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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-11-18 · Heft 47 (18.11.1879) · p. Seite 738

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 47 (18.11.1879)
Date
1879-11-18
Page
Seite 738 (sequence 2)
Language
German
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738 Race: die Invasion kommt nicht von den Chinesen wie in Amerika, noch von den Jesuitenpatres wie in Frankreich, sondern von den Juden und zwar von den deutschen Juden." So ist es. Wer diese deutschen Pamphlete liest, kann sich nicht denken, daß die Juden bereits anderthalb Jahrtausende mit den Deutschen dasselbe Land bewohnen, sondern daß sie erst ganz neuerdings in demselben aufgetaucht seien. Der Verfasser wirft zunächst Marr vor, nicht die geringsten Angaben über die Verhältnisse der Juden in Deutschland, nicht einmal über die Zahl derselben gegeben zu haben. „Es ist", sagt er, „ein Unglück der Deutschen: wenn sie sich anschicken, ihre Theorien auseinanderzusetzen, so steigen sie, wie man sich ausgedrückt hat, in einem Luftballon auf, so sehr entfernen sie sich vom soliden Boden der Thatsachen, der Zahlen und der Beweise." Dennoch, meint Bourdeau, bezeugt der Erfolg dieses Pamphlets und der ihm vorangegangenen von Richard Wagner, Glagau u. s. w., das Wiedererwachen des allgemeinen Hasses gegen die Juden in Deutschland. Natürlich veranlaßt dies den französischen Schriftsteller, mit Stolz auf sein Frankreich zu blicken. „Man darf die Lage der Israeliten in Deutschland nicht nach derjenigen, die sie in Frankreich einnehmen, beurthcilen. Unser Land ist das erste, das sie seit fast einem Jahrhundert zur Gleichheit in bürgerlichen und politischen Rechten zugelassen hat. Obwohl sie gesondert geblieben, obwohl sie nicht durch Verheirathung in unsre rein französische Gemeinschaft aufgegangen sind, so scheiden wir doch nicht unsre Landsleute, die Juden sind, von denen, die es nicht sind. Unsre Sitten haben ihnen nach und nach denselben Platz gesichert, wie unsre Gesetze. Wir haben Achtung vor ihren Verdiensten, Würdigung ihrer Talente und ihrer Besitzthümcr. Die lange Uebung der Freiheit, das Gefühl ihrer socialen Unabhängigkeit und ihrer Loyalität gegen ein Vaterland, das für sie eine Mutter und nicht^eine Stiefmutter ist, sichern den Franzosen jüdischer Religion den ausgezeichnetsten Rang unter ihren ausländischen Glaubensgenossen." Der Verfasser zieht hieraus einen sehr zutreffenden Schluß. Wenn die Juden wirklich ein wanderndes Volk, ein Ahasverus wären, der sein Vaterland an seinen Sohlen trägt, müßte ein wahrer Auszug derselben nach Frankreich stattfinden. Dennoch sind sie neunmal zahlreicher auf deur für sie „so lange Zeit ungastlichen Boden Deutschlands." Es war unter Friedrich 11., daß Lessing seine großherzige Stimme in einem deutschen Meisterwerke für sie erhob. „Während aber die Deutschen die Juden idealisirten, emancipirten sie die Franzosen", und erst seit 1848 genießen die deutschen Juden die vollen Rechte. Selbstverständlich machten sie seitdem eine lebhafte Bewegung vorwärts und schloffen sich ganz besonders seit 1866 der deutschen Ncichsidee mit allen Kräften an. Aber schon dieses verhältnißmäßig geringe Hervortreten der Juden im politischen und nationalen Leben erweckte die Reaction gegen sie, welche sich gegenwärtig in Deutschland fühlbar macht. Jndeß, meint Bourdeau, läßt sich diese Reaction nicht blos aus dem gedachten Umstande erklären. Er findet vielmehr drei Claffen von „Judenhaffern". „Es sind zuerst die eifrigen Protestanten unb die streitenden Katholiken." Nach den langen drückenden und blutigen Verfolgungen, meint Bourdeau, hätten die Juden keine andere Rache genommen, als daß sie im Parlament und in den Journalen „die Sache des modernen Staates, die Gesetze d^s Culturkampses unterstützten: dies ist ihr neues Verbrechen und man ruft deshalb: „Hepp, Hepp!" Kennte der Franzose noch gründlicher die Verhältnisse und Zustände in Deutschland, so hätte er hinzugefügt, daß auch hierin seitens der Ultramontanen eine große und absichtsvolle Uebertreibung liegt. Die jüdischen Abgeordneten im Parlament verhielten sich bei den desfallsigen Verhandlungen schweigend und sprachen und stimmten sogar gegen die Ausweisung der Jesuiten als eine Polizeimaßregel. — Jene Judenfresser trafen nun in Deutschland einen mächtigen Bundesgenossen in den „Philistern, die daselbst zahllos sind wie der Sand am Meere." „Dies sind die Zeichen, an denen man den deutschen Philister erkennt: er ist zu gleicher Zeit hochmüthiz und zanksüchtig, beschränkten Geistes, eifersüchtig und neidisch auf Alles, was ihn umgiebt; jede Ueberlegenheit eines Andern gilt ihm einer eigenen Niederlage gleich. In den Augen des Krautjunkers, des Bourgeois, des Krämers ist der Jude ein Emporkömmling, ein Fremder, der sich bereichert hat. Sie verzeihen es ihm nicht, Erfolg gehabt zu haben; sie werfen ihm vor, auf die öffentliche Naivetät zu speculiren,- die menschliche Thorheit auszubeuten, die arme Welt zu dupiren" Der Verfasser findet, daß diese Anklagen „sonderbarer Weise nach der großen finanziellen Epilepsie erneuert worden, welche sich Deutschlands 1872 bemächtigt hatte. Von dem glücklichen Erfolge des Krieges berauscht, glaubte Jeder Millionär zu werden. Dies endigte, wie zur Zeit Law's, mit einem allgemeinen Sturze. Sie Alle glaubten, ein Vermögen in Händen zu haben und es blieb ihllen nur ein Papierlumpen. Adlige, Bürger, Arbeiter büßten ihre ehrgeizige Thorheit durch den Ruin. Aber weit davon entfernt, sich selbst anzuklagen, schuldigen sie die jüdischen Banquiers, die jüdischen Deputirten an. Hört man sie, so haben diese allein das ganze Uebel gemacht. Hieraus entspringen die Pamphlete, die Denunciationen, die Verleumdungen, die eine sehr traurige Vorstellung vom Classenhaß in Deutschland geben. Einige Juden haben sich compromittirt: die ganze Race wird verantwortlich gemacht." — Nach Bourdeau gehört Marr einer dritten, rasfinirteren, durchdachteren Classe von Feinden an, nämlich den Pessimisten. Die- Juden sind Optimisten. „Die reinen Deutschen sind nach Marr die lautersten Idealisten, so eigcnnutzlos, wie Jedei weiß, und so in den Wolken verloren, daß sie zu trinken uni zu essen vergessen. Die Juden aber bezeichnet Marr als di

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