Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1879)
- Date
- 1879-11-18
- Page
- Seite 742 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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742 und der nachher lange dunkle Jahre lebt, immer würdig der Achtung, aber zukünftig ohne providentielle Nolle." Man sieht, Renan ist in der einen Gedankenreihe schnell von der Höhe wieder hinabgestiegen, auf welche er sich in der Verfolgung einer andern hinaufgehoben hatte. Die bloße Bewahrung des hebräischen Textes des Alten Testamentes wäre doch immerhin eine „providentielle Rolle", da sich der katholische Tbcil der Christenheit mit der Vulgata und die protestantische Kirche mit der lutherischen Uebcrsetzimg begnügt; die Septuaginta waren auch da, die Targumim und die Peschito nicht zu erwähnen. Aber klein war diese „Rolle" doch. Denn der Byzantinismus z. B. war es, der den größten Theil der griechischen Literatur und die Kenntniß der altgrichisch« Sprache erhielt und nach der Eroberung Konstantinopels nach Europa übertrug, gerade wie die Juden nicht blos den hebräischen Text, sondern auch die Kenntniß der hebräischen Sprache den Europäern überlieferten. Aber der Byzantinismus war sehr altersschwach und ist längst erloschen. Dies vermochte Wohl auch Renan, den Juden freigebig „das ehrenvolle Alter" zu gewähren, nachdem er die Todeserklärung doch nicht mehr aufrecht erhalten konnte. Jndeß selbst diese kleine Rolle bekommt schon eine ganz andere Bedeutung, wenn wir die Bewahrung des hebräischen Textes im Dienste der monotheistische» Lehre betrachten. Nur durch die Kenntniß des hebräischen Textes sind die neueren christlichen Forscher dahin gelangt, jene christlich dogmatische Auslegung der Cchriftworte als völlig unrichtig und hineingezwungen, den Zusammenhang der christlichen Dogmen mit den Aussprüchen des Alten Testaments als nicht vorhanden und hiermit die Ansicht von der Erfüllung des Judenthums durch das Christenthum als Illusion zu erkennen. Wenn das letztere auch Wenige zugestehcn wollen, muß cs nicht Renan zugestehen, da er den Sieg der monotheistischen Lehre durch das Judenthum ausgesprochen hat? In solche Widersprüche geräth ein sonst so ausgezeichneter Geist, wenn er inconsequent ist, wenn er in seinen verschiedenen Elans sich bald dahin, bald dorthin führen läßt! — Denn cs soll bald noch schlimmer kommen. Einmal wieder in die Richtung Deutschland. Berlin, 5. November. (Privatmitth.) Ihr Leitartikel in Nr. 44 hat auch hier vielen Anklang gesunden. Man bemerkte mit Befriedigung, daß mehrere Zeitungen ihn ganz öder auszüglich wiedergegeben haben, z. B. die „Allgemeine deutsche! Zeitung," die „Dresdener Zeitung", die „LeipMer PMszeitung" und sogar einige konservative Blätter, und es wäre gerathen, den Juden das geringste Maß eines lebensvollen Werkes Zuzugcstehen, ergreift ihn der Eifer, auch diese Bewahrung des Schrifttextes als ein möglichst kleines Verdienst erscheinen zu lasten. Ein Kapitel weiter, am Schluste des 14. (p. 289) sagt er: „Es ist gewiß, daß ohne die orientalischen Juden der hebräische Text der Bibel sich verloren hätte. Indem sie uns dieses unschätzbare Dokument der alten semitischen Welt bewahrten, haben die Juden dein menschlichen Geiste einen Dienst geleistet gleich dem, welchen die Brahmanen geleistet haben, indem ste die Vedas bewahrten." Man sieht, hier spricht eininal wieder der arische Gelehrte, der dem Semiten schnell ein Verdienst des Ariers an die Seite stellen muß, und dem es vor Allem auf die Zeugniste der alten Welt ankommt. Wie? haben die Vedas den gleichen Werth mit dem alten Testament? Stehen diese bunten orientalischen Mythologien, hier und da mit einem sittlichen Zuge durchwoben, wirklich auf derselben Stufe des allgemeinen Werthes und Wirkens wie die fünf Bücher Moses, die Reden der Propheten, die Psalmen, das Buch Hiob u. s. w.? Tönen die Aussprüche der Vedas auch seit mehr als anderthalb Jcchrtausende von den christlichen Kanzeln und Lehrstühlen und begegnen, wenn auch verkleidet, dem mohamedanischen Lehrer und Schüler in jeder Sure des Korans? Haben die Brahmanen auch eine Zeitlang „das Schicksal des Menschengeschlechts in Händen gehabt, und könnte, wenn ein Zufall sie in ihrer Bestimmung aufgehalten hätte, nicht begriffen werden, wie es um die Geschichte des Menschengeschlechtes stände?" Waren die Brahmanen auch die Träger einer Idee, welche „siegen und die Welt bekehren" sollte? Herr Renan ist selbst schuld, wenn man ihm diese Fragen vorrückt, bei denen man sich nur seiner eigenen Worte bedient. Wer so am Schluffe eines CapitelS das Gegentheil von dem sagt, was er ein Capitel vorher in beredtester Weise vorgetragen hat, der darf sich nicht wundern, wenn man ihn des folgerichtigen Denkens bar erklärt, und sich auf der einen Seite seiner freut, während man auf der anderen ihn bedauert. Trotz der Anerkennung, die wir seinem vorzüglichen Talente widmen, müssen wir doch noch weiter mit ihm abrechnen. (Forts, folgt.) xc&uclkeu/. Ih wünschen, daß dies noch recht häufig geschehe, namentlich m den Provincialblättern. Freilich hat sich die Berliner Preffe in der Bekämpfung einer dem Wohls des Landes, dem Frieden der Confessionen so feindlichen Richtung durchaus nicht bewährt. Außer der „Volkszeitung" trat kein einziges größeres Blatt der wüsten, schmutzigen Fluth mit Ernst entgegen; im Gegentheil gaben sie nur ellenlange Berichte aus den Stöcker'schen Versammlungen und ähnlichen Kundgebungen, und sprechen immer wieder von der „antisemitischen Liga." Ich halte mich