Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1879)
- Date
- 1879-11-18
- Page
- Seite 740 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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740 das Vedürfniß nach schöner Form, nach elegantem Ausdruck und anmuthender Gruppirung, wie sie einem hochgebildeten Zeitalter als ein nothwendiges Erforderniß erscheinen, und die zur rhetorischen Phrase verleiten. Und daß auch diesem Requisit ein innerer Gegensatz nicht fehle, richtet sich die Tendenz in Kunst und Wissenschaft auf den Realismus, auf die nackte, nüchterne Wirklichkeit, die überall den eigentlichen Inhalt der Forschung und der Darstellung ausmachen soll. Aus dem Zusammensiuß aller dieser Richtungen gehen zwar die mannigfaltigsten Erzeugnisse hervor, aber diese werden von jenen allen Etwas an sich haben, und darum wieder ein entschiedenes und entscheidendes Resultat nicht enthalten. Wir meinen nun, daß gerade Renan ein Abbild dieser an sich so verschiedenen Tendenzen und wie sie in der Zeit in einander schießen, ist. Aus einer strenggläubigen Erziehung hervorgegangen und zum Criticismus gelangt, mit einer bedeutenden Gelehrsamkeit, die durch fortgesetzte cnrsige Studien immerfort erweitert wird, aber ebenso mit einer feurigen Einbildungskraft versehen, Denker und Dichter zugleich, mit einer wahrhaft platonischen Beredtsamkeit begabt, verfaßt er Schriften, die der allgemeinsten Aufmerksamkeit würdig sind und diese auch finden, Schriften, welche eine Menge Gesichtspunkte theils eröffnen, theils verfolgen, die jedoch durch das Schwanken zwischen den Gegensätzen, durch das Ueberwiegen bald des einen, bald des andern Extrems, bald des kritische» Verstandes, bald dichterischer Phantasie keinen Abschluß für die Gegenstände gewähren, die sie behandeln, ja kaum einen festen Boden, auf dem es sich unmittelbar weiter arbeiten ließe. Dieser Einfluß der verschiedenen Grundzüge in seinem Geiste und der in ihm waltenden Kräfte macht sich denn auch in seinen aufeinanderfolgenden Schriften, ja oft selbst in dem einzelnen Bande derselben bemerklich, und wir müssen auf Widersprüche und Oberflächlichkeiten in ihnen gefaßt sein. — Es versteht sich von selbst, daß wir in der Besprechung des vorliegenden Bandes auf Alles, was das Ehristenthum und den Gang seiner Entwicklung, auch sein Verhältniß zum Heidenthum berührt, hier nicht eingehen. Aber die Zeit, welche Renan in diesem VI. Bande bespricht, vorzugsweise die des römischen Kaisers Hadrian, ist zugleich die, in welcher die letzte Auseinandersetzung zwischen dem Christenthum und dein Judenthum stattfand. Wir sagen „Auseinandersetzung", denn Weiterhill geschah eine solche nicht lvicdcr, sondern begann die Unterdrückung des Judenthums durch das Ehristenthum. Eine Auseinandersetzung zwischen beiden Religionen begann erst wieder in der neuesten Zeit. Höchstens fönntc man aus dem Mittelalter das Buch Kusari hierherziehen. Die in der mittelalterlichen Zeit mehrmals in Scene gesetzten Disputationen zwischen^ katholischen Priestern und Rabbinen waren nur erzwungene, alle Freiheit auf der einen Seite entbehrende Schaustücke. Maimonidcs, mitten im Islam lebend, wandte vielmehr gegen die innerhalb desselben entstandenen Secten und Philosopheme. Selbstverständlich widmet daher Renan dieser Auseinandersetzung einige Capitel, und zwar Cap. 2; 11 —14 (p. 21; 186—280). Diese sind es, die wir einer Beleuchtung unterziehen wollen. Wenden wir uns zunächst dem Hauptmomente zu. Sobald das Ehristenthum eine specifische Gestaltung erlangt hatte, was ziemlich im Verlaufe des zweiten Jahrhunderts geschah, so stellte es sich nicht als einen Gegensatz, sondern als „die Erfüllung des Judenthums" hin. Dazu mußte es sich zunächst aus der Streitfrage, ob das jüdische Gesetz aufrecht zu erhalten sei oder nicht? herausarbeiten, mußte es die Secten, z. V. die Ebionitcn, überwinden, welche die Verbindung des Glaubens an Jesus mit der Ausübung des Gesetzes verlangten; es mußte seine ganze Bedeutung auf die allinälig entwickelten christlichen Dogmen legen und diese sowie die vorgetragenen Lebensmomente Jesu auf die messianischen Stellen des Alten Testamentes stützen und letztere möglichst zu vermehren suchen. Keinem Unbefangenen kann es fraglich sein, daß zu diesem Zwecke eine künstliche und gewundene Interpretation erforderlich toar, welche die Schriftworte sowohl aus ihrem natürlichen Znsaminenhange riß, als auch ihnen den willkürlichsten Sinn unterschob. Diese aufrecht zu erhalten, war eine unbedingte Autorität erforderlich, und eine solche fand sich denn auch bald 'ein, und nicht lange währte es, bis sich ihr das weltliche Schwert zu Gebote stellte und oft genug seinen Dienst in blutigster Weise ausführte. Die Proteste der Juden gegen diese Art Auslegung wies man zurück und ^brandmarkte deren Berufung auf den einfachen und natürlichen Sinn mit Verstocktheit, Hartnäckigkeit und sogar Fälschung. Dafür ließen die Juden sie auch bald getvähren, gingen über die christlichen Deutungen hintveg und behandelten sie als Meinungen, über die gar nicht zu discutiren sei. Von hier ab verkündete sich also das Christenthum als „Erfüllung der Lehre Mosis und der Propheten", und sah hiermit das Judenthum nunmehr als ohne Zweck, ohne Bestimmung, ohne Leben, als — todt an. Diese Anschauung ging der ganzen christlichen Theologie aller Kirchen und Secten so in's Blut über, daß sich selbst die schärfsten Kritiker bis heute nicht davon sreimachen konnten. Es kam nämlich jene schematische Behandlung der Geschichte hinzu, welche in dieser einen rubricirten Entwicklungsgang finden wollte, so daß, weil das Christenthum, aus dem Judenthume entsprungen, zur Herrschaft der Welt gelangt sei, nothwendig das ihm vorangegangcne Judenthum überflüssig und zwecklos getvorden sei. Freilich hätten diese Schematiker, tvollten sie consequent sein, noch einen Schritt weiter gehen und zu dem Schluffe kommen müssen, daß, weil doch das Judenthum cristirt, weil dasselbe durch das Ehristenthum nicht abgeschafft, nicht getödtet worden, weil es sogar ein halbes Jahrtausend später noch den Islam gebar,