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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-18 · Heft 47 (18.11.1879) · p. Seite 744

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 47 (18.11.1879)
Date
1879-11-18
Page
Seite 744 (sequence 8)
Language
German
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744 * Kenn dieselben Zustände in Ländern vorhanden sind, in welchen nur wenige oder gar keine Juden existiren. Mit solchen falschen Anklagen wird aber nur geschadet, da sie die eigentlichen Quellen des Uebels verschleiern, und Haß und Zwiespalt zu den allgemeinen Schäden hinzufügen. Die Verbreitung des Heftchens ist sonnt zu empfehlen. Mainz. 5. November. Durch die Stadterweiterung ist auch der jüdische Friedhof in die Stadt und den Alignementsplan einbezogen worden. Er mußte daher als Bcgräbnißplatz geschloffen werden. Die Stadt hat dafür der jüdischen Gemeinde ein großes Terrain zum Selbstkostenpreise abgegeben. Nun wurde in Folge der Stadterweiterung das Gartenfeld mit einer auf das Bauterrain auszuschlagenden Extrasteuer im Betrage von einer halben Million Gulden betroffen und die jüdische Gemeinde soll hierzu für den Bcgräbnißplatz 16,000 Mark beitragen. Die Gemeinde weigert sich deffen, weil nach dem bestehenden Gesetze Kirchen und Kirchhöfe steuerfrei seien, wogegen die Stadt einwendet, daß gedachter Begräbnißplatz nicht mehr als solcher benutzt werde. Auf die Austragung dieser Streitfrage ist man gespannt. Osnabrück, 4. November. (Privatmitth.) Während in der Neichshauptstadt die extremen Neactionäre kühn das Haupt erheben und vor Allem in „Judenhetze" machen, unterläßt man auch in den Provinzen keine Gelegenheit, um das Volk in dieser Richtung hin zu vergiften. Und hier ist es um so gefährlicher. Denn in einer Stadt wie Berlin ist Alles nur Mode und nutzt sich schnell wieder ab, da jeder neue Gegenstand die öffentliche Aufmerksamkeit in regster Weise auf sich zieht. In dem Stillleben der Provinzen aber senkt sich jeder Gifttropfen tief in die Seelen ein und ist kaum wieder daraus zu entfernen. So erscheint hier jetzt ein „Leo-Kalender für das nordwestliche Deutschland," wie unter dem früheren Papste ein „Piuskalender." Außer anderen schönen Gaben wird S. 101 ein Holzschnitt gebracht, auf welchem einem Juden von einer modernen Gestalt mit einer Emancipations-Urkunde ein Lorbeerkranz auf's Haupt gesetzt wird, während von hinten ein Alt- Deutscher mit einer Keule ihm auf den Rücken schlägt. Darunter steht: „Es ist dem deutschen Volke etwas Semitisches in die Glieder gefahren. Darum hat man gedachter Nation neuestcns mit der größten Bereitwilligkeit alle Rechte eingeräumt, ja man hat ihre Religion und ihren Handel mit Privilegien ausgestattet. Würden unsre Väter aus dem Grabe aufstehen, wie würden sie sich wundern!" Wir möchten die Privilegien kennen, mit denen man unsre Religion ausgestattet, während wir Juden zu den großen Cultuskosten der beiden Kirchen bei-- steuern müffen, die jüdischen Cultuskosten aber nicht den geringsten Zuschuß vom Staate erhalten. Ebenso unwahr ist es, daß der Handel, den Juden treiben, mit Privilegien versehen ist. Es giebt keinen Handel, den nicht die Nichtjuden ebenso betreiben, und die Handelsgesetze sind für Alle gleich. Das ist jedoch wahr, daß wenn die Väter aus dem Grabe aufstünden, sie sich sehr wundern würden. Es kommt nur darauf an, aus welchem Jahrhundert? Stünden sie aus der Zeit der Kreuzzüge auf, so würden sie sich allerdings über die Herrschaft des Rechts und der Menschlichkeit sehr wundern. Würden sie aus der zweiten Hälfte des vorigen und der ersten des gegenwärtigen Jahrhunderts aufstehen, so würden sie sich über die Ansprüche außerordentlich wundern, welche die Ultramontanen jetzt wieder auf die Herrschaft über den Staat in allen Ländern erheben, und über das wüste Geschrei, mit dem sie ihre Forderungen durchzusetzen suchen. Ja, die Gleichstellung der Juden, wie der Culte überhaupt, ist ihnen ein Dorn im Auge! Daß die Protestanten da, wo die Ultramontanen das Heft in Händen bekämen, dasselbe Schicksal hätten, bezweifelt Niemand. Breslau, 4. November. (Privatmitth.) Bei der gestern Abend abgehaltencn Versammlung der Wahlmänner der nationalliberalen Partei schlug Prof. vr. Röpell den Or. Lasker vor, den der Fünfziger-Ausschuß hierzu ausersehen hatte. Er hielt es für nothwendig, schließlich „auch auf einen Punkt zu sprechen zu kommen, der allerdings bezüglich der Wahl Lasker's auf Aller Lippen schwebe. Es sei dies, daß Lasker ein Jude sei. Man wisse, bemerkt Di*. Röpell, bis zu welch unwürdigem Grade der Judenhaß in unserer Stadt sich in den öffentlichen Blättern breit mache und wie diese Hetzereien selbst bis in die höchsten Kreise der gebildeten Welt eingedrungen seien. Redner ist überzeugt, daß die Mitglieder einer liberalen Partei ein solches Treiben als ihrer unwürdig verachten. Die liberale Partei sei von Anbeginn an für Gleichberechtigung unserer jüdischen Mitbürger, welche die gleichen Lasten mit uns tragen, eingetreten, und wer jetzt in die Hetzereien gegen die Juden mit einstimme, fehle gegen einen der obersten Grundsätze liberalen Geistes. Wenn Lasker auf Grund seiner Confession Antipathien begegne, so müsse es Pflicht jeden liberalen Mannes sein, solchem Treiben persönlich entgegenzutrcten. Eine Partei, welche ihren eigenen ersten Führer aufgäbe, vernichte sich selbst. (Bravo!) Juwelier Markfeldt würde die Wahl Lasters für eine Ehre für Breslau halten, aber sie sei einfach unmöglich. Redner bestreitet, daß die Judenhetze in den Kreisen der Bürgerschaft bereits einen so hohen Grad angenommen habe, wie Prof. Dr. Röpell meine. In confessioneller Beziehung hat Redner nichts gegen Lasker cinzuwenden, ihm widerstrebe deffen politische Richtung. Das ganze Land habe Lasker fallen lassen (Widerspruch), mit deffen Aufstellung sich die hiesige Partei, nachdem sie für Hobrecht gestimmt, ins Gesicht schlage. Der linke Flügel der Nationalliberalen Breslau's sei durch Wächter und Meyer bereits genügend vertreten. Commerzienrath Molinari wird durch den Vorgang in der Partei an das alte Griechenland erinnert, wo es auch Sitte war, Männer, die sich wiederholt um das Vaterland ver-

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