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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-25 · Heft 48 (25.11.1879) · p. Seite 757

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 48 (25.11.1879)
Date
1879-11-25
Page
Seite 757 (sequence 5)
Language
German
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757 dem Lohne, der seiner im Jenseits wartete? Wir wollen hier auf unsre unparteiisch geführte Untersuchung über die Unsterblichkeitslehre im Judenthume') nicht zurückkommen. Aber der vielbelesene Renan mußte wissen, daß lange vor der Zerstörung Jerusalems der Unsterblichkeitsglaube im jüdischen Volke verbreitet und sestgewurzelt war. Er mußte dies wissen, denn eines der vorzüglichsten Charakteristika der aristokratischen Sadducäer war, daß sie an die Unsterblichkeit nicht glauben wollten, weil diese in der Thora nicht ausdrücklich formulirt ist, während die Pharisäer und hinter ihnen das ganze Volk die Unsterblichkeit zum integrirenden Glaubensbekenntniß hatten. Ebenso machte sie einen wesentlichen Theil der Lehre der Essäer aus Die „Weisheit Salomonis" 1 2 3, das zweite Buch der Makkabäers, das Buch Tobias und Josephus §) selbst z. B. in seiner Ansprache an seine Soldaten, sprechen die Unsterblichkeitslehre in einer Weise aus, wie es rationeller und inniger nicht geschehen kann. Im Talmud steht von den ersten Aufzeichnungen in ihm an bis zu den letzten, ihm angefügten, die Lehre vom Diesseits und Jenseits nrn thr; und ICH mit denen sich im Systeme noch n'wEn jTIE*1 5 6 und CTiOn fiVin vereinigen, als Glaubensnormen fest und gerade von R. Akiba selbst, so wie von dessen Schüler N. Jakob haben wir Sentenzen, in welchen der Erstere in einem Gleichniß, der Andere auf's Klarste die Unsterblichkeit aussprachen 7. Alles Dies mußte Renan vergessen haben, wenn er das 1) Ausführliche Rcligionslehre B. II. S. 231 ff. Doch wollen wir uns erlauben, hier das Resultat, so weit es die h. Schrist selbst betrisst, anzusührcn (2. 247): „ 1) Ter ganzen biblischen Anschauung liegt die Unsterblichkeitslehre zu Grunde, ohne jedoch dogmatisch formulirt zu werden, sondern indem sie nur in einzelnen Andeutungen und in den Chethubim in immer deutlicheren Aussprüchen sich zu erkennen giebl; 2) es bestanden neben einander zwei verschiedene Vorstellungen, die eine, .den Denkenden und Höherfühlenden zu eigen, daß die Seele nach dem Tode ein ewiges Leben im Anschanen Gottes, fortschreitend „im Lichte des Lebens" führe, und die Volksanschauung, das; die Abgeschiedenen noch eine Art Wesenhaftigkeit in der Unterwelt besäßen, aber unrhätig und ohne Zusammenhang mit dem wirklichen Leben, welche Volksanschauung zu dichterischen Bildern benutzt ward, aber sich später gänzlich verlor; 3) der Glaube an eine Auferstehung und Wiederbelebung der Todten bestand in der biblischen Zeit nicht, und kann nur rückwärts eine Anknüpfung an mehrere in der Schrift vorkonnnende Gleichnisse finden, die aber an sich jenen Glauben, durchaus nicht aussprechen. Auf dieser Grundlage ging nun die Weiterentwicklung vor sich." — Vergl. auch den Art. Jahrg. 1877 S. 694 ff. 2) Vergl. Josephus, Alterth. 18, i; Jüd. Ar. II. 8. H. 14. 3) S. Weisb. Salom. 2, 22. 23; 3, 2—5. 4) 2 Makk. 7, 29. 36; 12, 43. 5) Tob. 3, 6. 6) Josephus. Jüd. Sit. Hl. 8,5. Josephus braucht zwar diese Rede in Wirklichkeit nicht gehalten zu haben, wie Thucydldes sich ebenfalls dieser Fornr bedient, um seine geschichtlichen Persönlichkeiten sich und die Situationen zeichnen zu lassen; gleichwohl spricht er darin seine und des Volkes Ueberzcngung aus, und um diese ist es uns bier zu thun. 7) Pirks Al). 