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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-18 · Heft 47 (18.11.1879) · p. Seite 743

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 47 (18.11.1879)
Date
1879-11-18
Page
Seite 743 (sequence 7)
Language
German
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743 überzeugt, daß längst von allem Dem nicht mehr die Rede wäre, wenn die Zeitungen über all' diesen Unsinn mit Stillschweigen hinweggingen. Daß hiermit auch nicht das geringste öffentliche Interesse verletzt würde, ist offenbar. Zu sagen, daß aus diesen Berichten das Publikum die Hohlheit aller dieser Versuche, Haß und Zwiespalt auszustreuen, am besten erkenne, ist doch gewagt; denn es giebt zu viele Menschen, welchen die Schmähungen ihrer Mitmenschen Wohlgefallen und bei denen ste nicht ohne Wirkung bleiben. Von Seiten der Juden selbst in Berlin ist nichts geschehen, was der Anerkennung Werth wäre. Dt. Straßmann war der Einzige, der sich kräftig ausgesprochen, und ihm sekundirte eine Frau, Lina Morgenstern, in rechter Weise. Hingegen warfen sich von unsren Glaubensgenossen Leute zu Vorrednern auf, welchen wir nicht den guten Willen, sonst aber jede Befähigung absprechen müssen. Wenn Sie in gedachtem Leitartikel als das Hauptmotiv dieser Agitationen den Neid bezeichnen, so muß man gewiß zustimmen. Jndeß genügt dies wohl im Allgemeinen. Wenn wir aber die Ultramontanen und die Pietisten in geschlossenen Gliedern und mit unermüdlicher Energie systematisch gegen uns ausrücken sehen, so muß dem doch noch eine andere Ursache einwohnen. Diese beiden Parteien sehen von politischer wie kirchlicher Seite die Juden als ihre Gegner, die Gleichberechtigung der Confessionen als ein ihnen feindliches Princip an. Cie setzen voraus, daß jeder Jude, der in Staat und Stadt eine öffentliche Stellung einnimmt, jeder Jude, der ein politisches Recht ausübt, z. 2*. das Wahlrecht, ein Hinderniß auf ihrem Wege ist, die staatliche Machtfüüe sich wieder zur Dienerin zu machen. Mit der, diesen Parteien eigenen Gleichgültigkeit in der Wahl der Mittel, betreten sie jedweden Weg, der sie zur Verdrängung der Juden aus allen öffentlichen Positionen und zur Beseitigung der Gleichberechtigung führen könnte. Dies ist der Grund ihres systematischen Vorgehens gegen uns, den selbstverständlich Sie in Ihrem allgemein gehaltenen Artikel nicht zu besprechen brauchten. — In einer der letzten Sitzungen der nunmehr geschlossenen evangelischen Generalsynode siel die Aeußerung eines Synodalen auf: „Das größte Unglück ist, daß ein großer Theil des Volkes glaubt, diejenigen, welche die christlichen Glaubenssätze lehren, glaubten meist selbst nicht mehr daran." Und dieser Aeußerung eines der geistlichen Herren wurde von keiner Seite widersprochen. — Die „antisemitische Liga" hat am meisten den Zorn der „getauften Juden" erregt, denn, da sie nicht leugnen können, daß sie Semiten sind, so sehen sie sich mit in das furchtbare Netz dieser Verschwörung hineingezogen. Den Zorn hierüber gab der bekannte Prof, und Prediger Paulus Cassel in dem von ihm herausgegebenen Blättchen „Sunem" Ausdruck. Wohlgemerkt, der Herr Prediger hat wohl nichts dagegen einen „antijüdischen Verein" zu bilden — aber „antisemitisch" das geht nicht. Sein Hauptargument ist daher auch, daß Jesus und die Apostel Semiten waren; der Verein träfe ja auch die Araber, Perser und Afghanen, die auch von Sem abstammen; Stahl's Büste müßte aus dem Herrnhaus geworfen werden u. s. w. Dies sind die Gründe des Herrn Predigers gegen den gedachten Verein. Da passirte es auch dem Herrn Professor, daß er unter Anderem sagt: „Sie nennen sich Christen und wissen nicht, daß dieses ein semitischer Name ist." Nun steht es aber in jedem griechischen Schulwörterbuch, daß Christen vom griechischen %Qt<rrös „bestrichen, gesalbt, gefärbt, geschminkt, übertüncht" kommt (von XQ!(t3\ also kein semitischer, sondern ein griechischer Name, wenn er auch eine Uebersetzung des hebräischen iTC*ö, „Gesalbter", ist. Uebrigens hat selbst der Hofprediger Stöcker erklärt, mit dieser Liga in keiner Beziehung zu stehen. — Dresden, 5. November. (Privatmitth.) Auch in hiesiger Residenz ist der Versuch gemacht worden, Kundgebungen nach der Berliner Art gegen die Juden zu Stande zu bringen. Als Organ dienten den Entrepreneurs die „Dresdener Nachrichten." Sie verhüllten ihre Absichten unter dem Titel eines „deutschen Neformvcreins," der ein Abklatsch der „antisemitischen Liga" werden sollte. Auf Samstag Abend war die Constituirung dieses Vereins anberaumt. Er zog eine ziemliche Masse nach dem dazu bestimmten Lokal. Die Anwesenden mußten aber lange warten, bis endlich ein Herr Müller vortrat, ein Mann, der, wie die hiesigen Zeitungen offen mitgetheilt haben, als Gründer der Centralbank für Landerwerb und Bauten 238,750 Thaler verdient hat, während die Aktionäre völlig leer ausgingen. Dieser Müller nun trat als Comitö vor und forderte Alle, die das Programm nicht unterschreiben, auf, den Saal zu verlassen. Verhandlungen ließ er nicht zu, und da eine solche von den Anwesenden gefordert wurde, ward die Versammlung von ihm für geschlossen erklärt und auch polizeilich geschloffen. Dies war der klägliche Ausgang des Versuches, auch nach Elb-Athen die verdorrten Früchte der Mark zu verpflanzen. — Hierbei bemerke ich noch, daß die „Dresdener Zeitung" vorn 4. Nov. Ihren Leitartikel in Nr. 44 wiedergegeben hat, der übrigens auch in „christlich-conservativen" Blättern abgedruckt worden ist. Mann heim, 6. November. (Privatmitth.) Auch von hier aus ist ein „Offener Brief an Herrn Adolph Stöcker, Hofprediger in Berlin" veröffentlicht worden. Derselbe ist von Moses Oppenheimer verfaßt und im Selbstverlag des Vers's erschienen. Der Verf. ist in den Angelegenheiten der Socialdemokraten als Redner und Nedacteur mehrfach genannt worden, und bekennt sich auch in dem Schristchen als solchen. Wenn auch das letztere nichts Neues bringt, was sich auch wirklich in der sg. Judenfrage kaum noch auffinden läßt, so ist es doch gewandt und mit zutreffenden Argumenten geschrieben. Den Schwerpunkt legt der Verf. darin, daß Alles, wessen man die Juden beschuldigt, allgemeine Uebel sind, die nicht den letzteren allein, sondern den gesammten Zuständen zur Last fallen, wie

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