen und sich die Hochachtung aller Derer zu erwerben, die mit ihm in näheren Verkehr zu treten Gelegenheit hatten. Als Mitglied des Vorstandes der hiesigen Handelskammer, wie als hervorragendes Mitglied des Gewerbe- und Jngenieurvereins, hatte der Verstorbene oft Veranlaffung, seinen Eifer für gemeinnützige Bestrebungen zu bekunden, und fanden seine im Gewerbevereine gehaltenen Vorträge solchen Beifall, daß mehrere derselben auf Kosten des Vereins dem Drucke übergeben worden sind. Auch für das Judenthum fühlte er warm, trat öfters für dasselbe in die Schranken und nahm an dessen Entwickelung den innigsten Antheil. Was hätte der Verblichene bei seinem Streben und seinen Fähigkeiten für die Gemeinde wie für die Stadt noch leisten können, wenn ihm ein längeres Leben beschieden gewesen wäre! Die Vorsehung hatte es indeß anders bestimmt. Vor zwei Jahren erkrankte er, nachdem er sich noch um das Zustandekommen der hier stattgehabten Provincial-Gewerbcausstellung die größten Verdienste erworben hatte, siedelte zur Kräftigung seiner Gesundheit nach Rehburg über, wo er sich auch zur Freude seiner Verwandten und Bekannten Anfangs erholte; später trat leider ein Rückfall ein, er mußte sich in Goettingen einer Operation unterwerfen, an deren Folgen er, wie bemerkt, am 4. d. M. verschied. Seine Leiche wurde hierher gebracht, bei deren Bestattung das zahl- 48