Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1879)
- Date
- 1879-11-11
- Page
- Seite 729 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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729 die Festpredigt, welche in allen ihren Theilen gediegen war; sie behandelte die Frage: Welcher Gewinn erwächst aus dem neuen Gotteshause für die Gemeinde, welche sie baut, für die israelitische Religion und für die gesammte Menschheit im Anschluß an die Worte der Inschrift V'21 rAafl VP3 '2. —. Man schreibt uns aus Tholey unterm 16. d. M.: Am 7. d. M. verschied der Religions- und Elementarlehrer, Cantor und Prediger der israelitischen Gemeinde Ottweiler, Rabbi Samuel Levy, im 75. Lebensjahre. Unsere Gegend, die offen gesagt, leider sehr arm an tüchtigen jüdischen Gelehrten mit zeitgemäßer Bildung ist, verliert durch seinen Heimgang ihre schönste Zierde; denn er war ein wahrer Talmid-Chacham, ein Mann der Wissenschaft, ein vorzüglicher Pädagoge, dazu ein echter Menschenfreund, ein guter und edler Charakter, dem Wohlthun eine Wonne und Liebe zum Frieden ein wahres Bedürfniß war. Von seinen: sel. Vater, Rabbi' Nathan Levy, ebenfalls zum Rabbiner bestimmt, ward er früh in Bibel und Talmud eingeführt, worauf er nach Frankfurt a. M. wanderte, wo er in der dortigen Talmud-Thoraschule (Jeschiwa) seine talmudischen und theologischen Studien fortsetzte und sich auch zugleich weltlicher Bildung ernstlich befleißigte. Rach kaum 4 Jahren starb sein Vater und nun mußte er auf dringendes Verlangen der Seinen und auf wiederholten Wunsch der jüd. Gemeinde O. nach Hause kehren, wo ihm die Fortführung der Functionen seines Vaters, sowie der Jugendunterricht übertragen wurde. Sein Examen als Elemcntarlehrer bestand er vorzüglich. Nach dreijähriger ausgezeichneter Amtsführung ward er von der Königl. Negierung zu Trier vom II. Examen dispensirt und als definitiver Religions- und Elementarlehrer an der isr. Schule zu O. förmlich angestellt. „54 Jahre" verwaltete er seine verschiedenen Verufsfächer in Schule, Synagoge und Haus mit aller Treue und Hingebung und wirkte Gutes in und außerhalb seiner Gemeinde. Am 5. Mai 1875, an -seinem 70. Geburtstage, feierte er sein 50jähriges Amtsjubiläum. Seine Majestät der Kaiser und König verlieh ihn zu diesem Ehrentage den Adler des Königl. Hausordens von Hohenzollern, auch ertheilte ihm unser sel. Obcrabbiner I. Kahn zu Trier den Morenu, resp. Rabbinertitel, den er aber seiner großen Bescheidenheit wegen nie angewandt wissen wollte. — Bis vor einem halben Jahre war er an Körper und Geist rüstig geblieben. — Trotz seines Patriotismus, den er in Wort und That bethätigte, und bei aller Anerkennung seiner trefflichen Leistungen (er bildete unter Anderen viele junge Leute zu Lehrern heran), die ihm auch regierungsseitig öfters geworden, konnte er als jüd. Lehrer — doch nie die vollen Rechte eines öffentlichen Volkslehrers erhalten, was ihm so sehr leid that. Er ging vor einigen Jahren selbst an's Abgeordnetenhaus, doch ohne Erfolg. Er hatte einmal an der Spitze der betreffenden Delegirten des Bezirks öffentlich gegen die Einführung des! Judengesetzes vom 23. Juli 1847 gewirkt, und bies konnte man 1 ihm „dort oben" nicht vergessen. Seine Beerdigung fand unter ungewöhnlich großer Betheiligung statt. An ihr betheiligten sich die Geistlichen beider christlicher Confessionen, viele Beamten der Stadt, die Directoren und Lehrer des Lehrerseminars, der Bürger- und anderer städtischer Schulen, eine große Zahl der christlichen Lehrer der Umgegend und 9 israel. Collegen. Ja vom Main und Rhein, aus der Pfalz, von der Nähe, Saar und Mosel waren Freunde und Bekannte herbeigeeilt. — Auf besonder» Wunsch der Verwandten hielt Einsender dieses am Grabe die Leichenrede; auch fand unter Leitung desselben gleich nach der Beerdigung eine entsprechende Seelenfeier (NQV'2 iVß?n) statt, wobei Glaubensgenossen aus mehr denn 12 verschiedenen Gemeinden sich betheiligten. Des sel. Rabbi Levy's Andenken" aber bleibt in der jüd. Gemeinde Ottweiler unvergeßlich. G. Sender, Lehrer. —. Wie man uns aus Ulm schreibt, wurde am 12. d. im Israelitischen Leseverein eine nachträgliche Feier zum 150. Geburtstage Mendelssohn's begangen, bei welcher Herr Gustav Maier eine begeisternde Rede über die Vorgänge und Verdienste des unsterblichen Weisen hielt. — Die Jtalia berichtet aus Nom einen unangenehmen Vorfall. Ein jüdischer Leichenzug, der am Abend unter Begleitung von Fackelträgern stattfand, kan: auf dem Platze de la Bocca della Vcrit-.i vor einem Kaffeehause vorüber. Die Besucher desselben verhöhnten die Israeliten, und es entstand ein Kampf, in welchem die Spötter unterlagen, und dem die Wachen ein Ende inachen mußten. Als die Israeliten vom Friedhof zurückkehrten, fanden sie einen viel größeren Haufen, der über sie herfiel. Mitten im Streite hörte man einen Schuß und einen Schrei, worauf Alles davonlief. Ein Schutzmann hatte geschossen, und einen Mann getroffen, der nicht weit davon gestanden und sich gar nicht in den Streit gemischt hatte. Bonn, 26. Octobcr. (Notizen.) Man schreibt uns aus Bielefeld unterm 23. d.: Der Rentner Herr Marcus Jordan Hierselbst, feierte am vergangenen Sabbath seinen IM. Geburtstag. Der Jubelgreis erfreut sich noch einer großen körperlichen Rüstigkeit, die es ihn: ermöglicht, täglich seine stundenlangen Spaziergänge zu machen und sich in gewohnter Weise an den Schönheiten der Natur zu erfreuen. Ebenso zeichnet ihn eine ungetrübte Geistessrische aus. Obgleich die Feier im engen Familienkreise vor sich gehen sollte, so nahm sie doch einigern:aßen einen öffentlichen Charakter an. In der Synagoge, wo der Sitz des Jubilars schön bekränzt war und er zur Thora gerufen wurde, verwebte der Prediger Herr Blumenau das seltene Fest in seine Predigt über 1. Mos, 6, 9, welche Worte zu einer Parallele zwischen dem Jubelgreise und Noah erwünschte Veranlassung boten. Nach dem Gottesdienste überreichte mit einer warmen Ansprache der Vorstand der Gemeinde Namens derselben - einekunstvoll ausgestattete Gratulationsadresse. Auch von dem Magistrate war ein herzliches Gratulations« 4«