Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1879)
- Date
- 1879-11-18
- Page
- Seite 739 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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739 ärgsten Realisten, selbst ihre Religion dient ihnen zum Mantel ihrer materiellen Interessen. Im Namen der Gewissensfreiheit wurden sie befreit; die jüdische Frage ist aber keine der religiösen Freiheit, sondern eine politische und sociale. Dieser Jrrthum, der durch die Humanitarier des achtzehnten Jahrhunderts verbreitet worden, muß jetzt gebüßt werden." Mit der feinsten Ironie giebt nun der Franzose die Schilderungen Marr's von der Omnipotenz der Juden in Deutschland in der Gesetzgebung, in der Presse, in der Finanz wieder — bis zu dessen pathetischem Schlußausruf. Wir glauben jedoch, daß der französische Autor den Herrn Marr und Genossen etivas zu fein genommen habe, indem er ihnen metaphysische Motive zuschreibt. Nichtiger wäre es gewesen, wenn er diese dritte Classe als aus einem Theile der Journalisten und Literaten bestehend bezeichnete. Auf den Pessimismus oder Optimismus kommt es ihnen nicht an. Nur mit ehrenvollen Ausnahmen sind in Deutschland die Journalisten und Literaten eingefleischte Feinde der Juden. Man braucht z. B. nur die Roman- und Novellenliteratur durchzublättern: man findet überall die empörendsten Schilderungen und Carrica turen von den Juden, oft mit den Haaren herbeigezogen. Wie die Ammenmärchen der Feen, Hexen, Zauberer und Kobolde nicht entbehren können, so vermögen die Roman- und Novellenschreiber sich nicht der schlechten und lächerlichen Juden zu entäußern. Es versteht sich, daß auf dem wissenschaftlichen Gebiete dies aufhört: aber als wollten sie sich für diese Entbebrung entschädigen, können selbst hervorragende Männer der Wissenschaft es nicht unterdrücken, bei Gelegenheit ihrem Judenhaffe Luft zu machen. Die Beispiele sind zu häufig, als daß wir solche anzuführen brauchten. Daher kommt es, daß die judenfresserischen Skribler immer eine Reihe von Citaten aus den Werken von Männern an der Hand haben, welche Zierden der Wissenschaft waren und sind. Es gehört dazu nicht einmal große Belesenheit, schreibt sie doch Einer dem Andern bequem nach. Wir wollen diese jedoch nicht zu einer besonderen Classe stempelm, sondern nur als eine Abart der zweiten. Der französische Kritiker fährt fort: „Vielleicht wäre es von Seiten der Deutschen gescheiter, sich zu freuen, als sich zu beunruhigen über die schnellen Fortschritte des jüdischen Stammes in ihrem Lande. Die so gegen die Juden geschriebenen Pamphlete dienen zu deren Apotheose. Indem sie unkluger Weise die Juden von den anderen Deutschen trennen, heben sie die Eigenschaften der ersteren zum Nachtheil der letzteren hervor." Diesen Gedanken führt er weiter aus und erinnert daran, daß vom heiligen Bonifacius an bis auf Voltaire, Diderot, Rousseau die Deutschen immer des Anstoßes von außen bedurften, um vorwärts zu kommen. Es sei falsch, tvenn Marr, der überall nur Semiten sieht, auch Frankreich von den Juden geleitet und beherrscht zu zeigen sucht. Von ihrer Emancipation an waren „die Israeliten für uns kostbare Mitarbeiter, treffliche! Interpreten, aber weder Führer noch Häupter." Die Juden seien ein höchst nützliches Element auch in Deutschland in nationaler und politischer Beziehung. Sie haben überall dem materiellen und geistigen Fortschritt gedient. Die Juden, und dies sei eine merkwürdige Eigenthümlichkeit, „vereinigen den religiösen und den practischen Geist, den Geschmack für die metaphysische und für die finanzielle Speculation. Wer kann, ruft Bourdeau aus, die Reihe der verdienstvollen Juden, von Moses und Salomon, von Jesus und den Aposteln bis zu Heine, Meyerbeer, Rothschild, Veaconsfield aufzählen! Und hierzu die ausgezeichneten Frauen. Will man dies Alles vergessen und diesen großen weltgeschichtlichen Stamm für lauter Trödler und Gründer ausgeben?! Wenn wir von diesem Artikel Manches hinwcgnehmen, was aus der französischen Abneigung gegen die Deutschen gcstossen, so halten mir. ihn für durchaus beherzigensiverth. Man muß doch auch in Deutschland inne werden, daß durch dieses schmähliche Treiben und Hetzen gegen einen Theil der deutschen Bevölkerung nichts als Schaden angerichtet und in den eigenen Eingeweiden gewühlt wird. Möge der einsichtsvolle Theil der Nation die Beweggründe erkennen, welche diese Hetzer und Wühler beseelen, und daß sie nur eine Nolle spielen wollen, die ihre sonstigen Fähigkeiten ihnen versagen; möge er begreifen, daß, um Deutschland groß und in seiner geistigen und materiellen Mächtigkeit zu erhalten, vielmehr die Eintracht, der Zusammenschuß aller Kräfte, das einheitliche Zusainmenwirken erforderlich ist! Ernst Uenan's neueste Schrift, r. Wir haben bereits in Nr. 45 aus französischen Blättern ein kleines Bruchstück aus der neuesten Schrift Ernst Renan's „L'Eglise Chreticnne“, dein YL. Bande seiner „Ilistoire des Origincs du Chrislianismü“, gebracht. Jetzt liegt das Werk vor uns und wir erachten es für eine Pflicht, etivas näher darauf einzugehen. Renan ist nach unsrer Meinung ein so charakteristischer Ausdruck unsrer Zeit, wie wir ihn von allen Schattirungen der. Gegenwart kaum in diesem Maße wiedersinden. Die Gegenwart — sie wird bewegt und beherrscht einerseits vom Scepticismus, von jenem Criticismus, vernicht ansteht, bei umfassender Belesenheit, bei der Mächtigkeit angesammelter Beobachtungen auf irgend nebensächliche Bomerkungen hin die kühnsten. Hypothesen zu bauen: andererseits von der schroffsten Kirchen- und Buchstabengläubigkeit, und zwischen diesen beiden Extremen tvallt auf. und ab eine unübersehbare Masse, tvelche sich ebenso wenig des Skepticismus, wie der Gläubigkeit zu entschlagen vermag. Hierzu kommt