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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-25 · Heft 48 (25.11.1879) · p. Seite 760

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 48 (25.11.1879)
Date
1879-11-25
Page
Seite 760 (sequence 8)
Language
German
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760 2bctfcu ucj du cxc&ttcJateM/. Deutschland. Berlin, 4. November. (Privatmitth.) Die Mißstimmung, welche sich in Deutschland gegen die Juden verbreitet hat, muß als eine pathologische Erscheinung, als ein krankhafter Zustand betrachtet werden, von welchem Urheber und Veranlassung Wohl bekannt sind. Denn eine reale Ursache, ein wirklicher Grund ist nicht vorhanden: jener kann daher nicht als ein natürlicher Proceß, als eine logische oder rationelle Folge anerkannt werden. Die Juden im Ganzen haben schon seit ihrer theilweisen Gleichberechtigung Alles gethan, was ihnen ihre bürgerliche Pflicht und die gesellschaftlichen Bedingungen auferlegten, und was man von ihrer nachtheiligen Beeinflussung schreit, ist Erfindung, Product leidenschaftlicher Erregung. Im Augenblicke blasen die Hetzer aus dem Loche, daß die Juden sich zu wenig an dem betheiligten, was die Arbeit der Hand genannt wird. Trifft der Procentsatz der Juden bei den mechanischen Arbeitern auch nicht das numerische Maß, so ist dies unverkennbar noch immer die Folge der früheren Verhältnisse, in welchen man sie anderthalb Jahrtausende lang gebannt hielt. Wo die Verhältnisse anders lagen, sind auch ganz andere Zustände vorhanden. Wünschten unsre Gegner jüdische Lastträger zu sehen, so brauchten sie nur nach Amsterdam zu gehen, wo ihnen viele hunderte begegnen. In Polen ist die große Mehrzahl aller Handwerker Juden, und wenn sie durch das Gesetz vom ländlichen Grundbesitz ausgeschlossen und nur in Colonien (aber schon über 1<!(>,000!) Landwirthe sind, so findet man sie auch aus allen Straßen nicht blos als Fuhrknechte, sondern auch als Steinklopfer. In Rumänien sind alle Handwerker Juden, und die Rumänen lernen sich jetzt erst an ihnen an. In Salonichi sind die Hafenarbeiter Juden und die Reisenden wissen von ihrem Eifer, ihrer Tüchtigkeit und Anstelligkeit zu erzählen. Freilich im vielwissenden Deutschland weiß man an der rechten Stelle doch nur wenig und daher können die Schreiber und Schreier so Vieles hinausposaunen, was thatsächlich falsch ist. In Berlin übrigens giebt es viele Hunderte wackerer jüdischer Handwerker, wie schon die Zahl der Mitglieder des Vereins zur Unterstützung kranker und invalider Mitglieder, den sie gebildet haben, bezeugt. — Wie man aus Breslau erfährt, ist dort bei der Ersatzwahl Lasker gar nicht zur Wahl gekommen und Freund mit 249 Stimmen gegen 422 durchgefallen. Somit sind nur zwei Juden im Abgeordnetenhause, Straßmann und Marburg. Die Judenfresser können also ruhig sein. Nach dem Bevölkerungsverhältniß kämen in Preußen auf die Juden 5—6 Abgeordnete, es sind deren aber nur 2. Auch sind diese beiden, so ehrenfeste und tüchtige Männer sie auch sind, doch keine hervorragenden Parteiführer. Jedenfalls darf es nicht unbemerkt bleiben, daß es die Fortschrittspartei war, welche ihre jüdischen Mitglieder bewahrt hat, während die national-liberale sie aufgab. — Man schreibt in hiesigen Blättern: In einer die Simultanschule betreffenden Jmmediatvorstellung, welche Mitte October von Synodalen geistlichen und besonders altadeligen Standes an den Kaiser gerichtet wurde, kommt die Stelle vor: „Oder kann man annehmen, daß der evangelische Religionsunterricht, wie er zeitweise in Berlin an paritätischen Schulen sogar von jüdischen Lehrern gegeben worden ist, wirklich in den evangelischen Glauben einführen könne?" Diese Stelle hat dem Cultusminister Veranlassung gegeben, das Provincialschulcollegium zur Ermittelung des etwa zu Grunde liegenden Vorkommnisses aufrufordern. Wir sind überzeugt, daß sich diese Insinuation als durchaus falsch erweisen wird, und glauben wir dies aus eigener Information versichern zu dürfen. Uebrigens wäre es von jüdischen Lehrern ebenso unpassend, derartiges zu übernehmen, wie von den Schulvorständen, es ihnen zu übergeben. — Dresden, 9. November. Der „Leipziger Volks-Zeitung" schreibt man: „Die hiesigen Juden wehren sich gegenüber ihren Peinigern so gut sie eben können. Bekannt ist bereits, daß mehr als hundert der angesehensten Firmen sich gegenseitig verpflichtet haben, bis 1. December nicht in den „Dresdner Nachrichten" zu annonciren. Erscheint auch nur ein Hetzartikel neuerdings oder fördert man redactionell die Bestrebungen des „Neform"-Vereins, so wird dieser Termin verlängert." (Aehnliches ist in einigen schlesischen und westphälischen Orten geschehen. Die Gegner haben darüber ein großes Geschrei erhoben, aber gewiß mit Unrecht. Die Blätter, welche sich ein tägliches Geschäft daraus machen, ihre jüdischen Mitbürger zu verleumden und zu schmähen, noch mit dem eigenen Gclde unterstützen zu sollen, ist wahrlich ein widersinniges Verlangen. Redaction.) Bei dieser Gelegenheit mögen wir die „Leipziger Volkszeitung" dringend empfehlen, die gegen alle Vorurtheile mit allem Nachdruck auftritt und wiederholt die Juden vertheidigt hat. Graudcnz. im November. (Privatmitth.) Ultramontane Blätter klagen von hier, daß, obschon ein Drittel der städtischen Bevölkerung katholisch sei, dennoch nur ein Katholik der Stadtverordnetenversammlung angehöre, während „das kleine Häuflein Juden" neun Vertreter daselbst habe. Der Ausdruck ist gewiß nicht richtig, denn jeder Stadtverordnete vertritt seinerseits die ganze Bürgerschaft, und die Juden haben für sich keine besondere Vertretung nöthig. Jene Blätter bezeichnen als Ursache „die Nachlässigkeit der Katholiken und die

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