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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-18 · Heft 47 (18.11.1879) · p. Seite 741

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 47 (18.11.1879)
Date
1879-11-18
Page
Seite 741 (sequence 5)
Language
German
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741 und auch in diesem bestehen blieb, dieses Judenthum in seiner! Fortexistenz einen Zweck, eine lebendige Kraft, eine Mission; besitzen müsse. Wie sollte es sich sonst bis heute noch in das Gefüge der Geschichte haben einschieben können? Wie sollte : es überhaupt ohne Leben und Bestimmung in so vielen verschiedenen Klimaten und unter allen geschichtlichen Umwälzungen haben fortexistiren können? Zu diesem einfachen Schlüsse wollten sie aber, die auf dem Grunde des Christenthums standen, nicht kommen und Jemand, der ihnen das Gegentheil demonstrire, war nicht da. Wir sagen: „auf dem Grunde des Christenthums." Denn selbst Diejenigen, welche sich von diesem Grunde losgelöst, treten auf denselben zurück, sobald sie das Judenthum in's Auge fasten. Renan machte hiervon keine Ausnahme. Im tiefsten Grunde seines Wesens, trotz aller kritischen Tendenzen, am Christenthume hangend und in jenem Schematismus befangen, konnte er sich nicht bestimmen, dem Judenthume neben dem Christenthume irgend eine Geltung, irgend ein besonderes Leben zuzuerkennen. Noch im letzten Bande bezeichnet er es als Mumie, und sah in seiner dichterischen Phantasie die Juden achtzehn Jahrhunderte schon als „Skelette und Gespenster aus ihren Höhlen kommen." Wie steht es nun hiermit in dem vorliegenden Bande? Seitdem ist er vorgeschritten. Er hat sich mit dem jüdischen nachbiblischen Schriftthum, besonders auch mit dem Talmud beschäftigt. Hieß es doch sogar in den öffentlichen Blättern, daß sein nächster Band sich lediglich mit dem Talmud beschäftigen werde. Dies ist nun nicht der Fall und lag auch nicht in der Composition seines gesammten Werkes. Nur ein Capitel trägt diese Ueberschrift (das 13.) und bezeugt jedenfalls, daß er sich mit dem Talmud bekannt gemacht. Hieraus muß er doch eine Aendenmg seiner Ansicht geschöpft haben. Wir haben bereits in Nr. 4u ein Bruchstück übersetzt, dem jedoch die Ueberschrift „La religion du juil‘“ nicht vom Autor, sondern von dem es mittheilenden Echo du Parlament gegeben worden. Es ist vielmehr aus dem 13. Capitel „Ueber den Talmud" entnommen. Hier, wo sich Renan in die Betrachtung der Geschichte des jüdischen Stammes während der letzten anderthalb Jahrtausend versenkt, erhebt er sich zu. der Erkenntniß, daß das treue, ungebrochene Festhalten der monotheistischen Lehre „das ganze Judenthum" sei und daß dieses hierdurch „schließlich gesiegt und die Welt bekehrt habe («jui a fini par l* empörter et convertir le monde). Wer dieses sagt, ist doch tvohl daran, dem Judenthume innerhalb des Christenthums und des Islam eine Mission zuzuschreiben, nämlich die Bewahrung und Ausrechterhaltung der reinen monotheistischen Lehre, bis diese „gesiegt und die Welt bekehrt" haben wird! Solches vermögen aber nicht Todte, sondern nur Lebende, mit voller Lebenskraft Ausgerüstete, sich ihres Lebens, ihrer Bestimmung, ihres Zieles Bewußte! Auch im weiteren Verlause kommt Renan zu gleichen Resultaten. Er findet, daß das Judenthum außer seinem „Schema" keine Dogmen zur Basis der religiösen Gemeinschaft gemacht, sich dadurch eine völlige Dcnkfreiheit bewahrt habe. „Dies ist", ruft er aus, „die Ursache jener philosophischen Unabhängigkeit, welche während des Mittelalters und. bis zu unsren Tagen im Judcnthum geherrscht hat", und beruft sich hierfür auf Maimonides, Albo, Mendelssohn — er hätte diese Dreizahl mit noch vielen Anderen von Gabirol an vermehren können. Weiterhin (p. 251) sagt er: „Der jüdische Geist ist mit einer außerordentlichen Kraft (d'nne extreme puissance) begabt. Man hat ihn gezwungen, zu phantasiren (ä delirer), indem man ihn während Jahrj Hunderte in einen engen und unfruchtbaren Kreis von Ideen ' einzwängte." Er sagt (p. 256): „Es kann keinen gebildeten (elevc) Geist geben, der nicht eine hohe Sympathie für einen Stamm fühlen müßte, besten Rolle in dieser Welt so außerordentlich gewesen ist, daß man in keiner Weise begreifen kann, was die Geschichte des Menschengeschlechts geworden wäre, wenn ein Zufall die Geschicke dieses kleinen Stamme? ' aufgehalten hätte." Man wird zugeben, daß man das Dasein I des jüdischen Stammes nicht mit nachdrücklicheren Worten feiern kann. Und wie? Ein Stamm, der die Erhaltung der j „Alles überwindenderr" reinen monotheistischen Lehre zu seiner ■ unentwegt festgehaltenen und tausend Male mit dem Tode; besiegelten Lebensaufgabe macht, der diese, um sie in Zeiten der Uncultur, der Barbarei treu lösen zu können, sich mit ' einem is.olirenden Ritual umgiebt, der mit einer „außerordentlichen Mächtigkeit des Geistes begabt" ist und diese „in j philosophischer Unabhängigkeit, in völliger Denksreiheit" erhält j — dieser Stamm soll dennoch zugleich todt sein,, keine Mission, ' keine providentielle Rolle haben, ohne Inhalt und Aufgabe leben? . . . Einen solchen Widerspruch, einen solchen halsj brecherischen Sprung macht ein Renan nicht. Seine Worte .deuten zu klar an, daß er jetzt von der Mission, von der! „providentielle» Nolle" des Judenthums überzeugt ist . . . i Aber wird er dabei stehen bleiben? wird er die nothwcndige Consequcnz der aufgefundenen THatsachen im Bewußtsein be- > halten? . . . Renan's schwankende Natur und seine Tendenz, -denjenigen Gedanken, der ihn im Augenblick beschäftigt, vorzugsweise zu betonen, ließen ihn nicht dazu gelangen. Denn nach und trotz den citirten Aeltßerungen und sie alle vergessend, fällt er zuletzt so weit ab, daß er die Mission und das Verdienst des jüdischen Stammes seit besten Zerstreuung nur darin findet, daß er — den hebräischen Text des Alten Testaments betvahrt habe, „welchen .wahrscheinlich die Christen hätten verloren gehen lassen (j>. 257)". In seiner Mißachtung des Talmuds — nicht von ethischer, sondern von intellectueller Seite — wir werden darauf zurückkommen — in seiner Mißachtung des Talmuds sich erhitzend, schreibt er dem Judenthume nur „das ehrenvolle Alter eines Mannes zu , der ein Mal in seiner Hand das Geschick der Menschheit gehalten

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