3, 20: 4, 21, f. unsre Art. über „die Moral der Pirke Aboth" 1878 S. 517. 532. Im 5. Abschn. der P. A. wird uicht allein von m?“ E7y und XEH DTI*,', sondern auch schon von 6an Eden und Gehinnom gesprochen. Vergl. auch Aloöck Eaton 9, 2; 29, l; Taanith ll, l; Sanhedr. 111, 1; Berachoth 4, 2 u. v. a. St. Judenthum der Unstcrblichkeitslchre kaar ausgab, nur damit dieses ohne eigentlichen Glaubenssatz erscheine. Aber noch eines anderen geschichtlichen Eleinents will Renan das Judenthum berauben, und zwar — der Vorstellung eines persönlichen Messias. Es überrascht dies um so mehr als wir das Motiv zu dieser sonderbaren Behauptung nicht anders erklären können, als daß sich Renan hierzu von zwei Kirchenvätern verleiten ließ und die Anklagen gegen Var-Eochba damit häufen wollte. Bar-Cochba, das Haupt des Aufstandes der Juden unter Hadrian, soll ein Betrüger, ein Jmpostor gewesen sein, der sich für den Messias ausgegeben, diese Idee aber dem Chrisienthume entlehnt und Jesus nachgeahmt habe. Renan behauptet fj». IUG); „Alle jüdischen Ausstände knüpften sich mehr oder weniger an messiani'che Hoffnungen; aber noch niemals hatte man eine Person gesehen, die sich für den Messias ausgab. Dies sah man dieses Mal. Ohne Zweifel unter dem Einfluß der christlichen Ideen und in Nachahmung von Jesus gab sich eine Person für den himmlischen Abgesandten aus, der schon so lange erwartet wurde und es gelang ihm, das Volk zu verführen." Man kann sich hierbei zuvörderst nur wundern, wie Renan nicht selbst der Widersprüche gewahr wurde, in die er in diesen Sätzen, sowie an den anderen Stellen versiel, wo er dasselbe behauptet. Noch auf der Seite vorher hatte er bemerkt, daß seit mehr als hundert Jahren das Volk „leicht zu täuschen, bei dem geringsten Hauche messiauischer Hoffnungen, schnell daraufeinging." Wenn aber diese„messianischen Hoffnungen," d. h. doch diese Hoffnungen auf einen Messias im Volke lebendig waren und es zu Ausständen bewogen, so sagt die einfache Logik, daß die Führer dieser Ausstände sich für Messiasse ausgeben mußten oder daß das Volk sie dafür annahm, denn sonst hätten die messianischen Hoffnungen doch gar nichts dabei gethan, hätten gar nicht mitsp elen können. In der That erfahren wir aber auch aus Josephus und selbst aus der Apostelgeschichte, daß unter den Landpslegern Pilatus und Felix häufig solche Messiasse auftratcn, wie Theudas, Simon aus Cypern u. A. Große Haufen von Juden liefen ihnen zu, glaubten ihren Verheißungen von Wunderthaten, bis die römischen Schwerter sie blutig heimsandten. Dies Alles geschah vor, zur und nach der Zeit Jesu, lange bevor christliche Ideen in einen solchen Vordergrund waten, daß sie rückwirkend auf die Juden Einfluß finden konnten. Jedenfalls .gesteht doch Renan selbst zu, daß diese messianischen Hoffnungen schon vor und zur Zeit Jesu das jüdische Volk beherrschten; daß aber diese in der Erwartung des Erscheinens eines Personsönlichen Messias gipfelten, dafür war doch schon bei den Propheten der Grund gelegt. Denn wenn auch nur an drei Stellen bei Jesajas und Secharja*) ein persönlicher Messias verkündet, an den übrigen rnessianischen Stellen nur von einer 8 Jes. 9, 5. 6; 11, 1—10; Secharj. 9, 9. 10.

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