Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1879)
- Date
- 1879-11-25
- Page
- Seite 759 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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759 Gedachtniß, das man für eine Geisteskraft hielt, ist Sache der Nervenzellen, denn die Spur des einmal erhaltenen Reizes bleibt für immer in der Zelle zurück (S. 26). Letzteres muß man natürlich auf Treu und Glauben annehmen, einen Beweis dafür giebt es nicht. Wir sind indeß schon gewohnt, daß der moderne Physiolog an die blinde Gläubigkeit seiner Leser größere Ansprüche stellt, als ein mittelalterlicher Dogmatiker. Unsere Seelenstimmungen sind „der Tribut, den wir dem Magen und Bauche zahlen müssen" (S. 19). Die Gedankenbildung wird identisch mit dem sinnlichen Reflex erklärt (S. 41). Die Querfaserverbindungen des Hirnes vereinigen die in den Endzellen der Nerven entstandenen Vorstellungen zum Gesammtbewußtsein (S. 44). Die Erinnerung wird zur Abwechselung auf gewisse Hirnzellen übertragen (S. 46). Wenn der graue Kern des Sehhügels reich an Nervenelcmenten ist, „so sprechen wir von Talenten" (S. 47). Der Grad der Aufmerksamkeit hängt nur von der Frische und dem Blutreichthum der Hirnzellen ab (S. 57). Wir fragen uns, wie kann auf solchen Grundlagen der Verfasier zur Annahme eines besonderen geistigen Prinzipes gelangen? Er klammert sich an einzelne mißverstandene Ausdrücke seiner physiologischen Gewährsmänner (z. B. S. 53». Oder er stellt ganz einfach die Behauptung auf: alles dies genügt noch nicht, um die geistigen Vorgänge zu erklären, folglich muß es eine selbstständige Seele geben (S. 76, 87 ff.). Dabei widerspricht er sich theils, indem er z. B. der Nervenzelle das Bewußtsein abspricht, das er ihr eben vindicirt hatte und das er S. 208 ihr von neuem zucrtheilt; den Willen als ein geistiges Princip erklärt, während er S. 27<< ff. denselben nach physiopsychologischen Grundsätzen nur als eine Reflexbewegung zwischen Nerven und Gehirn bezeichnet; die Einheit der Seele durch die Wahrnehmung immer nur eines unter den vielen gleichzeitigen Eindrücken beweisen will, während er dies Factum srüber durch den starken Blutzufluß zu einer besonderen Gehirnpartie begründet hatte. Theils aber vergißt er, daß die Physiologen sagen: wir haben bereits so viel auf mechanisch materiellem Wege erklärt, daß die Deutung des Nestes nur eine Frage der Zeit sein kann. Nirgends finden wir ein, festes Princip zur Unterscheidung der geistigen von der körperlichen Thätigkeit aufgestellt, wie dies z. B. Dubois-Raymond in seiner berühmten Schrift „Ueber die Grenzen des Naturerkennens" gethan hat. Derselbe verhängnißvolle Mangel zeigt sich auch in dem zweiten Theile unseres Werkes, der „die psychischen Thätigkeiten" betitelt ift. Die Seele wird für eine immaterielle Einheit, die eine Vielheit in sich schließt, erklärt (S. 95 ff.). Hierfür wird als „klares einsichtiges und herzerquickendes" Zeugniß die Darlegung des Physiologen Horwicz angerufen, in der es unter anderm Aehnlichen heißt: „Diese Einheit des Denkens und Bewußtseins muß man jedenfalls nur in den Erinnerungsheerden der Gehirn-Rindensubstanz suchen, wo man eine allseitige Verbindung der Zellen unter einander durch das Endfaser- und Bindegewebsnetz vorfindet." Dies soll die Einheit der immateriellen Seele beweisen!! Der Sinnes- und Seelenmechanismus und der Mechanismus des Willens wird (S. 99 ff. 290 ff.) nach dem berühmten Prof. Jäger aus Stuttgart auseinander gesetzt, der in der jüngsten Naturforscherversammlung durch seine Darlegung, daß die Seele in der Nase und im Gerüche enthalten sei, eine unsterbliche Heiterkeit hervorrief. Unser Vers, macht die Entdeckung, daß die Frauen psychisch feinfühliger seien, weil sie eine zarte Haut haben, Arbeiter dagegen derb und roh , weil ihre Hände schwülig sind! (S. 131.) Wenn das Kind hungrig ift und „Minne, Minne" stammelt, so geschieht dies, weil eine Nervenleitung zwischen den Zellen Hunger, Milch und Minne vorhanden ist! 'S. 169). Die kühnsten physiologischen Hypothesen werden kalten Blutes vorgetragen z. B. l S. 213): man nimmt an, daß jede Zelle nur für Einen Eindruck disponirt ist; man nimmt an, daß jeder neue Eindruck sich deshalb eine neue Zelle sucht, hat er keine Zeit, solche zu finden, so verschwindet er, wird nicht wahrgenommen; findet er eine entlegene, wenig benutzte Zelle, so müssen wir uns lange besinnen, ehe wir seiner bewußt werden.. Ist dieses Kämmerchen-Vermiethen-Spiel der Eindrücke nicht eine wahrhaft köstliche Erklärung der Erinnerungs-Erscheinungen? Mitten dazwischen heißt es dann: „das Denken ist Ergebniß der Thätigkeit der Hirnzellen, doch der Gedanke selbst ist Erzeugniß unserer freien That" (S. i47). Wer es vermag, löse dieses Räthsel, Ref. gesteht, dafür zu einfältig zu fein. Selbst herrliche Phrasen, wie: „Erst wenn hohe Gedanken und ideale Gefühle sich vereinigen, entsteht der freie sittliche Wille, der über den des Pflicht- und Gewohnheitsmenschen hinausgeht, um die Menschheit dem höchsten Ziele des sittlichen Wohlbefindens entgegen zu führen," (S. 292) — selbst diese Phrasen können nicht darüber täuschen, daß daß einzig Consequente und Logische in der weitläufigen Darstellung des Verf. die materialistischen Grundsätze sind. Daß er seine Zuflucht zu Gleichnissen nimmt, in denen das Gehirn bald als „Telegraphenbureau," bald als „Ministerialkanzlei" für den Geist erscheint, verändert an der wahren Sachlage nichts. Man wird fragen, warum Referent dies Buch eingehender besprochen hat? Der Grund ist ein zweifacher. Einmal wollten wir zeigen, welche Verheerungen die Keckheit der materialistischen Schreier selbst bei idealistisch angelegten Geistern — zu denen der Verf. sicher gehört — leider angerichtet hat, zu welchen Extremen sie sich schon versteigt, so daß daraus eine grenzenlose Begriffsverwirrung hervorgeht; und andrerseits wollten wir vor einem Buche warnen, desien verheißungsvoller Titel und dessen lobenswerthe Tendenz manche Leser irre führen könnten. — o. —v.