Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1879)
- Date
- 1879-11-11
- Page
- Seite 725 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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725 Gemeinde und ermahnte, auf dem beschrittenen Wege cultuellen Fortschritts, wie auch geistiger und sittlicher Fortbildung zu beharren. Viersen, 28. October. (Privatmitth.) Den Lesern dieser Zeitung bringen wir aus dem Jahrg. 1877 S. 780 und 8K), sowie aus dem Jahrg. 1878 S. 53 und 70 in die Erinnerung, daß Hierselbst eine höhere Lehranstalt als Simultanschule aus städtischen Mitteln gegründet wurde, das obrigkeitlich genehmigte Statut aber die Juden aus dem Curatorium ausschloß, indem es bestimmte, daß von den neun Mitgliedern sechs der katholischen, drei der evangelischen Confession angehören müßten. Alle Beschwerden hiergegen wurden von den Instanzen zurückgewiesen und eine desfallsige Petition des Bürgers Hornemann (jüdischer Religion), der sogar den eigentlichen Anstoß zur Gründung dieser Lehranstalt gegeben, an das Abgeordnetenhaus hatte das Schicksal, daß in der Petitionscommission wie im Hause über sie zur Tagesordnung übcrgegangen wurde. Jetzt hat Herr Hornemann unter dem heutigen Tage seine Petition an das Abgeordnetenhaus erneuert. Die Sachlage selbst ist sehr klar und mit einer geringen Aenderung hätte ihr abgeholfen werden können. Denn wenn das Statut nur gesagt hätte: von den neun Mitgliedern des. Curatoriums sollen höchstens sechs der katholischen, drei der evangelischen Konfession angehören, so wäre jeder Beschwerde die Spitze abgebrochen. Denn dann könnte doch ein Jude hineingewählt werden, so daß das Recht der Juden gewahrt wäre, wenn es auch kaum wahrscheinlich ist, daß die Viersener einen Juden in das Curatorium wählen werden. Freilich ist es bei der gegenwärtigen Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses noch viel unwahrscheinlicher als früher, daß der Petent einen Erfolg erzielt. Viersen gehört übrigens zu den Orten, wo die jüdische Gemeinde unter Falk gezwungen wurde, ihre Elementarschule aufzuheben. VOM Rtztin, 31. October. (Privatmitth.) Es ist doch eine eigenthümliche und ausfällige Erscheinung, das; man zu einer Zeit, wo man „die Semiten" am ineisten verlästert und verhöhnt, ihrer gar nicht 'mehr entbehren zu können scheint Kaum ist der „Semite" Friedenlhal aus dem preußischen Staatsministerium geschieden, als der „Semite" Fried berg, bis jetzt Staatssecretär im Reichsjustizamte, in dasselbe Staatsministerium eintritt und zwar in einem'noch wichtiger» Ressort, als Justizminister. Die Leser dieses Blattes sind nicht daran gewöhnt, daß in ihm auf die getauften Juden recurrirt wird. Aber unsre Gegner machen diesen Unterschied nicht, sondern sie werfen z. B. dem seit sechszig Jahren getauften Lord Beaconsfield noch heute sein „Semitenthum" vor, als ivenn er noch jeden Morgen in die Synagoge ginge. Sie greifen überall die „Semiten" an und sprechen von dem „vergiftenden Einfluß der Semiten" auf Volk und Land. Die Thatsachcn lehren aber, daß auch die conservativste Strömung nicht zu verhindern vermöge, „Semiten" in die höchsten Staatsämter eintreten zu lasten, und hierin liegt doch wohl der thatsächlichste Beweis gegen alle jene Schmähungen. Dies führt uns denn auch noch zu einer andern Betrachtung. Die ultramontanen Blätter lasten es sich jetzt angelegen sein, täglich in's Horn zu blasen von den Orten her, wo einige Juden in den städtischen Collegien und in den neuen Gerichtsämtern vorhanden sind. Sie berechnen dann, wie viele solcher Aemter nach dem numerischen Verhältniß auf die Juden und wie viele auf die Katholiken kommen dürften, und beklagen die letzteren als hintenangesetzt. So zetern sie heute von Charlottenburg, gestern von Beuthen, vorgestern aus einem Posener Städtchen u. s. f. Eins entgeht diesen Leuten vollständig, nämlich daß bei allen solchen Wahlen die Qualität, die Befähigung der zu Wählenden entscheiden muß und entscheidet, und jeder Unbefangene wird zugeben,, daß dieser Grundsatz gerade bei den Wahlen von Juden durch die Gesammtmasse der Wähler in Anwendung kommt, weil eben die Juden nur in kleinen Minoritäten vorhanden sind und auch noch das Vorurthcil gegen sie zu überwinden ist. Die ultramontanen Wortführer kennen aber nur Eines, das ist die Confessionalität: so und so viele Katholiken müssen so und so viele Stellen beanspruchen, ebenso die Zahl der Evangelischen und die Zahl der Juden; Befähigung zu einem Amte ist nach ihrer Meinung völlig gleichgültig und nicht erforderlich. Mag sich zufällig eine besondere Befähigung hier bei katholischen, dort bei evangelischen und am dritten Orte bei jüdischen Individuen finden — das darf nicht berücksichtigt werden: die Zahl muß entscheiden! Jndeß erkennen sie diesen Werth der bloßen Zahl auch nur hinsichtlich der Juden an, denn sie beklagen sich niemals über das Ueberwiegen der Katholiken, wo ein solches auch trotz des numerischen Verhältnisses stattsindet. Ist es ihre Absicht doch nur, die christliche Bevölkerung.gegen die Juden einzunchmcn und diese aus allen Positionen zu verdrängen, in welche sie das Volk selbst und das Gesetz gebracht haben mag. Leipzig, 2. November. (Privatmitth.) Der Deutsch- Israelitische Gemeindebund hatte zur goldenen Hochzeit des deutschen Kaiserpaares eine Sammlung zu der von ihm gestifteten, jetzt Mark besitzenden „Beamten-Pcnsions- Caste" angeregt. Aus seinem soeben veröffentlichten Berichte geht hervor, daß aus ca. 80 Gemeinden der relativ geringe Ertrag von 1,U<>2 Mark cingegangen ist, außer 357 Mark aus Cottbus, die dort noch im Depot gehalten werden. Die Zinserträgnisse sollen wie bisher zu Jahresbeiträgen für die | in Deutschland vorhandenen jüdischen Lehrerpcnsionscaffen und zur Unterstützung von Gemeindebeamten behufs Eintritts in eine dieser Lasten vertvendet werden. Wir glauben uns den dringenden Wünschen des verdienstvollen Vorstandes anschließen zu können, daß dieser wichtige Zweck von den Gemeinden immer mehr in's Auge, gefaßt und die gedachte Caste bei