Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1879)
- Date
- 1879-11-11
- Page
- Seite 724 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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724 schrittlern. — Uebrigens fällt es um so mehr auf, soweit man l hier dergleichen Dingen Beachtung schenkt, daß zwei jüdische s Blätter eine Zeit, wie wir sie eben durchmachen, für geeignet i halten, sich über einzelne Rabbinen in den Haaren zu liegen i und in sehr geschmackwidriger Weise über einander loszufahren. - Daß doch venneintliche und vor sich hergetragene Religiosität < so selten mit sittlicher Würde und wahrer Bildung verbunden j ist, sich c.bcr auch gar nicht scheut, diese ihre Würdelosigkeit und Unsittlichkeit zur Schau zu tragen! Was muß man aber 1 auch von einem jüdischen Publicum halten, das sich solche ' Dinge bieten läßt! —; Berlin, 28. October. (Privatmitth.) Die hier erscheinende „Deutsche Hausfrauenzeitung" enthalt in Nr. 43 einen trefflichen Aufsatz aus der Feder einer deutschen Frau: „Ein Wort an die Frauen über die Judenfrage von Marie Neumann, evangelischer Schulvorsteherin zu Hanau." Als glaubensfeste Christin sieht sie doch die Humanität und die Achtung auch vor dem Andersgläubigen als höchstes Ziel des wahrhaft sittlichen Wesens an, und ist tief betrübt über die Rohheit und Gemeinheit, die sich jüngst gegen die Juden in der deutschen Nation, namentlich von den Führern der christlichsocialen Partei, kundgaben. Sie wendet sich daher besonders an die Frauen, denen der Beruf obliege, in der Erziehung ihrer Kinder auf echt humane Gesinnung und überhaupt in allen Kreisen versöhnend zu wirken. Die Dame spricht ergreifende Wahrheiten aus, welche sich viele tonangebende Männer zur Richtschnur dienen lasten könnten. — Dahingegen hat die „Antisemitische Liga" eine Art Thätigkeit dadurch begonnen, daß sie eine Anzahl Strolche gemiethet', die an belebten Straßenecken den Vorübergehenden ein Flugblatt in die Hand stecken und dann schnell verschwinden. In dem Flugblatt wird ganz besonders um Geld gebettelt und dem Spendenden die Anonymität zugesichert, wie denn auch die Urheber und Träger dieser Farce noch heute anonym sind. Man fragt sich da: Gestattet das Vereinsgesetz einen anonymen Verein? gestattet es einem solchen, seine Statuten ohne obrigkeitliche Bestätigung derselben zu verbreiten? Ist es erlaubt, ohne polizeiliche Gewährung auf den Straßen Geld zu fordern? Letzteres erklärt freilich das sofortige Verschwinden der Strolche, wenn sie ihr Flugblatt abgegeben haben, in tvelchem das Haus angezeigt ist, wohin man das Geld bringen solle. Das Ganze ist so lächerlich, daß sein Dasein wohl bald von der Bildsläche verschwinden wird. Berlin, 20. October. (Privatmitth.) Die gestrige Thronrede unseres Kaisers und Königs schloß mit dem Satze: „Es ist Mein sehnlicher Wunsch, daß die beginnende Session den -Frieden, der Mir dringend am Herzen liegt, auch im Innern nach allen Richtungen fördere und dadurch eine segensvolle Bedeüüing"getvmne. Das walte' Gott!" — Auch wir, die preußischen Bürger jüdischer Religion, nehmen diese königlichen Worte mit Freuden entgegen. Wir sind uns bewußt, stets friedfertig gewesen zu fein und nach Frieden mit allen unseren Mitbürgern gestrebt zu haben. Möge man daher auch uns in Frieden lasten, und von den maßgebenden Kreisen der Bevölkerung gesagt werden, daß auch Diejenigen Feinde des Staates sind, welche Haß und Verachtung gegen uns auszustreuen suchen. Alzey, 26. October. (Privatmitth.) Vorgänge einzelner Gemeinden haben nicht immer ein allgemeines Jntereffe. Wenn wir dennoch des jüngst hier gefeierten 25jährigen Jubiläums zum Andenken an die Erbauung der neuen Synagoge Erwähnung thun, so geschieht dies, weil 25 Jahre in der Entwicklung unserer Gemeinden einen Zeitraum abgeben, in welchem die Beharrung auf dem überlieferten Standpunkte, oder der erstrebte und gewonnene Fortschritt, oder gar der Rückschritt und das Verkästen des anfänglich erstrebten Zieles auch ein allgemeines Interesse haben. — Die hiesige Gemeinde gehörte schon früh durch vr. Adler, jetzt New-Aork, den Neformgemeinden an. Der Fortschritt war sehr gemäßigt, ohne bedeutende Abänderungen des Cultus, der Chorgesang wurde ausgebildet und der Besuch des Gottesdienstes ein reger, ja, es gelang, trotz des bedeutenden Geschäftsverkehrs, die Kaufläden am Sabbathund Festtagen geschloffen zu halten. Wenn trotzdem die hiesige Gemeinde als reformsüchtig verrufen wurde, so lag dies damals darin, daß cultuelle Reformen noch sehr vereinzelt vorkamen und die geringsten gottesdienstlichen Abänderungen als religiöser Abfall galten. Die religiösen Reformen haben sich erhalten, die neue Generation ist damit verwachsen und selbst bei dem starken Zuzug vom Lande allseitig acceptirt, so daß trotz des benachbarten Gebiets orthodoxer Wühlerei und Spaltungen der Gottesdienst weder Anstoß erregt, noch irgend welche Ausscheidung und Trennung veranlaßt. Bei dem Gottesdienste des Jubelfestes war auch ein großer Theil der Landbevölkerung zugegen, welche an Cultusreformen nicht gewöhnt ist. Aber Alle waren so erbaut und enthusiasmirt, daß man allgemein erklärte, für einen solchen Gottesdienst gern auf einzelne hebräische oder chaldäische Gebete verzichten zu wollen. Dies ist ein Sieg der Reform und zeugt von ihrer andauernden und wachsenden Lebensfähigkeit, nicht von ihrem Absterben, worüber die schwarze und zelotische Orthodoxie bereits jubeln zu können vorgiebt. Der Gottesdienst zeichnete sich durch eine schöne Cantate und mit allgemeinem Beifall aufgenommene Predigten aus. Abends, : wo auch ein großes christliches Publicum zugegen war, wurde : jüdische Religion und jüdisches Leben gegen viele falsche Ani schauungen und Vorurtheile vertheidigt, und jeder Grund zur [ Verachtung und Verfolgung des Judenthums und der Juden - als nichtig nachgewiesen. Morgens, wo der Gottesdienst , ebenfalls wieder durch herrlichen Chorgesang ausgezeichnet - wurde, berührte der Redner die inneren Verhältnisse der