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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-25 · Heft 48 (25.11.1879) · p. Seite 758

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 48 (25.11.1879)
Date
1879-11-25
Page
Seite 758 (sequence 6)
Language
German
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758 messianischen Zeit geredet wird, so konnte doch in der Volksseele selbst diese große mystische Hoffnung sich nur an die Persönlichkeit eines Messias knüpfen. Wir müssen es also durchaus als einen geschichtlichen Jrrthum abweisen, daß erst mit und durch Bar-Cochba die Juden innerhalb ihrer messianischen Hoffnungen die Vorstellung von einem persönlichen Messias erhalten hätten, daß Liese von den „christlichen Ideen entlehnt" und eine „Nachahmung Jesu" gewesen wäre. Im Gegentheil wäre es unfaßlich, wie Jesus zu dieser Vorstellung gekommen und vom Volke darin verstanden worden wäre, wenn diese Idee als eine echt jüdische nicht schon längst im Volke gelebt hätte. Im Christenthumc selbst aber erhielt diese Idee eines persönlichen Messias eine selbstständige, völlig veränderte Entwickelung, die von der jüdischen Vorstellung durchaus verschieden ward. Wir haben dies bereits wiederholt ausführlich behandelt?) Hier wollen wir nur hervorheben, daß die jüdische Vorstellung dabinging: einst würden sich alle Völker der Erde in der Erkenntnis; des einzigen Gottes, in einem Reiche des Rechtes, der Liebe, und darum des Friedens vereinigen, während die christlich mcssianische Idee ihre Erfüllung in der Erlösung der Menschheit von ihrer Sündhaftigkeit und dadurch der Erlangung der ewigen Seligkeit lehrte und zum unbedingten Glaubenssatz erhob. Es ist keine Stelle, weder in der h. Schrift noch im Talmud zu finden, in welcher mit der messianischen Vorstellung die Sündenvergebung verbunden erschiene, die doch in der christlichmessianischen Idee das wesentliche Moment ausmacht. Im Geiste der jüdischen Masse vereinigte sich mit dem Gedanken des Messias vor Allem die Wiederherstellung der jüdischen Freiheit und Selbstständigkeit, also des jüdischen Staates und seiner Herrschaft, die Beseitigung all' der unsäglichen Leiden, welche die römischen Tyrannen über sie gebracht, die Entschädigung durch ein freudenreiches und geheiligtes Dasein. So und nicht anders faßte das Volk das Erscheinen Jesu auf, und darum waren es politische Gründe, aus denen Pilatus Jesus hinrichten ließ-). Co und nicht anders faßten Akiba und die große Volksmasse das Auftreten Bar-Cochba's auf, nämlich als Messias Las Schwert zu ergreifen und den großen Kampf zu beginnen — während damals (122 nach d. gew. Ztr.) im Christenchume der Begriff des Messias bereits in den des „Gottessohnes" und der „Gottheit Jesu" aufgegangen war. Es ist also unmöglich, hier eine Entlehnung christlicher Ideen und eine Nachahmung Jesu anzuncbmen, welche Renan zu so sonderbaren BehauprungL» verleiteten, bei denen er der geschichtlichen Dokumente, sowre der historischen Verhältnisse vergaß. Doch wenden wir uns noch mit einigen Worten dem Aufstande selbst zu. (Forts, folgt.) 1) Ausführliche Religions lehre Bd. II. S. 144 ff. Weltbewegende Fragen Bd. II. S. 28» ff. 2) Wir Hübe»' Lres «schgewiefen in unsrer Abhandlung: „Haben wirklich Ne HÄven Aestu» gekreuzigt?" (Berlin, Gerschel.) Literarischer Wochenbericht. Vom Rhein, 2. November. Philosophie und Naturwissenschaft stehen sich in der Gegenwart feindselig gegenüber. Es giebt leider wenige Naturforscher — freilich sind es gerade die bervorragendsten — welche die selbstständige Berechtigung der Geisteswissenschaft anerkennen mögen; und die Philosophie, wenn sie sich nicht selbst aufgeben oder doch ihre Mittel zur Begründung eines hohlem Pessimismus nicht mißbrauchen will, kann vor dem Materialismus der modernen Naturwissenschaft das Knie nicht beugen. Diesen Zwiespalt zu versöhnen, unternimmt Prof. Friedrich Körner in einem Buche, das den verheißungsvollen^ Titel führt: „Die Seele und ihre Thätigkeiten. Nach den neuesten Forschungen auf Grund physiologischer Gesetze für Theologen, Pädagogen, Juristen und Gebildete (Leipzig, Oskar Eigendorf l &S0)." Der Verfasser ist überzeugt, man könne „nicht die geringste Erscheinunng im Seelenleben erklären, wenn man nicht das Eingreifen eines persönlichen Ich voraussetzt" (S. 4). Er verficht mit warmen Worten die Nothwendigkeit der Annahme eines weisen Weltenordners; der Mange! unmittelbarer sinnlicher Wahrnehmung desselben dürfe ebensowenig dagegen beweisen, wie der gleiche Umstand gegen die Existenz der großen Naturgesetze, die wir ja auch nur in ihren Wirkungen erkennen 3. 1 ff.). Auf der anderen Seite meint er: „Die einzige Wissenschaft, welche über das Wesen und die Natur der Seele Aufschluß geben kann, ist die Nervenphysiologie. Die Seelenlehre hat demnach nur nachzuweisen, daß alles psychologische Geschehen physiologisch möglich, sie selbst also angevmndte Naturwissenschaft ist" >.S. 2. 5). Schon diese einfache Zusanunenstellung möchte genügen, uns zu überzeugen, daß der Verfasser kaum der rechte Mann ist, „nachzuweiscn, daß man alle Gesetze der Materie und ihrer Einwirkungen auf die Seele anerkennen kann, ohne dadurch genöthigt zu werden, das Dasein und Wirken eines persönlichen Geistes zu leugnen" (S. 4). Denn wenn die Seele oder der persönliche Geist ein eigenes wirksames Princip ist, so muß dasselbe auch seine eigenen Gesetze Haben, nach denen es besteht und wirkt; dann ist aber die Seelenlehre mehr als Nervcnphysiologie, als angewandte Naturwissenschaft, dann giebt es eine eigene Psychologie, deren Ergründung eben Sache des Philosophen ist. Daß der Verfasser diese einfache Thatsache völlig verkannt hat, ist der Grundfehler, der sein ganzes, mit vielem guten Willen und Fleiß gearbeitetes Buch zu einem verfehlten macht. Im ersten Theile giebt er uns in großer Ausführlichkeit die „Anatomie und .Physiologie des Nerven- und Gehirnsystems." Nef. möchte glauben, daß der Vers, hier weniger weitläufig hätte sein können, da man diese Dinge in jedem Lehrbuch der Physiologie findet. Herr Körner nimmt unbedenklich die weitestgehenden Hypothesen der Physiologen an. Das

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